4/16 CHILI AND THE WHALEKILLERS, SIVERT HØYEM, RIGNA FOLK, DAN SCARY: EIN KESSEL BUNT(SCHWARZ)ES - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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4/16 CHILI AND THE WHALEKILLERS, SIVERT HØYEM, RIGNA FOLK, DAN SCARY: EIN KESSEL BUNT(SCHWARZ)ES

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Eines vorweg: Der Autor ist weder drogenabhängig, noch musste er für das Verfassen dieses Artikels irgendwelche bewusstseinserweiternden Stimulanzen zu sich nehmen. Es ist allein den folgenden Gruppen zu verdanken, dass sich die nächsten Kurzbesprechungen wie ein langsames Abtauchen durch alle Farben liest - angefangen von hellen Tönen bis hin zum alles verschluckenden Schwarz. On y va!

Beziehungsweise: Verweilen wir zunächst noch an der lichten Oberfläche und genießen wir das pastellige Blau, das sich im kunstvoll geflochtenen Gitarren-Pop von Chili And The Whalekillers entfaltet. Mit "Words On Tuesdays" schafft die österreichisch-isländische Band etwas außergewöhnliches: Nach außen hin präsentiert sie sich katzengleich anschmiegsam, zwinkert in "Laundry Room" und dem etwas schrulligen "Lovers Of The Century" dem fast schon vergessenen Brit-Pop zu und erinnert mit ihrem, vom Saxofon dominierten "Sunshine Day" an die Glanzzeit von New Wave. Doch unter der Lupe betrachtet sind ihre Werke das Ergebnis ausgefeilter und anspruchsvoller Text- und Klangkompositionen. Hier wurde keine Note dem Zufall überlassen und selbst jeder Schlag auf die Snare-Drum genau ausgelotet, um das Gefühl juveniler Unbeschwertheit in den zwölf Nummern voll aufblühen zu lassen. So besingen sie unter einem frühlingshaften Flötenspiel und weltentrückter Klampferei eine "Pronographic Princess", um nur danach mit "Julie's Gone To America" einen Hauch Melancholie einzustreuen, gleich einem Fliederton in einem sonst hellen Gemälde, um im metaphorischen Farbkasten zu bleiben. Er kündet von den kleinen Tragödien des Lebens, die auch bei "Words On Tuesdays" stattfinden.

Eigentlich verderben ja zu viele Köche den Brei, aber bei Chili And The Whalekillers tritt die seltene Konstellation ein, dass bis auf den Schlagzeuger alle Mitglieder auch als veritable Songwriter fungieren (sogar ein Stück auf isländisch geben die Jungs zum Besten). Auch wenn es um die "Words On Tuesdays" geht, so ist dieses Album doch ein perfekter Soundtrack für einen flüchtigen Sonntagmorgen unter einer Wärme spendenden Frühjahrssonne.

Diese scheint bei "Lioness" von Sivert Høyem bekanntermaßen nicht. Im Gegensatz zu seinem Vorgängerwerk "Endless Love" kehrt aber auch bei ihm so etwas wie ein wärmendes Licht in die sonst eher düsteren Stücke zurück. Schon "Sleepwalking Man" taucht die Szenerie in weinrote bis purpurfarbene Gaze und verspricht dem Hörer so etwas wie Geborgenheit. "Fool To The Crown" zeigt den sonst im samtweichen Bariton beheimateten Ex-Frontmann der stilprägenden Alternativ-Rock-Gruppe Madrugada erstaunlich experimentell. Im Refrain steigt Høyem in ungewöhnliche Höhen, hält dabei sein Organ jedoch souverän stabil. In jeder Hinsicht kann aber der Titelsong als Startpunkt für eine neue Qualität in Høyems Songwriting gesehen werden. Ein rhythmisch angeschlagenes Piano, Streicherarrangements und punktierte Gitarreneinsprengsel verleihen "Lioness" eine skandinavische Grandezza, wie sie eben nur Musiker aus dem Hohen Norden hinbekommen (ähnlich funktioniet übrigens auch "My Thieving Heart", wunderbar im Duett mit Marie Munroe vorgetragen). Aber selbst wenn "Lioness" eine neue Facette des Sängers zeigt (der sich vielleicht als noch junger Vater der Schönheit und Freude eines neuen Lebens auch nicht entziehen konnte), bleibt er stets ein Freund der Dunkelheit. Bei "The Boss Bossa Nova" lässt er noch einmal die sinistren Synthesizer, die dieses Mal stark zurückgewichen sind, zur Hochform laufen. Und im abschließenden "Silences" bekennt er: "The Night Is My Favourite Time Of Day". Wer mag ihm angesichts dieses Albums da widersprechen.

