"TO THE OUTSIDE OF EVERYTHING - A STORY OF UK POST PUNK 1977-1981" VS. "KEINE BEWEGUNG 2": GEIL ANDERS - GESTERN UND HEUTE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"TO THE OUTSIDE OF EVERYTHING - A STORY OF UK POST PUNK 1977-1981" VS. "KEINE BEWEGUNG 2": GEIL ANDERS - GESTERN UND HEUTE

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Irgendwann hat sich die Stimmung geändert. Der Schockeffekt des Punk-Rock ist schnell verpufft, die Drei-Akkord-Nummern kreativ einengend. Was musste danach kommen? Post-Punk natürlich, der unvermeidliche Blick über den musikalischen Tellerrand hinaus. Doch der Genrebegriff trügt und ist extrem schwammig. Denn mit "Punk" hat diese Sparte subkultureller Klangerzeugung nicht zwangsläufig viel gemeinsam.

Vielmehr bemüht dieser Terminus eine ganze Palette an musikalischen Auswüchsen, die sich weiterhin dem Mainstream verschränken, aber auch nicht mehr den zur Pose verkommenen Punk künstlich am Leben halten wollen.  Und wie immer, wenn es darum geht, eine Bewegung in ihrer Dreidimensionalität offenzulegen, ist das Cherry Red Label nicht weit. Nach den unterhaltsamen Ausflügen in die Anfänge von Punk, Gothic und Mod, ist nun endlich Post-Punk dran. "To The Outside Of Everything - A Story Of Uk Post-Punk 1977-1981" verfährt dabei wie bei ihrem Punk-Kompendium "Action, Time, Vision" chronologisch.

Gewohnt auf hohem Niveau präsentiert sich der Sampler, nebst liebevoll ausstaffiertem Booklet mit Informationen zu den Songs und Bands sowie neiner überbordenen Bilderreise mit Plakaten, Covers und vieles mehr. Auf fünf CDs legen die Macher von "To The Outside Of Everything" ihr großes Wissen offen und zeigen sich - ganz im Sinne des Post-Punk - stilübergreifend. So darf Joy Divisions "Transmission" und "The Friend Catcher" von Nick Caves erster Band The Birthday Party den beginnenden Düster-Rock der Gothics vorwegnehmen, während Throbbing Gristles "United", der erste Teil der experimentellen "Dignity Of Labour" EP der frisch gegründeten The Human League oder Fad Gadgets Debütsingle "Back To Nature" in seiner elektronischen Beinahe-Totalität ein völlig anderes Bild abliefern.

Das sich viele dieser bekannten Künstler bereits auf den anderen Cherry-Red-Kompendien tummeln zeigt zum einen, dass diese Musiker innrhalb dieser kurzen Periode selbst musikalische Häutungen vollzogen haben, zum anderen verdeutlich es aber auch, wie schwer, ja geradezu unmöglich es ist, eine Band einem Genre zuzuordnen.

Aber viel interessanter - wieder einmal - sind die Reihen hinter den bekannten Namen. Hier befinden sich die teilweise ungehörten oder raren Schätze. Thomas Leers "Privat Plane" reicht mit seinen Sounds die Hand zu bekannten Krautrock-Helden, "Sketch For Summer" von The Durutti Column wartet mit Vogelgezwitscher und entspannten Gitarrenlicks auf, und "Boots For Dancing" der geichnamigen Band aus dem Dunstkreis der Rezillos zitiert improvisierte Funk-Jazz-Momente.

Sie alle vervollständigen das Bild einer Szene, die am vermeintlichen Vorabend einer möglichen nuklearen Katastrophe einen ungeheuren kreativen Output vorweisen kann. Im Gegensatz zum pessimistisch-destruktiven "No Future!" Schlachtruf der Punks, schleicht sich in den melodiös, ja bisweilen poppigen Klängen der nächsten Musikergeneration so etwas wie der unbedingte Wille zur sophistisch-philosophischen Selbstbestimmung ein. Ja, die Welt ist kein guter Ort. Doch wir können ihn mit unseren Worten und Klängen erträglicher gestalten.

