SHRIEKBACK "WHY ANYTHING? WHY THIS?" VS. THE ROOM IN THE WOOD "THE ROOM IN THE WOOD": ALTE EISEN IN NEUEM GLANZ - Kopieren - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

SHRIEKBACK "WHY ANYTHING? WHY THIS?" VS. THE ROOM IN THE WOOD "THE ROOM IN THE WOOD": ALTE EISEN IN NEUEM GLANZ - Kopieren

Kling & Klang > REVIEWS TONTRÄGER > THE ROOM IN THE WOOD

Bei aller Glorifizierung der 1980er Jahre, war nicht alles "Gold" wie uns beispielsweise Spandau Ballet vorgeschmachtet haben. Popmusikalisch gesehen darf auch hier ganz nüchtern betrachtet werden, dass es viele großartige Musiker durchaus mit ihrer Musik zu großer Bekanntheeit geschafft haben, aber andere Künstler gleichen Formats sträflich vernachlässigt worden sind.

Zu den größten Fehler, die in den 1980ern begangen worden sind, gehört zweifelsohne das Ignorieren von Shriekback. Dabei zählen Stücke wie "Nemesis" oder "Everthings That Rises Must Converge" zu den vielleicht schönsten Pop-Songs dieser Dekade, die sich vor allem durch Dave Allens energiegeladenes Bassspiel auszeichnen. Dieser ist bekanntermaßen nicht mehr bei Shriekback an Bord, was das 14. Studio-Album "Why Anything? Why This?" aber nicht weniger interessant macht. Nur etwas düsterer.

Rasch ist die Jugend mit dem Wort, und der Musikredakteur respektive Promoagent mit dem Begriff der "Supergroup". Sobald deren Mitglieder es irgendwann mal als Studiomusiker für ein paar Songs namhafter Größen geschafft haben, werden unmittelbar die Superlative aus dem Wortschatzkästchen herausgekramt. Shriekback als Supergroup zu bezeichen, überstrapaziert den Terminus aber gar nicht - zumindest mit Blick auf ihre Anfänge. Barry Andrews griff für XTC und League Of Gentlemen in die Tasten, Dave Allen massierte den Bass bereits bei den legendären Gang Of Four. Das sind für Post-Punk-Connaisseure in der Tat wohlklingende Namen, und deren Erwartungshaltung dürfte damals dementsprechend groß gewesen sein.

Andrews und Allen haben seit Beginn von Shriekback die festen Säulen gebildet, durch die viele andere Musiker durchgegangen sind und von denen Luc van Acker und Lu Edmonds (Public Image Ltd.) wohl die namhaftesten sind. Dementsprechend amorph mutet das Shriekback-Material an, welches zwischen Pop, Rock und meditativer Elektronik (immer noch ein Hörgenuss: "This Big Hush") sich nicht zu entscheiden vermocht und damit vielleicht auch dem Hörer viel Offenheit abverlangt hat.

Mittlerweile finden sich mit Andrews, Carl Marsh und Martyn Barker eine Fast-Urbesetzung wieder ins Studio ein, und die stilistische Ausrichtung lässt dieses Mal keinen Zweifel aufkommen: "Why Anything? Why This?" konzentriert sich auf einen mit jeder Menge Straßenschmutz angereicherten Highway-Rock, der beim krachigen "Sons Of Dirt" 90s-Indie-Rock-Manierismen zitiert und in "Catmandu" und "The Painter Paints" mit Wortwitz und dem berüchtigten Schalk im Nacken punktet.


Schon der Vorabtrack "And The Rain" (von einem ansprechendem Video begleitet) legt die Vermutung nahe, dass Shriekback sich einmal mehr neu ge- und erfunden haben. Wesentlich organischer und auch schwermütiger in seiner Ausrichtung, findet sich Shriekback mittlerweile in einem Atemzug mit Nick Cave & The Bad Seeds oder auch The Mission wieder.

Dennoch will dieses Album sich gar nicht etwaige Gothic-Attitüden ans Revers heften. Vielmehr sind die zehn Songs einfach der Status Quo einer Band, die nicht auf ihre eigenen Meilensteine zurückblickt, sondern weiter neugierig und offen bleibt für das, was die Musik ihnen zu offenbaren hat. So dürfen bei "Wriggle & Drone" und "Such Such Are The Joys" die Rhythmen lässig umherschleichen, während mitternächtliche Synthielinien den Stücken einen Hauch Film-Noir-Ästhetik verleihen.

Shriekback spielen befreit auf - ein Kunststück, das man vielleicht erst nach so vielen Jahren im Musikzirkus hinbekommt.