Und es müssen auch sonderbar schwarzblaue Nächte gewesen sein, an denen die Ulmer Formation Rigna Folk ihr Werk "Nova Void" eingespielt haben - ein Konzeptalbum, in dem es um die Menschheit geht, die sich mit dem Ende ihres Planeten konfrontiert sehen und aufgrund dieser Situation in zwei Lager spalten. Schon allein die bombastische Geschichte lässt auf eine stilistische Nähe zu den Projekt-Rockern von Pink Floyd schließen. Aber Rigna Folk sind mehr dem ätherischen Shoegaze zugetan, den sie mit einigen Keyboard-Spielereien aufhübschen. Viktor Nordir thront dabei mit einer klaren und fest justierten Stimme (teilweise erinnert sie an Brian Molko von Placebo) über die mächtigen Soundwände, die einen anderen Sänger vielleicht schon begraben hätten. Allerdings weiß die Band sehr genau, wann ein tönerner Sturm entfacht werden muss, und wann es auch mal etwas ruhiger zugehen darf. Mit anderen Worten: Der Bombast erschlägt den Hörer nicht, sondern lässt genug Platz zum durchschnaufen. Wie bei "Grow Beyond", das nach dem vorangegangenen Wirbelwind in Form des Stückes "Propaganda" für ruhige Momente sorgt, bevor die letzten Takte wieder üppig instrumentiert werden. Gleichsam gefangen und losgelöst fühlt man sich daher angesichts dieser energetischen Leistung, die Rigna Folk auf "Nova Void" abliefert.

Emotional aufwühlend und musikalisch überaus anspruchsvoll (mit "Kosmonavt" wird sogar ein Stück in russischer Sprache vorgetragen) malen sie, wie schon eingangs erwähnt, mit deutlich schwarzem Pinselstrich ihre Noten, setzen aber immer noch, dem Albumcover gleich, eingie lichte Akzente, um der Schwermut, welcher "Nova Void" zweifelsohne innewohnt, nicht komplett zu verfallen.

Willentlich geschieht dies aber bei Dan Scary, ebenfalls ein bundesdeutsches Eigengewächs aus Velpke bei Wolfsburg. "Als ich aufhörte zu schweigen Kapitel 3" verdient dabei das Prädikat "Gothic" - und zwar im erzkonservativen Sinne: Keine überproduzierten Stücke sind hier zu hören, sondern einfach arrangierte Nummern, die noch im Geiste des Punk angesiedelt sind, aber deutlich apokalyptischer ausfallen. Die in Eigenregie veröffentlichte Platte malt tatsächlich nur noch in schwarzen Farben. Vereinzelt mag zwar hie und da ein Grauton aufschimmern, mehr Lebensfreude ist aber nicht drin. Das stört allerdings wenig, angesichts der teilweise unkonventionellen und erfrischend politisch inkorrekten Texte, die Daniel Url zu Papier gebracht hat. Nicht nur der Seitenhieb auf die Religion wird souverän in "Gott F.S.K." ausgeführt, auch gesellschaftspolitische Verfehlungen legt der Musiker höchst unterhaltsam in "Das System ist unruhig" und dem extrem tanzbaren "Knochenstaat" offen. Zudem gelingt ihm mit "Meissel vs. Steinkopf" ein expressionistisches Sinnbild, und "Pulsmesser" enthält ein ebenfalls ausgefeiltes Wortspiel. In diesen Momenten zeigt sich Dan Scary von seiner aufregendsten Seite. Auch wenn der Mann mit seiner Musik rund 25 Jahre zu spät auftaucht, lässt der Albumtitel vermuten, dass es genügend Menschen gibt, die sich nach eben diesen rohen, ungeschliffenen Tönen sehnen.
Und laut Künstleraussage ist das zweite Kapitel als physischer Tonträger bereits ausverkauft. "Das Ende vom Lied", wie es abschließend heißt, bedeutet dies dann wohl noch lange nicht. Und das ist auch gut so.


||TEXT:  DANIEL DRESSLER  | DATUM: 04.05.16 |    KONTAKT   | WEITER: INTERVIEW MIT THYX >


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Webseiten:
www.siverthoyem.com
www.chiliandthewhalekillers.com
www.rignafolk.de
www.dan-scary.jimdo.com

Cover © Velocity Sounds Records (Chili And The Whalekillers), Hektor Grammofon/Rough Trade (Sivert Høyem), Dunstan Music (Rigna Folk), Dan Scary

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