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VETTER_HUBER: EXPERIMENT UND EXTASE

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Wer kann schon sagen, ob ein Album zum Veröffentlichungszeitpunkt das Zeug zum "Meilenstein" oder "Meisterwerk" hat? Laut den meisten, selbsternannten Musikkennern habe es seit Nirvanas "Nevermind" sowieso keine fühlbar wichtigen Veränderungen in der Popmusik mehr gegeben. Manchmal, wie im Falle von Joy Division oder Fad Gadget beispielsweise, werden Bands und Künstler, die Zeit ihres Lebens keinen kommerziellen Erfolg nachzuweisen haben, im Nachhinein dann doch mit dürren Adjektiven wie "wegweisend" oder ähnlichen Floskeln umschrieben.

Vielleicht wird auch "Eskalation im Paradies" einst als DAS bahnbrechende Album und prototypisch für den Klang einer neuen Subkultur für die beginnenden 2020er Jahre werden. Zu wünschen wäre es Jens Vetter und Patrik Huber, alias Vetter_Huber. Denn die beiden sind eigentlich viel zu intelligent, um nicht gehört oder gar als langweilig oder unwichtig bezeichnet zu werden. Ein kurzer Streifzug durch beider Lebensläufe reicht da eigentlich schon aus, um zu verstehen, dass dieses Duo ihr ganzes Wirken in den Dienst der Kunst gestellt haben. Patrik ist als interdisziplinärer Performancekünstler eine feste nationale wie internationale Größe, Jens Vetter sucht als Klangtüftler auch auf wissenschaftlicher Basis für die Österreichische Akademie der Wissenschaften sowie der Kunstuniversität Linz unter anderem an neuen begreifbaren Musikinterfaces für sehbeeinträchtigte Menschen.

Hinter dem rohen, ungeschliffenen, auf wenige Sequenzen und Pattern reduzierten Proto-Techno könnte man nun druchaus einen Verfechter und Sammler alter Moogs und Korgs vermuten. De facto hat Jens aber mit analoger Elektronik herzlich wenig am Hut: "Es sind ja nicht herkömmliche Synthesizer und Drumcomputer, sondern der Computer als Klangmaschine selbst sowie eine eigens entwickelte Software auf der Basis von SuperCollider, einer freien Musikprogrammiersprache. Jeder Klang ist mit vielen Zeilen Programmcode eigens entworfen, die Rhythmen sind oft unterlegt mit zufallsgenerierten Pattern."


Wer denkt, dass dieses äußerst komplizierte Verfahren nur für den Heim- respektive Studiogebrauch konzipiert wurde, sollte durch den Video-Clip zu "Amphetamin" eines Besseren belehrt sein. "Die Performance auf der Bühne ist trotzdem live und größtenteils auch sehr offen für Improvisationen. Ich benutze dazu Computertastaturen und Motorfader als rekonfigurierte Instrumente und spiele zum Beispiel unsere Melodien auf dem Nummernblock." Patrik jedenfalls ist von dieser Herangehensweise sehr angetan. " Ich sah für mich das Kapital, darin meinen Geist genau in diese aktive Reibung zu bringen, einen Abgrund zu zeigen, dessen in Bezugenahme dem Leben gegenüber sehr wichtig ist. Das hat was mit Spürbarkeit zu tun."

Diese Spürbarkeit manifestiert sich sowohl im eindringlich-schnarrigen (Sprech)Gesang Patriks, dessen Lyrik von rauschhaften Zuständen in abstrahierter Form handelt und den Moment künstlerisch überhöht, ja geradezu emotional einfriert, als auch von Jens' krassen Wandlungen innerhalb seiner Möglichkeiten - von interstellarer Abgehobenheit bei "Desert Sun" bis hin zu wabernd-amorphen Tongebilden in "Passion". In diesem beweglichen Wechselspiel der Energien - Musik auf der einen, Worte auf der anderen - entstehen kompetitve Momente, aus der sich dynamische Prozesse entwickeln. Während "Feel The Need" oder auch "Slow Dance" den Rhythmen den Vorzug geben, werden "Karma" und "Passion" zum surrealistischen Storytelling, das durch die zugesetzten Klänge tiefere Empfindungen zulässt.