Gut 40 Jahre später stehen wir wieder am selben Punkt: unberechenbare Staatsoberhäupter, die sich in atomarem Säbelrasseln üben, voranschreitende Umweltzerstörung, Krisenherde allüberall - auch und besonders in Deutschland. Und während man an der Oberfläche konturlosen Schlagerbarden lauscht, deren Plattitüden so gehaltvoll wie eine Drei-Minuten-Terrine sind, hat sich in den schmutzigen Hinterhöfen der Großstädte wieder eine inspirierte und inspirierende Garagen-Kultur entwickelt.

Nach ihrer ersten Bestandsaufnahme von vor drei Jahren unter dem Banner "Keine Bewegung" (welch semantische Koketterie!), hat das Staatsakt-Label noch einmal den prüfenden Blick über das Land und dem, was sich unter dem Hitparadenradar abspielt, schweifen lassen. Am Ende steht mit "Keine Bewegung 2" ein veritables Stück Zeitgeschichte auf klassischen Vinyl-Tonträger gepresst.

"Im Zeitalter der Zukunft Zukunftsängste" geben Trucks in "B-Feld" unter peitschenden Snares und punkiger Attitüde die Parole für die gesellschaftlich emotionalen Status Quo der Bundesrepublik vor. Die digitale Welt spielt eine immer stärkere Rolle in der Lyrik dieser neuen Poeten. Aber selten charmant und fast schon unbedarft melancholisch klingt es bei "Goldene Zukunft" der Formation Paradies.

Zukunft funktioniert aber nicht ohne Vergangenheit. Oder besser gesagt: "Keine Bewegung 2" hat ihre Idole verschiedenartig eingebunden, um daraus etwas neues zu erschaffen. So verleiten uns Gurr allein durch ihren Titel "Atemlos" zunächst in Fischer'sche Untiefen, um in rasanten zwei Minuten und mit eingen umgearbeiteten Textbausteinen Ideals "Berlin" zu huldigen.

Ebenfalls die alten Helden ins Gedächtnis rufend, verschaffen uns Levin Goes Lightly mit Iggy Pop "Nightclubbing" ein extrem cooles Elektro-Update der Nummer, die Iggy Pop und David Bowie während ihrer gemeinsamen Zeit in der damaligen Mauerstadt erdacht haben. Nicht zuletzt wagen Isolation Berlin sich an das lyrisch feingeschliffene "Common People" von Pulp. Ihre Chuzpe, daraus "Gewöhnliche Leute" zu machen und die Geschichte ins Deutsche zu transferieren, hätte auch bitter enden können. Aber die Band weiß ziemlich gut was sie tut - und sie haben ein kleines Wunder geschaffen.

Wie auch bei den Post-Punkern der ersten Generation zeigen sich die bundesdeutschen Musiker extrem offen in ihrer Kunst. Cure'scher Dunkelpop mit einem lachenden und weinenden Auge (Drangsals "Heultage") finden sich ebenso auf diesem Sampler wie käsiger Captain-Future-Synthie-Pop mit Autotune-Gesang ("Futura" von Der Ringer) und psychedelischer 60s-Cocktail-Bar-Sound (Mile Me Deaf mit ihrem "Alien Age"). Was sie eint, ist eine stilvolles Dagegensein, bei Lampes Gute-Vorsätze-Nummer "Morgen fang ich an" und dem Lo-Fi-Swing in "Ode an die Ödnis" von Albrecht Schrader sogar mit kabarettistischen Untertönen versehen. Geradezu grotesk lustig wird es bei der Deflorations-Hymne "Wenn der Vorhang aufgeht" von Schnipo Schranke (ohnehin ist ein erfreulich hoher Anteil weiblicher Musiker auf der Zusammenstellung auszumachen).

Doch ganz von den Genderfragen abgesehen, verdichtet "Keine Bewegung 2" den deutschen Untergrund vielsagend und zeigt, dass die Spielfreude der ersten NDW-Generation sowie die philosophisch unterfütterten Alltagsbeobachtungen der Diskurs-Popper deutliche Spuren bei den Jungs und Mädels hinterlassen haben. Und das ist nicht das schlechteste. Ob es nun Post-Punk oder sonstwie heißt, ist letzten Endes egal. Hauptsache es ist geil anders!

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.11.17 | KONTAKT | WEITER: ASP "ZUTIEFST">

Webseite:
www.cherryred.co.uk
www.staatsakt.de


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COVER © CHERRY RED RECORDS/ROUGH TRADE ("TO THE OUTSIDE OF EVERYTHING"), STAATSAKT/CAROLINE NTERNATIONAL ("KEINE BEWEGUNG 2")

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