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11/20: THE BLUEBEARD'S CASTLE, MARY, CARLO ONDA, DILK, CONTROL ROOM: KALTE LEIDENSCHAFT

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Über den ganzen Erdball sind sie verstreut. Aber sie alle haben im Cold Transmission Label einen gemeinsamen Hafen, an dem sie angelegt haben, um uns mit ihren hochwertigen Alben zu beglücken.

Da wäre zunächst einmal The Bluebeard's Castle: Das Projekt stammt aus Frankreich, kreative Köpfe hinter dem Blaubart sein Schlösschen sind Yannick Rault und Bela Goosy. Letzter ist phonetisch so nah am bekannten Filmschauspieler Bela Lugosi, dass es geradezu verführerisch ist, daraus Rücckschlüsse über die musikalische Beschaffenheit der Gruppe zu ziehen. Tatsächlich mäandert The Bluebeard's Castle auf ihrem Debut "Beyond The Door", das bereits letztes Jahre erschienen ist, auf bekannten Gothic-Pfaden. Das fiebrige Gitarrenspiel, die nebulösen Synthieparts, somnambul bis alerte Gesänge: Hier finden sich viele Elemente, die so typisch für den tristen Rock aus den 80ern sind. Die Wahl der musikalischen Waffen überrascht also nicht. Und doch umgibt "Beyond The Door"  eine mystische Aura, die sich auch im Albumtitel wiederspiegelt. Besonders in Stücken wie "Melancholy" und "Escape" offenbaren sich die großen Momente dieses Erstlings. Hier schleppt der Rhythmus Gesang und Instrumentarium mit in die seelischen Tiefen, die den Hörer von einer heimeligen Traurigkeit übermannen lässt. Ob die leicht milchige Produktion absichtlich so gewählt worden ist oder nicht, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Jedenfalls trägt sie viel dazu bei, dass "Beyond The Door" wie eine verschollene Platte aus den 80ern klingt. Damals wäre sie sicher zum Kult avanciert, aber auch in der - geraden tristen - Gegenwart trifft das Album von The Beluebeard's Castle gewaltig den Nerv der Zeit.

Bei Mary wiederum, einer Ein-Mann-Combo aus Toronto, Ontario, spürt man die Gegenwart. Kuba Rygal ist der Künstler hinter dem Erdachten und Komponierten, der mit "Die Before Death" mehr oder weniger eine erhellende Conclusio seiner musikalischen Expedition den Hörern mit auf den Weg gibt. Man kann auch bei diesem Debüt viele Vorbilder ausmachen: Sisters Of Mercy und The Cure schweben sicherlich über jeden der zehn Songs. Doch wie bei dem herrlich einnehmenden "Frantic" sind auch Verbindungen zu She Wants Revenge auszumachen. Auffällig bei Mary ist die Kompaktheit der Stücke, die bis auf eine Ausnahme nie die Dreieinhalb-Minuten-Grenze überschreitet. Daher wirkt das Album auf ganzer Linie konzentriert und von unnötigem Ballast und Verzierungen befreit. Rygal selbst möchte mit diesem Album den Hörer unmittelbar an seinen Gedanken und Gefühlen Teil haben lassen. Das gelingt durch die Kürze der Stücke, aber auch durch Rygal selbst, der mit seiner Stimme spielt, sie in "Little Mess" in ätherische Höhen schraubt oder in "Devouring Me" in ein Kokon aus Halleffekten und dezenter Distortion packt. "Die Before Death" sprudelt bei allem Weltschmerz doch von einer Spielfreude. Hier wird die Tristesse mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln beleuchtet. Und wenn am Ende "Life Can Be So Cold" fast schon wie ein Jubel wirkt, bleibt kein Zweifel mehr, dass in der Melancholie auch ein Stück Lebensglück schlummert.

