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DIAF: HINTERM ALPENGLÜH'N LAUERT DER ABGRUND

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Möchte man deutsche Bands, die Popmusik und Mundart zusammenbringen, auf einer Landkarte markieren, ergibt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Torfrock, Ina Müller und im Fettes Brot (in ihrer Frühphase) nutzen - mehr oder minder regelmäßig - das Plattdeutsche, in den nordrhein-westfälischen Karnevalshochburgen taten sich vor allem BAP, Black Föös und De Höhner hervor, die mit ihren Songs im kölschen Dialekt auch außerhalb der Pappnasen-Saison reüssieren konnten. Der Osten des Landes verfügt über eine aus DDR-Zeiten florierende Popkultur, die aber nur in Hochdeutsch vorgetragen wird. Das sächsische Idiom, oder auch das Berlinerische, fristet ein Nischendasein in der Volksmusik.

Im Süden jedoch, ganz besonders in der Aplpenregion, schießen seit Dekaden immer wieder Bands und Musiker wie Schwammerl aus dem Boden. Besonders im österreichischen Gebiet hat sich eine selbstständige Kultur, der Austro-Pop, entwickelt. Und dieser reicht von kabarettistischen Kapellen wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung über den astreinen Pop-Interpreten Reinhard Fendrich bis hin zu den Kneipen-Rockern von Wanda.

Dieses pop-, sub- und jugendkulturelle Selbstverständnis strahlt nach Bayern aus, wo beispielsweise die Spider Murphy Gang auf der Neuen Deutschen Welle mit schmissigem Mundart-Rock'n'Roll surfte, während Konstantin Wecker und Hans Söllner in der Tradition deutscher Liedermacher dem Volk aufs Maul schauen und die Biermösl Blosn der Blasmusik neue Impulse, um dem verstaubten Image der Blas- und Stubenmusik entgegenzutreten.

Niko Biberger alias DIAF (zu deutsch: Tief) steht mit seinem Debüt "Weida" in der Nachfolge dieser Genealogie. Die Wahl seiner musikalischen Waffen: Synthesizer und Gitarren. Das Ergebnis ist ein Konglomerat aus (Synth)Wave und Post-Punk vermengt mit typischer Regionalsprache. "Der bayerischen Seele wohnt eine gewisse Dunkelheit inne, die nur selten zum Ausdruck gebracht wird" erklärt der Musiker. "Musik in bayerischer Mundart beschreibt häufig eine 'heile Welt' oder verliert sich in der Glorifizierung einer hedonistischen Bierzeltkultur. Und sicherlich hat auch das seinen Platz. Doch unter dieser glatten Oberfläche lauern tiefe Abgründe." Diese beschreitet DIAF mit seiner Musik.

Der Mann bringt bereits musikalische Erfahrung mit. Mit Path Of Samsara und 777 hat er sich zuvor düsterrockigen Klängen verschrieben; seine Idee zu DIAF nahm da vielleicht bereits schon erste Formen an. "Es war etwas, das lange Zeit in meinem Kopf herumschwirrte. Ein Gedanke, ein Gefühl, eine Vision. Letztes Jahr entschloss ich mich dazu, dem Ausdruck zu verleihen." Bereits die ersten Veröffentlichungen in den sozialen Medien haben für positive Resonanzen gesorgt.

Bibergers dringlicher, alerter Gesang erinnert nicht von ungefähr an Hubert von Goisern. Er zählt den Alpenrocker zu seinen Einflüssen ebenso wie Falco, aber auch Current 93, Joy Division, Tangerine Dream und Arvo Pärt haben ihn nach eigenen Aussagen geprägt. In diesem Spannungsfeld schwanken seine Songs zwischen allgemeingültigen Emotionen - sehr eindringlich: die neofolkige Verlust-Ballade "Splitter", den Biberger als "Wendepunkt des Albums", als "Boden des Abgrunds" bezeichnet, von dem es nur noch bergauf gehen kann - erhalten aber sowohl durch Dialekt als auch Themenwahl eine starke regionale Färbung. Denn wer wenn nicht ein Mann aus dem erzkatholischen Bayern kann so geschmeidig über die "Erbsündt" singen? Wenngleich Niko auch hier etwas "tieferes" meint, als die Klischeevorstellung bigotter Katholiken, die Sonntags brav die Kirchenbank drücken, um es sich "mit'm Herrgott" nicht zu verscherzen. Eher scheint daher "Ritual", das an breitbeinige 80er-Disco-Rock-Combos erinnert, die wahre Spiritualität von DIAF zu belegen. "Mach an Geist auf" wird hier zum (über)lebenswichtigen Mantra des Sängers.


Insgesamt jedoch färbt sich die Alpenkulisse bei "Weida" mindestens so rotschwarz wie das ikonische Plattencover, auf dem der Kopf einer Gemse die eindeutige Provenienz dieses Werks unmissverständlich klar machen will. Die Metaphorik der Alpen wird umgedeutet. Das Idyll steht nun sinnbildlich für die Unwegbarkeiten des Lebens. DIAF allerdings sieht sich nicht verloren inmitten der massiven Gesteinsformationen. In "Berg" wird selbiger als überwindbares Hindernis gesehen, als Herausforderung, um das Leben zu meistern.

Biberger selbst bezeichnet das Album als "Soundtrack für diese Zeit". Ein Großteil der Stücke seien während des allgemeinen Lockdowns aufgenommen worden. Ungewissheit und Zuversicht spiegeln sich auch in den Songs wider: "Als Künstler hat man die Aufgabe, dem was unsichtbar in der Luft umher schwirrt, eine Gestalt zu geben. Letzten Endes geht es darum, welche Emotionen die Musik beim Zuhörer auslöst - jenseits aller Sprachbarrieren." Weswegen bereits auch andere Länder von DIAFs Erstling Notiz genommen haben. Der Beginn einer vielversprechenden Karriere made in Bavaria.

|TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.08.20 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 9/20>

Webseite:
diaf.bandcamp.com


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COVER © YOUNG & COLD RECORDS
FOTOS © DIAF/NIKO BIBERGER

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