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JUNIOR VS. SHAKESPEARE: DER BARDE VON NEBENAN

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Diese Produktion hätte ganz schön ins Auge gehen können. Schließlich brachte der an sich duraus löbliche Versuch, das lyrische Shakespeare-Erbe mittels klanglichen Updates in die Jetzt-Zeit zu verfrachten, bereits weitaus illustreren Showbiz-Kandidaten eine goldene Himbeer-Ernte ein. 450 Jahre wäre der notorische Halskrausen-Träger dieser Tage geworden; für das deutsch-amerikanische Electro-Folk-Duo Junior Grund genug, Sonette und Gedichte des Barden auf ihrer aktuellen EP in ein zeitgemäßes Klang-Korsett zu schnüren. Mission Impossible? Nicht für Ian Fisher und Fabian Kalker, denen mit "Junior vs. Shakespeare" das Unmögliche gelingt. Mit sicherer Hand greift das Projekt nach dem fürstlichen Federkiel; hält schmalzdurchtränkten Kitsch und peinliche Klischees erfolgreich auf Distanz. Sieben Tracks, sieben Treffer ins Schwarze: An dieser Scheibe hätte sicher auch der erklärte Musikliebhaber Shakespeare seine helle Freude gehabt...

Der Titel klingt wie eine trotzige Kampfansage. "Junior vs. Shakespeare"? Das ist irgendwie putzig – und erinnert stark an den ewigen Generationenkonflikt, der spätestens seit Cat Stevens’ "Father and Son"-Paradenummer als immer wieder gern genommenes Thema in Musiker-Kreisen zirkuliert.

Längst ist der Name "Shakespeare" zur globalen Marke geworden; bevölkert
als etablierte Größe nicht nur die internationale Theater- und Literaturszene, sondern taucht, wahlweise als Taufpate unzähliger Kultur-Institutionen oder massenkompatibler Konsumartikel, auch immer wieder im Alltagsgeschehen auf.

Heute kennt jeder das Shakespeare-Portrait von Martin Droeshout aus dem Jahre 1623, mit dem das schillernde Antlitz der Lyrik-Ikone ins kollektive Gedächtnis überging. Dass der Schöpfer dieses fragwürdigen "Dokuments" allerdings erst 15 war, als Shakespeare starb, und dem Dramatiker wahrscheinlich nie persönlich begegnet ist, sei in diesem Rahmen einfach mal am Rande erwähnt.

Mi
t den alten Stürmern und Drängern wurde der Barde dann zum universellen Sprachrohr einer ganzen Jugendkultur.

Nicht nur Goethe und Schiller feierten den rebellischen "Dichter der Freiheit"; verehrten den Lyrik-Titan wie einen Popstar.

William Shakespeare, das Theater-Phantom, dessen mystische Biografie bis heute Rätsel aufgibt, stellte mit seinem vielbändigen Oeuvre sämtliche Regeln und Traditionen der Poetik auf den Kopf. Erstarrte Gesellschafts-Konventionen wurden hier kurzerhand außer Kraft gesetzt; statt dessen räumte das dramatische Werk unbegrenzten Entfaltungsspielraum für das Individuum frei. (Kunst-) Genie über alles: Ein revolutionärer Akt, mit dem das altväterlich hierarchische System gehörig ins Wanken geriet.

Klarer Vorteil also für den Barden, mit dessen ungebrochener Strahlkraft der Name des Junior-Duos naturgemäß
nicht konkurrieren kann.

Trotzdem sind Ian Fisher
, Songwriter aus dem fernen Missouri, und der Berliner Produzent Fabian Kalker selbstbewusst genug, den Namen ihres noch jungen Projekts auf dem Cover nicht nur über die Dichter-Marke zu stellen, sondern den Junior-Schriftzug mit seinen prägnanten Lettern einfach mal in doppelter Größe zum Shakespeare-Titel zu gewichten.