Das gleiche gilt auch für The Room In The Wood. Deren Mitglieder Paul Cavanagh und Dave Jackson haben sich in den Endsiebzigern in der Liverpooler Post-Punk-Szene herumgetrieben und mit anderen Musikern bei The Room mitgewirkt. Der Erfolg der stets mit Genregrößen wie Echo & The Bunnymen verglichenen Gruppe ist überschaubar gewesen; immerhin gab es ein paar honorierende Radio-Sessions beim unerreichten Radio-Moderator John Peel. Allerdings wurden diese 1988 veröffentlicht; da war The Room bereits seit drei Jahren Geschichte und die Musiker in alle Winde verstreut, um neue Projekte in Angriff zu nehmen.

Doch so ganz hat man sich dann doch nicht aus den Augen verloren. Es müssen zwar erst mehr als drei Jahrzehnte ins Land ziehen, bis Cavanagh und Jackson wieder zusammengefunden und mit Drummer Colin George Lamont, wohl in Anspielung an alten Zeiten, The Room In The Wood gegründet haben. Ihre Vergangenheit scheinen sie dabei aber eher milde lächelnd zu betrachten. Wie in "Time Machine" erwecken ihre Melodien und Text eine sanfte Sehnsucht und auch leichte Nostalgie. Doch belässt das Trio es bei dieser Anspielung. Schließlich ist nichts dröger als das ständige Kreisen um seine eigene Historie und das Lamentieren um verpasste Möglichkeiten.

Ihr selbstbetiteltes Quasi-Debüt ist in erster Linie ein Neuanfang, der seine Wurzeln nicht verleugnet, aber nach Jahrzehnten der Trennung vor allem das Wiedersehen zelebriert. Dass sie dabei einen inen völlig unverkrampften Stil-Mix aus entspanntem Indie-Rock und Alternative-Pop aufs Parkett legen, der wie selbstverständlich perfekt durchdacht klingt, ist sicherlich ihrer ganzen Erfahrung und, wie auch bei Shriekback, dem Fakt geschuldet, dass sie niemandem mehr etwas beweisen müssen.

So darf sich "Dragonfly" auch mal ganz ungeniert am psychedelisch-pastelligen Gitarren-Sound der Doors bedienen, "Baba Yaga" baut, passend zum Titel, russisch anmutende Töne ein und in "Vermillion Sands" gibt das Trio ein aufgeblasenes E-Gitarren-Finale nach alter 70s-Rock-Schule zum Besten. Ansonsten dominieren aber die ruhigen, von einer umarmenden Akustik-Gitarre angeführten Songs, die im Verbund mit Jacksons butterweichem Organ eine Nähe zu Richard Hawley nicht ausschließt. Mehr noch: Seit langem hat eine Band nicht mehr eine solch entspannte wiewohl punktuell treibende Scheibe hinbekommen.

Und wenn am Ende in "Snakeways" sich nur noch Gitarre und Gesang zum intimen Stelldichein treffen, dürfen wir der einzigartigen Synergie zwischen Cavanagh und Jackson ganz nah sein - und uns abermals fragen, wie es möglich ist, dass The Room nie eine entsprechende Anerkennung für ihr Schaffen erhalten hat.

Aber klagen wir nicht, sondern freuen wir uns einfach. Die Alben von Shriekback und The Room In The Wood sind vor allem eines: ein aufrechtes "wir leben noch und machen weiter" mit dickem, fettem Ausrufezeichen. Die musikalischen Elder Statesmen verstehen es vielleicht sogar besser denn je, mit ihren Songs zu überraschen und zu begeistern. Es ist ja auch keine Frage des Alters, ob das künstlerische Feuer in einem noch brennt (bei manch "Musikern" hat es das noch nie). Gepaart mit ihrer Erfahrung haben sie jetzt wahre Meilensteine geschaffen. Für Perfektionismus ist man eben nie zu alt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 04.06.18 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 5/18>

Webseite:
www.shriekback.com
theroominthewood.bandcamp.com


Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.
Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER-TON Redaktion


COVER © SHRIEKBACK, A TURNTABLE FRIEND RECORD (THE ROOM IN THE WOOD)

ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON
SIMPLE MINDS VS. ALEX SEBASTIAN
SWANS "TO BE KIND"
THE DEAD BROTHERS VS. VIECH
A.R. & MACHINES "THE ART OF GERMAN PSYCHEDELICH 1970-74"
MICK HARVEY VS. MINISTRY OF WOLVES


Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.



                                                       © ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||

SUCHEN? FINDEN!
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü