MIND.IN.A.BOX "RETALIATION": NOCH GRÖSSER GEDACHT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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MIND.IN.A.BOX "RETALIATION": NOCH GRÖSSER GEDACHT

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Kein Musikjournalist und keine Musikjournalistin ist frei von Eitelkeit. Insgeheim hofft man, Kunstschaffenden am Anfang ihrer Laufbahn zu begegnen und ihnen eine große Zukunft zu prophezeien (und diese im Idealfall hingebungsvoll von Veröffentlichung zu Veröffentlichung zu begleiten). Dass so etwas extrem romantisch gedacht ist und meistens nicht der Realität entspricht, ist wenig verwunderlich, denn meistens bleibt es doch bei dürren Voraussagen, die sich nicht bewahrheiten - weil man als Schreibende(r) am Massengeschmack vorbeirezensiert oder weil die vielversprechenden Talente von der Musikindustrie bereits im Anfangsstadium vollends aufgerieben werden, respektive dem phantasievollen Debüt meist nur noch lauwarme Aufgüsse folgten.

Doch wie sicher war ich mir bei "Lost Alone", das 2004 die Welt erblickte, dass Stefan Poiss, der damals mit Markus Hadwiger unter dem Moniker mind.in.a.box zusammenarbeitete, gekommen ist, um zu bleiben - und mit ihm die Cyberpunk-Saga um den Agenten Black, der der Agency abgeschworen hat, um den Mitgliedern des Dreamwebs zu folgen. Wie der Urknall, aus dem sich das Universum ständig weiter ausbreitet, verzweigte sich die an "Matrix" erinnernde Geschichte mit jeder weiteren Veröffentlichung des Projekts mehr, baute neue Charaktere wie "White" und "Night" ein, die das Geschehen weiter forttrugen.

Um diese Geschichte in Gänze zu erzählen, benötigt es eigentlich den kompletten Platz für diese Besprechung. Deswegen sei an dieser Stelle an die Booklets der vergangenen Alben verwiesen, in denen die Geschichte (mittlerweile von Joshua Kreger verfasst) weiter gesponnen wurde. Die Songs dienen dabei als Schlaglichter einzelner Szenerien oder betrachten bestimmte philosophische Sachverhalte, die sich aus der Story ergeben.

War der Vorgänger "Black And White" ein bewusster Ausflug in hörspielartige Nummern, die den Fokus auf die Erzählung der Geschichte legten, hat Poiss nun den Weg zu den Songs zurückgefunden. Vielleicht war der stilistische Exkurs auf den Vorgänger sogar nötig gewesen, um mit frischen Ohren und Ideen an die Kompositionen heranzutreten. Denn selten zeigte sich mind.in.a.box derart anschmiegsam und sanftmütig, gleichzeitig aber detailverliebt und vielschichtig. Das hat zumindest der martialische Titel "Retaliation" (zu deutsch etwa: Vegeltung) nicht vermuten lassen. Von kantigen Klängen früherer Releases ist dieses Mal allerdings nichts zu hören

Besonders auffällig ist die weitere stimmliche Ausdifferenzierung. Waren es zu Beginn dieser musikalischen Reise der Protagonist Black, seine Mitstreiterin Night und Blacks Unterbewusstsein, die durch unterschiedliche Modulation des Gesungenen dargestellt wurden, hat sich die Palette um weitere Figuren (The Friend, White und teilweise einmalig aufblitzende Nebenrollen) deutlich vergrößert. Jede neu eingeführte Stimme birgt eine gewisse Färbung: rau, lieblich, fordernd, melancholisch. Nun tritt eine neue weibliche Stimme auf, die in den wuchtigen Popnummern "We'll Jump Together" (der Cyber-Love-Song für Black und Night schlechthin) und "The Return" (ein Garant für dichtes Gedrängel in den Clubs) beeindruckende Performances von sich gibt und für virtuelle Duette geradezu prädestiniert ist.

In "Toys" wird eine weitere Erzählebene eingezogen, die wohl das ausbeuterische System an sich darstellt. Es zeigt sich als menschenverachtendes Ungetüm, das alles und alle zum Fraß vorwirft, um selbst zu funktionieren. Womit wir auch wieder ein Stück weit in unserer Realität landen. Eine Macht, die Menschen in einem nicht enden wollenden Konflikt verheizt - die Parallelen dürften klar sein.

Wobei es bei mind.in.a.box immer auch darum geht, die Dystopie als Allegorie auf unsere Gegenwart zuzuschneiden. Deswegen wirkt der Opener "Rebuild" auch wie einen Präambel für die folgende knappe Stunde Unterhaltung mit Herz und Verstand: "True freedom is the ability to think while knowing that your thoughts are your own". Im Zuge der Diskussion über Gefahr und Nutzen von KI ein Satz, dessen Wahrhaftigkeit einem fast schon mit nacktem Hintern ins Gesicht springt.

Als "Lost Alone" erschien, startete Facebook gerade erst seine Kulturrevolution, und YouTube war noch im Entstehen; insofern war meine Aussage, mind.in.a.box würde Musik machen, die man erst Jahrzehnte später verstehen würde, seinerzeit sicherlich nicht verkehrt. Denn erst mit der Neugründung des Genres Synth Wave bekam das Projekt die Schublade, die für viele unabdingbar ist, um Künstlerinnen und Künstler zu verstehen. Vielmehr griff aber das Projekt die Frage nach künstlich generierter Musik auf, bevor sie zum Problem avancierte.

Mittlerweile ist das poiss'sche Oeuvre das beste Beispiel, wie sich KI-Musik von menschengemachter künstlicher Musik unterscheidet: Sie besitzt immer noch die Handschrift des Klangzauberers oder der Klangzaubererin, kann Emotionen hervorrufen und hält sich von tonalen Stereotypen fern. Wie beim wuchtig-schüchternen Titeltrack und dem ätherischen "Immunity", mit dem das Werk schließt und in uns zwei Fragen sowie einen Wunsch entstehen lässt: Woher nimmt Stefan Poiss diese Ideen? Was mag da noch alles kommen? Und: Hoffentlich wird das alles noch lange anhalten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 23.09.26 | KONTAKT |  WEITER: KURZ ANGESPIELT 10/26>

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