Ebenfalls eine freche Ansage: Das minimalistische Artwork der auf alt getrimmten Papp-Hülle, für die die grafischen Portraits der Junioren mit typischen Versatzstücken aus der William-S-Punkt-Ikonografie garniert wurden: Wenn du deinen Feind nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihm.

Getreu diesem Motto haben Fisher und Kalker wohl ganz bewusst auf die Vertonung bekannterer Shakespeare-Passagen verzichtet. Die aktuelle Junior-EP kommt deshalb auch nicht mit den üblichen Romeo und Julia-Auszügen daher, sondern stellt zur Abwechslung mal die in Deutschland kaum bekannten Sonette des Dichter-Fürsten in den Fokus.

Keine Panik übrigens: Di
e zeittypische Lauten- oder Klampfenmusik muss bei Junior nicht befürchtet werden. Ian Fisher und Fabian Kalker bedienen sich klassischer Singer-Songwriter-Attitüden nach dem Vorbild von Bread, Lucky Jim, Bob Dylan oder Neil Young; mit einer Prise Elektronik durchweg überraschend gewürzt.

Die Shakespeare-Poeme macht sich
das Duo hier komplett zu eigen. Tatsächlich wirkt es so, als hätte das emotionsgeladene Textgut aus dem elisabethanischen Zeitalter im Grunde nur auf diese Vertonung gewartet. Obwohl die beiden Musiker der lyrischen (Ur-) Gewalt des Barden durchaus mit Respekt begegnen, bleiben kompositorische Ängste komplett außen vor.

So packen Junior das düstere "Come Away Death" in tiefenentspannte Westküsten-Country-Sounds;
inszenieren das romantische "Oh, Mistress Mine" als intensive Herzschmerz-Ballade, die mit unerwartetem Elektronik-Geplucker endet. Dabei erscheint das Spiel mit den Gegensätzen als organische Konsequenz der Sache: In diesem ungleichen Duell wirkt nichts aufgesetzt oder peinlich bemüht; alles fügt sich auf seltsam unverkrampfte Art und Weise zusammen.

Daran sind Ian Fisher und sein klares, erstaunlich wandelbares Organ nicht ganz unschuldig: Sanft umschmeichelnd, nahezu tröstlich trägt der Sänger Shakespeares "When That I Was And A Little Tiny Boy" vor und wechselt binnen Sekunden in einen markant angerauhten Stimm-Modus, der mit sirenengleichen Kapriolen versetzt wird. Das musikalische Konstrukt von Sonett Nummer 20, namentlich "Take My Love", wirkt wie das zeitgenössische Update der Neil Young-Nummer "Out On The Weekend" aus dem 1972er "Harvest"-Album.

Shakespeares
Sprach-Genie trifft auf die musikalische Intelligenz Juniors, die das Zweier-Gespann bereits auf seinem Debüt "Self Fulfilling Prophets" unter Beweis stellen konnte. Anhaltendem Kritiker-Applaus zum Trotz, sind Ian Fisher und Florian Kalker zum Glück weit davon entfernt, überintellektuell verkopften Klangabfall zu produzieren, um die versnobte Feuilletonisten-Riege aus Reihe Eins bei Laune zu halten.

Musikalisch geerdet, besitzt das Duo eine erstaunliche Standfestigkeit, an der selbst die Wortgewalt Shakespeares nicht rütteln kann. Das hört man der EP an – und will es im Grunde gleich wieder und wieder tun, denn "Junior vs. Shakespeare" ist mit seinen gut 20 Minuten leider ein viel zu kurzes Klang-Vergnügen geworden.

Am Ende bleibt nur das obligatorische Shakespeare-Zitat:
"Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist – spielt weiter!"

|| TEXT: ANTJE BISSINGER / DANIEL DRESSLER / DATUM: 15.11.2014 | KONTAKT | WEITER: WELLE:ERDBALL "ICH RETTE DICH" >




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www.juniormusic.info


BILDQUELLE © POPUP RECORDS/CARGO RECORDS; FOTOS © ANTJE JANDRIG.

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