Bei der Frage nach Authentizität hat Carlo Onda aus dem Schweizerischen St. Gallen eine eindeutige Meinung. Es muss nicht ein klassischer Vintage-Synthesizer-Fuhrpark angekarrt werden, um einen Retro-Klang zu imitieren. Überhaupt braucht es nicht unbedingt den analog-elektronischen Popanz, um gute Electro-Songs zu kreieren. Für sein neues Album "Darker Days" hat er "die billigstmöglichen Produktionsmittel" genutzt, wie er auf seiner Badcamp-Seite verrät. Die Rhythmus-Sektion liefert der Boss DR660, den Rest besorgte ein gratis Synthesizerplugin namens Sq8l. Zudem hat er die sechs Songs innerhalb eines "verlängerten Wochenendes" erdacht und aufgenommen. Das Ergebnis ist aber alles andere als Klangtapete mit Discounter-Charme. Am Ende kommt es eben auf den Menschen hinter den Maschinen an, der weiß, mit spärlichem Instrumentarium großes zu produzieren. Und das hat Carlo Onda mit "Darker Days" getan. Kantiger Electro trifft auf eine verfremdete Stimme, die ein wenig an Absolute Bodycontrol erinnert. Dass er seine musikalische Sozialisation im Italo-Disco der 80er Jahre erfahren hatte, merkt man immer wieder, wenngleich "It Seems So Long Ago" und "Alt in der Gestalt" einen deutlich düsteren Einschlag haben. Am Ende steht mit "Darker Days" ein unprätentiöses, kurzweiliges Album zu Buche, das einen daran erinnert, dass man mit wenigen Mitteln interessante Musik machen kann. Somit verkörpert Carlo Onda den Urgeist des Punk, verpackt in einem anderen musikalischen Gewand.

"Back to basics" könnte auch das Credo des Trios DILK aus Madrid lauten. Anfang des Jahres ist ihr Erstling "Hardship" erschienen und bewegt sich irgendwo zwischen den Proto-EBM-Träumen von Nitzer Ebb und Deutsch Amerikanische Freundschaft und dem transparenten Retro-Synthie-Pop-Schmeicheleien solcher Bands wie Welle:Erdball oder Elegant Machinery. Gerade bei "Pluto" wird der flirrende Electro-Klang einem gewahr. Doch bereits "Graveyard Orbit" schlägt einen weitaus düsteren Ton an. Post-Punk-Ingredienzen wie die verhallten und monoton angeschlagenen Gitarrenseiten sowie ein wie aus der Ferne aufgenommen wirkender Gesang lassen das existenzialistische Moment bei DILK besonders hervorstechen. Denn trotz des eher auf den technischen Aspekt schielenden Plattencovers mit seinem in Chromoptik gehaltenen Tonbandgerät, singen DILK über das Leben, das eigentlich viel zu kurz ist und zwangsläufig mit dem Tod endet. Doch wie sie es auf ihrer Bandcamp-Seite so schön formulieren: "Hardship (...) takes your hand and invites you to dance". Das Album nimmt all jene mit, die sich von der Gesellschaft unverstanden fühlen und fordert in eindringlichen Nummern (allen voran die brodelnde Atmosphäre von "Wake Up" sei hier einmal explizit erwähnt) den absoluten Nihilismus. Selten hat eine Platte so gut in die momentane globale Situation gepasst. Fast schon prophetisch wirkt daher "Hardship", das auch noch kurz vor einer neuen Zeitrechnung das Licht der Welt erblickte.

Noch einmal wandern wir über den großen Teich. Denn in Hattiesburg, Mississippi haben Control Room es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, eine Verbindung aus dem melancholischen Endzeit-Post-Punk von Joy Division und den vagen Pop-Ansprüchen früher Aufnahmen von OMD und The Human League zu kreieren. In der Tat bietet "Scenery" - wie beim Gros der vorher aufgelisteten Bands ebenfallsdas erste Album des Duos, bestehend aus Austin Griffith und Warren Ad - eine Ahnung davon, was passiert wäre, hätte sich Ian Curtis nicht erhängt und seine Joy Division den Synthesizern mehr Raum gegeben. Gerade "Out Of Your System" lebt sowohl von Austins Organ, dessen Klangfarbe eben verblüffend an Ian erinnert, während im Post-Punk-Grundgerüst (durch Griffiths treibendes Bassspiel provoziert) sich die flirrigen Synthesizerspielereien von Warren wie arabesker Füllstoff platziert und dem ganzen Werk eine Dynamik verleiht, die sich von vielen anderen Genre-Mitstreiter unterscheidet. Dabei finden sie wie bei "Parking Lot Job" auch den Schlüssel zu einem veritablen Synth-Pop-Sound, wobei das Wort "Pop" gerne drei Mal unterstrichen werden darf. So schmissig klingen Control Room davor und danach nie wieder. Dabei verändern sie die klangliche Ausrichtung ihres elektronischen Instrumentariums kaum, was jedoch positiv ins Gewicht fällt. Control Room gelingt mit "Scenery" das Kunststück, auf Anhieb eine klare Vision ihrer Musik dem Hörer begreifbar zu machen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.10.2020 | KONTAKT | WEITER: DIE KUNST IN DER CORONA-KRISE>

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Webseiten:
thebluebeardscastle.bandcamp.com
maryofficial.bandcamp.com
www.carlo-onda.com
dilk.bandcamp.com
controlroomband.bandcamp.com

Covers © Cold Transmission Music

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