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MARSHEAUX "INHALE": SYNTHETISCHER SONNENTANZ

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Regungslos stehen sie da; Rücken an Rücken, die Köpfe leicht gesenkt, die Beine verschwinden hinter hohen Gräsern. Zwischen ihren Schultern streckt sich die Sonne vor tiefblauem Himmel empor und taucht die Silhouetten von Marianthi Melitsi und Sophie Sarigiannidou alias Marsheaux in schattiges Schwarz.

Das Plattencover von "Inhale" enthält im Grunde alles, was die hundertprozentig synthetische Klangerzeugung der beiden Frauen aus Thessaloniki verspricht:

Einfachheit, Klarheit, Freiheit – und auch ein bisschen Traurigkeit.

Marsheaux beherrschen die Kunst der simplen, aber dennoch spannungsgeladenen elektronischen Klangerzeugung wie kaum eine andere Band.

Sie lassen die Ära der minimal verzierten Pop-Perlen, wie sie beispielsweise ein Vince Clarke während seiner gemeinsamen Arbeit mit Alison Moyet als Yazoo perfektionierte, wieder aufleben.


Zwar fehlt den beiden Chanteusen die vergleichbare stimmliche Kraft; diese gleichen sie aber durch harmonische Duette und erfreulich dreidimensionierte Soundlandschaften wieder aus.

Dennoch sind Marsheaux-Songs stets von einer kühlen Unnahbarkeit umgeben, aus der wiederum eine gewisse Attraktivität erwächst.


Als griechisches Pendant zu den britischen Uniform-Ladies von Client
beschrieben, beanspruchen die beiden Synthie-Sirenen das Feld mittlerweile ganz für sich allein, zumal ihre englischen Kolleginnen, nicht zuletzt aufgrund einschneidender Umbesetzungen, in ihrer stilistischen Ausrichtung nie konsequent waren.

Ganz anders Marsheaux, die seit ihrem ersten Album "E-Bay Queen" von 2004 unbeirrbar gemeinsam ihren Weg gehen.

Was aber bereits seit ihren Anfangstagen ins Auge fällt: Das hellenische Duo ist eher für hochkarätige Coverversionen als für seine eigenen Stücke bekannt.

Erstere größere Bekanntheit erlangten Marsheaux beispielsweise mit "Popcorn", einem frühen Space-Disco-Klassiker des Studio-Projektes Hot Butter. Und auch ihr aktuelles Album, die komplette Neuinterpretation von Depeche Modes "A Broken Frame", scheint höhere Wellen zu schlagen und größere mediale Aufmerksamkeit nach sich zu ziehen, als es all ihre bisherigen Alben je getan haben.

Zuvor jagten sie "Empire State Human", ein surrealistisch-düsteres Stück Underground-Pop-Kultur der damals noch genialen Human League
, durch ihre Computer – es wurde zu einem veritablen Gassenhauer im Netz, was vielleicht auch daran lag, dass Marsheaux dieses Lied gratis zur Verfügung stellten.

Ihre Liebe zu den elektronischen Schlagergruppen aus der goldenen New Romantic-Zeit ist unüberhörbar - und sollte doch gerade deshalb insbesondere bei den achtziger-affinen Deutschen gut ankommen.


Warum aber ist das nicht so? Warum wird ein Projekt, das viele andere Möchtegern-Synthie-Popper locker in die Tasche stecken könnte, hierzulande größtenteils ignoriert?

Fast möchte man meinen, das Problem läge daran, dass es sich hier um zwei Frauen handelt, die an den Maschinen stehen. Vielleicht ist der Anblick eines weiblichen Wesens vor einem beachtlichen Fuhrpark elektronischer Instrumente für das "starke Geschlecht" immer noch ein gewöhnungsbedürftiges Szenario.

Denn Sophie und Marianthi beherrschen ihre Korgs, Moogs und Rolands einwandfrei.

An den Songs liegt es jedenfalls nicht. Auch auf "Inhale" sind sie ein weiteres Mal perfekt produziert; das machen schon die ersten Takte von "Self Control" (nein, dieses Mal keine Coverversion!) klar: Feingliedrige Melodiebögen breiten sich auf bassbetonten Flächen aus, was der ätherischen Nummer Erdung und Strenge verleiht.


Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Mischung bei "Come On Now": Der unwiderstehliche Electro-Shuffle paart sich gekonnt mit gegenläufig sägenden Sequenzen. Natürlich erinnert sich der geneigten Synthie-Pop-Conaisseur bei diesen Rhythmen an "Lights Go Out" von - richtig: Client.

Doch wen kümmert's: Das androide Tanzbein macht da keinen Unterschied - und schwingt vergnügt im Takt.

Wieder einmal verlassen sich Marsheaux bei der Endabmischung auf die exzellent justierten Ohren ihrer Brüder im Geiste: Fotonovela.

Die Athener sind selbst eine festgesetzte Größe in der griechischen Electro-Szene. Durch diese Kollaboration profitieren Sophie und Marianthi ungemein; wissen Fotonovela doch sehr gut, die musikalische Vision ihrer Kolleginnen durch ihr Mastering zu konkretisieren.

Das "Pop" in Electro-Pop wird bei Marsheaux dankenswerterweise groß geschrieben.


Nichts anderes als unterhalten will diese Platte – und vielleicht noch ein bisschen wehmütig auf die vergangenen Tage zurückblicken, als diese leichtfüßig tänzelnde Musik noch an jeder Ecke zu hören war.

Abgerundet durch einige wunderbare Extended Versionen (wohl eine weitere Reminiszenz an die Vorbilder aus den 80er Jahren), bietet "Inhale" einen herrlich unbeschwerten Sound, der im Grunde genau so klingt, wie man sich einen synthetisch-entspannten Gleitflug über die sonnendurchflutete Akropolis vorstellt – zwischenzeitliche Turbo-Schübe inklusive!

||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 16.03.15 |  KONTAKT |  WEITER: REVIEW THEN COMES SILENCE "NYCTOPHILIAN" >


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Website
www.marsheaux.com


COVER © UNDO RECORDS/BELLAPHON.


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