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BEBORN BETON "A WORTHY COMPENSATION": KARUSSELL DES LEBENS

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Es ist wie das mit Spannung erwartete Wiedersehen eines alten Freundes, den man zuletzt vor etlichen Jahren getroffen hat.

Fragen über Fragen schwirren einem dabei durch den Kopf: Wie hat er sich entwickelt? Werden wir überhaupt noch zusammenfinden? Ist er womöglich in dieser Zeit ein ganz Anderer geworden, sodass wir uns im Grunde überhaupt nichts mehr zu sagen haben?

Doch dann sitzt man gemeinsam in einer Bar, ein geistiges Getränk in der Hand haltend, und fängt einfach an zu reden. Ganz plötzlich hat es den Anschein, als wäre er nie weg gewesen, als hätte man die Zeit dazwischen gemeinsam verbracht; alle Zweifel und Gedanken völlig überflüssig.

So erging es zumindest mir, nachdem ich die ersten Takte von "Daisy Cutter" gehört hatte, dem Opener von Beborn Betons neuem Album "A Worthy Compensation".


Es benötigt lediglich das zaghafte Tropfen der Rhythmussektion und die verwaschenen Synthietrompeten, um tief und entspannt durchatmen zu können.

Diese diffuse Angst darüber, ob die respektablen Synthie-Pop-Größen der 90er Jahre vielleicht ein wenig altersmilde oder gar völlig unverständlich klingen würden, ist mit diesem ersten Song wie weggeblasen: Sofort fängt einen der typische Beborn-Beton-Kosmos wieder ein.


Stefan Netschio singt immer noch gekonnt markant, während die neuen Stücke es ohne große Mühe schaffen, sich eine leere Seite im großen Buch der Synthie-Pop-Geschichte freizuhalten, dem sie ihr ganz eigenes Kapitel hinzufügen dürfen.

Ganze 16 Jahre liegen zwischen dem aktuellen Werk und dessen Vorgänger "Fake".

Sieben davon waren allein der Produktion gewidmet. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Material ist "A Worthy Compensation" anzuhören. Übersetzt bedeutet der Titel so viel wie "angemessene Entschädigung", der unmissverständlich auf die lange Funkstille der Essener hindeutet.


Doch was Beborn Beton veröffentlichen, ist mehr als das; ein handfester Beweis dafür, dass es sie noch gibt: Gut produzierte, ehrliche Synthie-Pop-Alben, die sich nicht sklavenhaft an die Fersen von Depeche Mode oder ähnlicher Titanen heften, sondern mit einem großen Ausrufezeichen problemlos für sich stehen können.


Bereits in ihrer Frühphase Anfang der 1990er gelang dem Essener Trio dieses Kunststück geradezu spielerisch; klanglicher Beweis sind die Stücke "Tybalt", "Concrete Ground" sowie das legendäre Meisterstück "Nightfall". Jetzt kommt "A Worthy Compensation" als weiterer tönerner Meilenstein hinzu.

Dabei sind die aktuellen Songs -
rein thematisch gesehen - nicht neu. Es geht um das "Karussell des Lebens", wie Beborn Beton eingangs in ihrem Booklet beschreiben. Pittoresk veranschaulicht dies das Titelbild: Auf den sogartig nach gezogenen Körper wird ein Riesenrad projiziert: Höhen, Tiefen, Trennungen, Neuanfänge, Begegnungen... Sie alle formen und verändern im Laufe der Jahre nicht nur die äußere Hülle, sondern schreiben sich darüber hinaus auch tief in die Seele eines jeden Menschen ein.

Dieser Rundum-, beziehungsweise Rückblick ist angesichts einer mehr als 20 Jahre umspannenden Karriere natürlich mehr als naheliegend.

So wollen "I Believe" und "Last Day On Earth" (letztgenannte Nummer übrigens höchst anspruchsvoll verfilmt) nichts anderes, als das melancholische Moment der alten BB-Werke im Gedächtnis des Hörer zu reaktivieren. Und das inkommensurable "24/7 Mystery" führt gedanklich ihren Klassikers "Im Innern Einer Frau" fort, während die Strophen fast schon aufreizend provokant Duran Durans "Girls On Film" zitieren.


Das verzeiht man Beborn Beton aber gerne, denn "A Worthy Compensation" bleibt nach wie vor ein eigenständiges, homogenes und vor allem ehrliches Werk, das nicht einem allgemeinen Trend, sondern einer inneren Überzeugung folgt.


Dass die Endabmischung der Platte Olaf Wollschläger anvertraut wurde, war dabei nur konsequent. Denn er versteht es perfekt, bandinternen Ideen oder Konzepten mit seiner Arbeit den letzten Feinschliff zu verpassen. Das gelang bereits bei Melotron, Mesh oder In Strict Confidence, und jetzt eben auch bei Beborn Beton.

Kehren wir also zurück zum Beton. Und genießen wir für einen Moment das Gefühl, als seien die Jahre gar nicht an uns vorbei gerauscht. Der gute alte Freund ist immer noch so sympathisch wie früher – er hat nur an Lebensweisheit gewonnen; was ja nicht unbedingt die schlechteste Entwicklung sein muss.


||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 27.12.15 |  KONTAKT |  WEITER: QUO VADIS, APOPTYGMA BERSERK? >

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