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FLUT "GLOBAL": KITSCH TRIFFT COOL

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Der Begriff Austro-Pop ist für Musikjournalisten ein Träumchen. Denn er passt zu so ziemlich jeden Künstler, der aus dem kleinen Alpenland stammt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Dialektbarden mit ausgewiesener Schlagerkante wie Reinhard Fendrich, Kabarettisten-Combos wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung oder international anerkannten Größen wie Falco handelt. Selbst die vor einigen Jahren hoch- und runtergejazzten Wanda mit ihrem versoffenen Beisl-Rock gehören dazu und sind für viele Connaisseure immer noch das Nonplusultra österreichischer Populärmusikkunst.

Seit vergangenem Jahr jedoch erhalten sie extremen Gegenwind. Denn Johannes Paulusberger (Gesang, Gitarre), Sebastian Voglmayr (Gitarre), Manuel Hauer (Synthesizer), Jakob Herber (Schlagzeug) und Florian Voglmayr (E-Bass, Bass-Synthesizer) setzen als FLUT einen erneuten Kontrapunkt zu den aktuellen musikalischen Strömungen ihres Heimatlandes. Anstatt rotziger Riffs dominieren cleane Gitarrenlinien mit elektronischer Begleitung die Szenerie. Und dem etwas schmuddeligen Auftreten ihrer Kollegen - in einer Hand eine Bierflasche, in der anderen eine Tschik (wie der Österreicher geradezu liebevoll seine Zigaretten nennt) - setzen sie teilweise geschminkte Antlitze, Föhnwelle, Trenchcoats und gewagt gemusterte Hemden entgegen.


Schon bei ihrem ersten musikalischen Lebenszeichen in Form der fulminant abgefeierten EP "Nachtschicht" machten FLUT klar, dass sie die 80er retten wollen. Auch der Krimi-Videoclip zu "Linz bei Nacht" verschreibt sich komplett der körnigen VHS-Ästhetik, was der Band natürlich das Image eingebracht hat, ein wenig wie aus der Zeit gefallen zu sein. Und sind wir ehrlich: Es gibt kaum einen besseren Zeitpunkt für gepflegten Anachronismus als jetzt. Denn das vermeintlich goldene Pop-Jahrzehnt ist immer noch allgegenwärtig, ja, wird noch stärker gehuldigt als einige Jahre zuvor.

Wer aber nun denkt, dass ihr erstes Album, in ganzer Bescheidenheit "Global" getauft, den kraftmeierischen Power-Rock ihrer ersten Kleinveröffentlichungen weiterführt, wird Zauberwürfel staunen. Denn die fünf Jungs denken nicht im entferntesten daran, irgendwelche Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, zu erfüllen. Selbstverständlich atmet auch der Erstling eine ungehemmte Lust an 80er-Poprock-Strukturen, biedert sich allerdings nicht mehr so stark an wie noch bei der "Nachtschicht EP".

Zugegeben: Es gibt viele Bands, die sich anschicken, der vorletzten Dekade des 20. Jahrhunderts musikalisch zu huldigen. Das Gros belässt es aber meistens auf den immer zugkräftigen New-Romantic-Synthie-Pop oder frönen mit schwelgerischen Gitarrenklängen der damals aufkommenden Indie-Bewegung. FLUT setzen den Hebel woanders an. Sie haben sich mit dem eigentlich etwas käsigen Post-NDW-Sound auseinandergesetzt, der sich Mitte der 80er zu etablieren begann. Jener Zeit also, in der deutschsprachige Musik wieder zwar artig in ihr Schlagerkörbchen zurückging, aber dennoch mit neuem Selbstbewusstsein agierte. Klaus Lage, Purple Schulz oder auch Herbert Grönemeyer feierten damals einen neuen Deutsch-Pop ab, der bei den Oberösterreichern zur erneuten Blütenbildung erweckt wird.

Durch die Verquickung angelsächsischer Pop-Gerüste mit dem klassisch deutschen prachrhythmus verweisen die fünf Jungs mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit auf diese heute oftmals belächelte Ära, lassen in "Schlechte Manieren" den durchgestylten Alternativ-Pop von The Psychedelic Furs wieder aufleben, zitieren in der "Agent 08", einer Krimi-Nummer im Schatten von NATO und Warschauer Pakt, den spacigen Gitarrenstil von A Flock Of Seagulls - und der Schlagzeug-Break in "Regen" kann sich locker mit jenem berühmten Fill-In von Phil Collins' "In The Air Tonight" messen. Dazu beherrscht Johannes diesen herrlich aufgekrazten Falco-Gesangsstil, der mit der Klangkulisse perfekt harmoniert.

"Global" ist oftmals Kitsch, wird aber cool kredenzt. Denn kaum jemand schafft es, das Bild von Hawaii-Hemden tragenden Männern unter Plastikpalmen in "Cocktailbar (Wie Ich Dich Beneid)" so selbstverständlich und ironiefrei zu zeichnen, ohne dabei peinlich zu wirken. Bei allen musikalischen Verweisen und unverhohlener Freude am seichten Klang der 80er (selbst die grenzwertigen Synthie-Panflöten in "Sommer in Mumbai" besitzen eine unerwartete Lässigkeit), wirkt das, was FLUT macht, zu keiner Zeit wie ein Lausbubenstreich, sondern ist mit aller Ernst- und Sinnhaftigkeit ausgestattet.

Letzten Endes ist "Global" nämlich ein Liebes-Album geworden - und zwar auf mehreren Ebenen. Nicht nur, dass sich viele Stücke um dieses "globale" Thema drehen, FLUT selbst verbreiten musikalisch und optisch viel Liebe, grenzen sich vom nüchternen Stil der meisten Pop-Kombos ab und feiern eine rauschende Ballnacht. Und auf einmal wird klar: "Global" ist ein Meisterwerk, weil sie den Pop in seiner reinsten, unschuldigsten und auf sich selbst zurückgeworfenen Form zelebrieren. Sie wirken nicht nostalgisch, sondern vermitteln das Gefühl, als sei diese Musik gerade erst im Kommen. Also lasst uns tanzen, als ob es 1985 wäre. Und die Schulterpolster bitte nicht vergessen!

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 01.10.18 | KONTAKT | WEITER: DELGRES VS. MARK LANEGAN & DUKE GARWOOD>

Webseite:
www.flut-musik.com

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COVER © Problembär Records/Rough Trade

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