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"MILLIONS LIKE US: THE STORY OF THE MOD REVIVAL 1977-1989": PARKAS, POP UND PAUL

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Als die Punk-Bewegung dereinst in ihren letzten Zügen lag, blickte sie mit schelmischem Grinsen (und sicher nicht ganz ohne Stolz) auf die bunte Underground-Landschaft, die sich im Schlagschatten ihrer rebellischen Gegenkultur zu unübersehbarer Größe gemausert hatte. Intellektuelle New Waver, nihilistische New Romantics und Post-Punker in Endzeit-Stimmung tummelten sich auf dem Spielplatz der alternativen Rockmusik.

Zwischen all den Batcavern, Poppern, Konsumverweigerern oder unartigen Andersartigen entdeckten einige Jugendliche plötzlich die testosterongeschwängerte Mod-Bewegung der 60er Jahre für sich.

Dieses unverhoffte Revival wurde von der sonst so wissbegierigen Pop-Geschichtsschreibung bisher tunlichst ausgeklammert.

Das könnte sich
jetzt (endlich!) ändern

Denn mit "Millions Like Us: The Story Of The Mod Revival 1977-1989" erhält die zweite Mod-Generation aktuell ihr längst überfälliges Standardwerk – und das hat es wirklich in sich: Die aufwendige Box mit vier CDs bietet umfassenden Hörgenuss; dazu bekommt der geneigte Musikfreund ein knapp 50-seitiges Booklet im fast bibliophilen Hochformat in die Hand gedrückt. Eine Entdeckungsreise allererster Güte.


Am Anfang stand, mehr oder weniger gegen seinen Willen, Paul Weller.

Der Frontmann von The Jam ließ sich zwar offiziell gerne zu den Punkern rechnen; seine ausgeprägte Vorliebe für Whos Mod-Epos "Quadrophenia" machte den umtriebigen Briten aber bald zum regelrechten Vorbeter der reanimierten Halbstarken-Kultur, der es gefiel, im szenetypischen Parka auf Motorrollern durch die Gegend zu brausen, den blau-weiß-rote "Mod Target" Erkennungs-Button gut sichtbar auf dem Revers zu tragen und überdies gerne exzessive Parties zu feiern. Weller selbst sah sich übrigens nie als Re-Animator dieser Jugendkultur.

Wie dem auch sei: Der Stein des öffentlichen Anstoßes geriet mit einem Male mächtig ins Rollen.

Die Anhängerschaft wuchs – und mit ihr auch die Zahl der Bands, die sich jetzt wieder verstärkt am Beat, Jazz und (Northern) Soul der Väter-Generation orientierten.

Wem Punk zu schmuddelig, Post-Punk zu melancholisch, New Wave zu sophistisch oder New Romantic zu glatt war, kam hier –nicht nur musikalisch – mit einer gesunden Mischung aus Rebellion und Stil auf seine Kosten. Der perfekte Sound der Arbeiterklasse, die Herkunft oder sonstige Hindernisse kurzentschlossen zur Seite fegte und voller Hoffnung auf den sozialen Aufstieg blickte.


So wie das Cover-Motiv von "Millions Like Us" mit seinem stilisierten Moped-Fahrer und dem hellblauen Farb-Optimismus eine unerschütterlich positive Gesamtstimmung vermittelt, träumten die Mod-Anhänger seinerzeit von einem Leben als großartige Sause mit noch großartigerer Musik.

Obgleich die mediale Be(tr)achtung damals kaum geringer hätte sein können, spricht der unüberhörbare Einfluss dieser Bewegung auf die gegenwärtige Rockmusik eine deutliche Sprache.

Denn das bis heute nicht nur klanglich, sondern auch optisch deutlich spürbare Brit-Pop-Phänomen wäre ohne all jene Bands, deren Namen mittlerweile fast in Vergessenheit geraten sind, sicherlich nicht möglich gewesen. Was hätten beispielsweise die auf ewigen Krawall getrimmten Kain-und-Abel-Gebrüder Gallagher ohne Accidents "Blood Spattered With Guitars" gemacht? Und auch Pulp wären mit Sicherheit zu einem völlig anderen Sound gereift, wenn nicht Jahre zuvor eine Gruppe namens Secret Affair die wunderbare Power-Pop-Nummer "My World" geschrieben hätte. Selbst der postpubertäre Skate-Punk von The Offspring, NOFX und Konsorten lässt sich in rudimentärer Form bereits bei den Mod-Gruppen finden. So ist bei Sta-Prests "School Days" fast spruchreif, was im "Basket Case" von Green Day erst rund 15 Jahre später zu voller Blüte gereifen wird.