Der Wettbewerbscharakter der Songs steht diametral der harmonischen Arbeitsweise bei Vetter_Huber entgegen. "Wir arbeiten parallel an den Stücken, wobei oft tatsächlich Rhythmen oder Basslines schon vorbereitet sind. Danach schaukeln wir uns gegenseitig hoch, bis wir die Struktur des jeweiligen Stückes, eine Melodielinie oder ein anderweitig tragendes Motiv gefunden haben. Oft muss Patrik warten, bis ich im Studio die Bassline umprogrammiert habe." Eine ähnliche Zusammenarbeit kennt man von einem anderen, damals die Popmusik auf links drehenden Duo: Deutsch Amerikanische Freundschaft. Zumindest Jens gibt in diesem Punkt zu, DAF gehört zu haben und auch musikalisch davon inspiriert zu sein. Patrik hingegen nutzt das Wort weniger assoziativ. Denn für ihn ist der Text "oft auch Installation, die sich narrativ unbewußt verknüpft. In der Durchdringung entkoppelt sich oft vieles und wird dadurch mehrdeutig interpretierbar, was auch Körper mit gedachter körperlicher Übersetzung und Wahrnehmung betrifft. Will heißen, dass oftmals die Kipppunkte sich ineinander verschränken."

Über allem steht der Albumtitel wie ein enigmatisches Versprechen. Dabei bildet "Eskalation im Paradies" eine perfekte Spielweise für Interpretationen, von denen Patrik uns drei an die Hand gibt. "Erstens: Durch das Kompensieren persönlicher Mangelzustände gibt es oft den Versuch, in Form eines Exzesses auszubrechen. Durch das Hindurchtauchen im exzessiven Akt kann sogar Erkenntnis und Bewußtseinserweiterung entstehen, welche im Aufwachen dann jedoch kippen und das Defizit noch mehr hervortritt. Das Hindurchtauchen kann vielleicht als paradiesisch empfunden werden, die Uneinordenbarkeit und das sich Verschieben danach als Eskalation. Zweitens: Ein exzessives Kollidieren als Konfrontation und Herausforderung des Verlassens der Komfortzone, im Verständnis sich selbst gegenüber, aber als auch für ein Gegenüber." Und drittens: "Als Frage an und für sich schon: Was ist Paradies? Wahnhafte Sehnsuchtsdefinitionen in verschiedensten gesellschaftlichen Ausprägungen. Spirituelle, religiöse, kapitalistische Befreiungs- bzw. Allmachtsphantasien kompensieren sich in Eskalationsszenarien. Paradies als Sehnsuchtsgebilde wie die Karotte vor der Nase, der Entwurf eines Paradieses ist vielleicht schon die inkludierte Eskalation…."

Natürlich lässt sich der Titel auch einfach werkimmanent betrachten. Denn da eskaliert eine kompromisslose, selbstbestimmte Form des Musikmachens in einem Paradies von glattgebügelten, perfekt klingenden Nummern heutiger Techno-DJ-Produzenten, deren künstlerische Langeweile und interkollegialer Austauschbarkeit jedoch kaum in Worte zu fassen ist. Patrik bringt es auf den Punkt: "Die Natur der Existenz ist halt auch nicht immer 'Lounge'." Jens sieht das ähnlich: "Ich persönlich mag unstabile Zustände lieber als fertige Produkte. Rohheit, Kanten und Bruchstellen sind für mich eigenständige Ausdrucksformen. Ich stehe dem DIY näher als vielen Fertiglösungen. Mich reizt die Umnutzung von technischen Geräten, aber auch die Interpretation und Verwertung von Techno, Minimal und Noise. Außerdem empfinde ich eine größere Befriedigung dabei, Klänge als Prozess stets neu zu entwickeln, als einfach Stücke zu reproduzieren." Von daher ist sein Faible für eine neue Art von Musik mehr als nachvollziehbar. "Live Coding – das Erstellen von Computer-Musikprogrammen live auf der Bühne, bei dem auf sogenannten Algorave Festivals oft ziemlich harter und interessanter Techno programmiert wird."

Von einer solchen Unmittelbarkeit ist "Eskalation im Paradies" ebenfalls durchdrungen, dessen Entstehung übrigens auch nach rein zeitökonomischen Gesichtspunkten geshehen ist. "Nach unseren ersten Sessions stellte sich heraus, dass wir gut und vor allem schnell zusammen arbeiten können", konstatiert Jens. "Das ist wichtig, da jeder von uns auch weitere Projekte hat und wir extrem zeitsparend arbeiten müssen. In dieser Zusammenarbeit ist das Ganze mehr als die Summe der Teile, und ich empfinde unser Projekt als eine ziemliche Besonderheit, auch weil wir sehr unterschiedliche Typen sind und Vetter_Huber eher eine Art konstantes Experiment ist als eine klassische Band" - und zum jetzigen Zeitpunkt das Beste ist, was der elektronischen Klangerzeugung hätte passieren können.

|TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 25.10.19 | KONTAKT | WEITER: ALTAR DE FEY VS. SWEET WILLIAM VS. THE HALO TREES>

Webseite:
www.vetterhuber.net


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COVER © Seayou Records
FOTOS © Robert Maybach, Dimitrios Vellis

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