DIORAMA "A SUBSTITUTE FOR LIGHT" VS. KIIL "SUNNY, EYES CLOSED": MEHR LICHT!
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Den Überlieferungen nach sollen die letzten Worte des großen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe "Mehr Licht" geheißen haben. Was für ein Ausruf, der dem Mann des metaphorischen Wortes am Ende seines Daseins so gut zu Gesicht zu steht. Die Frage, ob er damit als prominentester Vertreter der Aufklärung weitere wissenschaftliche und geistige Erhellung verlangt oder einfach nur den profanen Wunsch an seine Bediensteten äußerte, die Fensterläden in seinem Zimmer zu öffnen, steht seitdem im Raum. Dass das Licht nicht nur als rein physikalische Größe, sondern auch mit mehreren Bedeutungsschichten versehen werden kann, ist also nicht neu.Einen Schritt weiter geht nun die deutsche Wave-Formation Diorama, die sich auf die Suche nach anderen Formen der Helligkeit begeben haben. Doch was ist "A Substitute For Light"? Sind es die leuchtenden Oberflächen unserer Smartphones, die uns Orientierung versprechen, aber meistens nur in Oberflächlichkeit münden? Oder ist es wie beim treibenden Liebessong "Million Dollar Smile", aus dessen Text der Albumtitel stammt, der eine Mensch, dessen Strahlkraft und Aura so stark ist, dass sie die Dunkelheit der Welt vertreibt - und also auch eine Form von Lichtersatz darstellt?
Mastermind Torben Wendt, der trotz des Bandgefüges (unter anderem mit Felix Marc von Frozen Plasma) immer noch alle kreativen Fäden in den Händen hält, passt sich musikalisch dem Konzept an und überrascht mit einem sehr eingängigen, transparenten, ja, lichtdurchfluteten Sound, der sich von den letzten, eher progressiv-experimentellen Alben "Tiny Missing Fragments" (2022) und "Zero Soldier Army" (2020) deutlich unterscheidet. Das bedeutet aber nicht, Diorama würden jetzt zu einer Guten-Laune-Kombo transformieren. "I know there's a light outside, but there's no end to this tunnel", heißt es bei "Ruling My World". Diorama bleiben weiterhin die intelligenten Melancholiker vom Dienst. Sie lassen dieses Mal nur ein bisschen mehr Pop-Appeal zu.
Eine Konstante findet sich aber in allen Werken: die Suche nach den besonderen Klängen und aufregenden Arrangements. Ob Wendts klassische Klavierausbildung da ein Vorteil bringt, mag an dieser Stelle nicht erörtert werden. Fest steht jedenfalls, dass das Quartett immer bestrebt ist, neue Töne in den expandierenden Diorama-Klangkosmos zu implementieren. Sicherlich werden Fans der ersten Stunde mit Songs wie "No Complicatons" und "Achievements" schnell warm werden, greift die Gruppe hier deutlich auf ihr eigenes musikalisches Erbe zurück. Doch dann taucht auf einmal ein Stück wie "Kunstblut" auf: technoid, streng, mit einem vocoderdurchtränken Sprechgesang, der fast schon Reminiszenzen an Kraftwerk in sich birgt. Auch das repetitive Windspiel im Intro von "On A Journey" weckt, so einfach es eigentlich auch ist, sofort Interesse an der Nummer.
Mit dem elften Album feiern Diorama übrigens nicht nur ihr 30-jähriges Bestehen, sondern liefern eine, nach zwei sicherlich nicht ganz einfachen Alben, einnehmend schöne Platte ab, die viele Befürworter finden und die unterschiedlichen Geschmäcker der Fangemeinde vereinen wird. Kurz gesagt: ein Meisterwerk.
Im Wesentlichen um die Frage nach Licht geht es auch bei Alexa Rose alias Kiil, die mit ihrem ersten Solo-Album "Sunny, Eyes Closed" ein leichtfüßiges Werk im Spannungsfeld zwischen Klassik und Elektronik veröffentlicht. Denn wie auch Torben Wendt besitzt Alexa eine klassische Klavierausbildung, die auf dem Longplayer deutlich anklingt. Vor allem mit Blick auf die Minimal Music eines Philip Glass, Steve Reich oder Terry Riley scheinen immer wieder Parallelen durch. Jedoch fügt sie den Stücken einige elektronische Landmarks hinzu, sodass wie im Opener "Zeitraffer" sanfte Beats dem Stück eine elegante Strenge verleihen. Auch das fließende Arpeggio-Spiel wird in "Flokati" mit strukturierenden Vierviertelrhythmen und rauschenden Stakkato-Sequenzen geerdet. "Night Out" klingt durch seine sofort einsetzende Basstrommel noch mehr wie ein chilliger Housetrack, ehe das nuancierte Pianospiel von Kiil den Fokus in Richtung Klassik verschiebt.
Und was hat das alles mit Licht zu tun? Vielleicht gibt das Stück "Marianengraben" den entscheidenden Hinweis. Bekanntermaßen die tiefste Stelle in den Weltmeeren mit ca. 11.000 Metern, wo kein Tageslicht mehr ankommt, beginnt auch dieses Stück mit einem monotonen Summen in der Tiefe, aus dem sich eine moduliertes Pianothema enthebt. Der anschwellende Klang des Tasteninstruments wird in der zweiten Hälfte von lieblichem Flötenspiel begleitet. Es ist wie das Auftauchen aus der unbekannten Dunkelheit an die Oberfläche hin zum Licht.
Alexas musikalische Sozialisation ist spannend: Trotz klassischer Ausbildung war sie in verschiedenen Indie-Bands tätig, unter anderem The Soda Stream, die in den 90ern und 2000ern kleinere Erfolge vorzuweisen hatte. Dieses breite Betätigungsfeld ist vielleicht mit ein Grund, warum Kiil eine faszinierende Wanderin zwischen den Welten ist. Bei ihr können Liebhaberinnen und Liebhaber klassischer Musik ebenso auf ihre Kosten kommen wie Verfechter alternativer Strömungen. Davon ab kreieren die instrumentalen Songs von "Sunny, Eyes Closed" konzise Bilder, nicht zuletzt das Titelstück selbst, der lichtdurchflutet in getragenem Tempo wie die Untermalung für Aufnahmen von Sommerferien an der Adria von Anno Tobak mit einer Super-8-Kamera wirken.
Das erste Album der Multiinstrumentalistin ist ein echter Hinhörer, das sich nicht in Schubladen pressen lassen möchte. In erster Linie geht es ihr um die Freude an der Musik, in zweiter um das Erschaffen von Bildern, die bei den Endkonsumentinnen und Endkonsumenten immer andere sein werden. Aber eines ist sicher: Licht wird immer eine Rolle spielen.
Übrigens sind die kolportierten letzten Worte von Goethe wohl nur dummes Zeug. Laut seines Lakaien Friedrich Krause wollte das große Genie lediglich einen "Botschanper". Es handelt sich bei diesem Wort um die Verballhornung des französischen Begriffs "Pot de chambre" und bezeichnet also einen Nachttopf. Den, so der Diener weiter, "nahm er noch selbst und hielt denselben so fest an sich, bis er verschied." Legen wir auf diese mögliche Version einfach den Mantel des Schweigens und der Dunkelheit drüber.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 31.03.26 | KONTAKT | WEITER: MESH "THE TRUTH DOESN'T MATTER">
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COVER © ACCESSION/INDIGO (DIORAMA), UMFELD RECORDS/BEGGARS (KIIL)
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