Aber nicht nur nachkommende Generationen, sondern auch die eigentlichen Vertreter dieser Bewegung konnten hier eine schillernde Karriere starten.


1980 veröffentlichten die Q-Tips
ihren Blues-Brothers-Sound-Alike "S.Y.S.L.J.F.M. (The Letter Song)". Am Mikro ganz vorne dabei: Der damals noch unbekannte Paul Young! Jener Mann also, der die Welt mit ohrwurmverdächtigen White-Soul-Stücken der Marke "Come Back And Stay" im Sturm erobern sollte. Und als 1978 die Single "I Can't Resist" der deutlich vom Punk geprägten Truppe The Reactions in die Läden kam, ahnte wohl noch keiner, dass sich ihr Frontmann Mark Hollis nur wenige Jahre später zum kreativen Kopf der Talk Talk-Formation entwickeln und mit seinen bezaubernden Pop-Perlen den Begriff des New Romantic erweitern würde. Zu diesem Zeitpunkt verstand es Hollis allerdings sehr gut, melancholischere Stimmfarben unter Verschluss zu halten. Schließlich war die Ära des Popstar-Schöngeists noch nicht gekommen.

Dass derart kreative Kräfte ihre musikalische Heimat nun
ausgerechnet im kommerziell eher wenig erfolgsversprechenden Mod-Revival zu verorten wussten, liegt wohl in erster Linie an der toleranten Haltung dieser Subkultur.

Die Mods liebten handgemachte Sounds, solange sie nicht zu einfältig oder gar weltabgewandt gestrickt erschienen.


Alles übrige wurde schnell für eigene Zwecke vereinnahmt: Vom Ska und 2-Tone beeinflusste Combos wie die Speedballs, deren "No Survivors" einem Fischer-Z zur Ehre gereichen würde, bis hin zu den soulaffineren Gruppen der Marke Red Beans And Rice, deren Sänger Lavern Brown sich stimmlich als perfektes Eddy Grant-Double erweist, konnten sich Musiker an der Mod-Front nach Herzenslust austoben und -probieren.

Diese schier unerschöpfliche (Spiel-)Freude zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Zusammenstellung.

Mit "Millions Like Us" ist dem britischen Label Cherry Red eine wunderschöne, detailreiche Dokumentation des Mod-Revivals gelungen, die selbst dem ahnungslosesten Hörer ein Gespür für die Strahlkraft dieser letzten, wirklich "alternativen" Bewegung vermittelt. Ganze 100 Songs, verteilt auf insgesamt vier Silberlinge – das ist das erstaunliche Resultat einer umfassenden Recherche. Gesegnet mit den rar gewordenen Instinkten eines Trüffelschweins, spürten die Macher des Kompendiums nicht nur "verlorene" Schätze auf, die bislang noch nicht für den CD-Player zu haben waren, sondern packen mit The Upsets "Only For Sheep" oder Nine Below Zeros Demo-Version von "Pack Fair & Square" auch viele bislang unveröffentlichte Stücke als Sahnehäubchen oben drauf.


Im hochformatigen Booklet finden sich nicht nur Hintergrundinformationen zu allen Songs, sondern auch zahlreiche Fotos für den Heimgebrauch.

So erhält eine fast in Vergessenheit geratene Randnotiz der Rockgeschichte endlich den ihr gebührenden Respekt – und der entdeckungsfreudige Hörer eine dankbare Reise für die Sinne, die den Spirit von Einst ganz unverkrampft in die Jetzt-Zeit transportiert.

||TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER  | DATUM: 21.01.15 |  KONTAKT |  WEITER: "SOMBRAS: SPANISH POST PUNK + DARK POP 1981-1986" >





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Website
www.cherryred.co.uk


COVER © CHERRY RED RECORDS.

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