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MORLAS MEMORIA "FOLLOW THE WIND": SCHLICHT UND ERGREIFEND

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Unserer irrwitzig aufgeklärten, unglaublich modernen Zivilisation mit all ihrem empirischen Wissen zum Trotz, umwehte den Jahrtausendwechsel ein apokalyptisches Flair.

Passend dazu ließ es die Stromgitarren-Fraktion gewaltig scheppern – der zierlichen Sängerin Tarja Turunen sei Dank. Denn die ausgebildete Sopranistin ging mit der Metal-Band Nightwish eine wahrhaftige "liaison dangereuse" ein, die kurze Zeit später in den Annalen des Popdiskurses als Symphonic- oder  Power-Metal auftauchen würde und dem bis dato eher derb-raubeinigen Gniedel-Genre eine elbisch-elfenhafte Note verlieh.

Das finnische Ensemble veröffentlichte zudem ihr mystisch-umwölktes "Eclipse" als stilechte Untermalung zum letzten, großen Naturspektakel, das das 20. Jahrhundert noch aufbringen konnte: Die totale Sonnenfinsternis in Nordeuropa anno 1999.


So weit, so bombast!

Doch schaurig verdunkeltes Sonnenlicht tritt eben nur alle Jubeljahre auf, und so verlief sich auch dieser neumusikalische Trend, von denen andere Gruppen wie die holländischen Within Temptation ebenfalls profitierten, mehr schlecht als recht im Sande.

Zu sehr garten die Musiker im eigenen, zähflüssigen Saft; besangen äußerst vorhersehbar ihre tolkien'schen Wolkenkuckucksheime und kopierten dabei recht schnell sich selbst oder andere Kollegen. Und zwar so lange, bis auch die letzten Durchschläge so dünn waren wie die Stimmen mancher zweifelhaften Chanteusen, die in diesem Bereich reüssieren wollten und doch kläglich daran scheitern mussten.

Es spricht also wenig dafür, nach so vielen Jahren stilistischen Stillstands eine weitere Band vorzustellen, die in diesen Gefilden mäandert.

Doch Morlas Memoria aus Dresden machen einiges anders, weswegen es sich lohnt, einen Blick, respektive ein Ohr, zu riskieren.


Denn die Gruppe um das Geschwisterpaar Johne, bestehend aus Musiker Theo und Sängerin Leandra, verfällt nicht den verführerischen Reizen über-produzierter, kinematographischer Klang-Epen. Das Debütalbum "Follow The Wind" verortet sich mit kraftvollem Ausrufezeichen in der handgemachten Rock-Musik, kommt gradlinig und ohne viel Augenwischerei oder unnötigem Chi-Chi daher. Außerdem versteht sich das Sextett sehr geschickt auf transparente Arrangements.


Davon profitieren Stücke wie "Medusas Tale" oder die wortlose, schandmaulige Schalmeien-Rock-Nummer "Silence" enorm. Hier erhält jedes Instrument den nötigen Freiraum, den es braucht, um zu glänzen und zu scheinen.

Die Summe der einzelnen Teile macht schlussendlich das Hörvergnügen bei Morlas Memoria aus, die ihr erstes Album in sauberster Eigenproduktion abliefern – offensichtliche Liebe zum Detail natürlich inklusive.

Der in ausladender DVD-Hülle veröffentlichte Silberling deutet bereits ihren Willen zum Großen an, ohne aber in künstlerische Hybris zu verfallen.

Hier werden endlich mal k
eine abgedroschenen Zeichnungen oder schauderhafte Szenen burton'scher Provenienz zur Illustration verwendet. Lediglich die in einer Heide stehende, träumerisch in die Ferne blickende Sängerin ist auf dem Cover abgebildet – und das erfreulicherweise gerade nicht als lächerlich verkleidete Wald- und Wiesenelfe, sondern einfach mal als greifbare Persönlichkeit. Das macht die Gruppe sympathisch und baut noch vor dem Hören eine erste Nähe auf.

Laut Bandpage war Theo Johne eine ganze Zeit lang mit einer durch die Lande tingelnden Theatergruppe unterwegs. Als eines Tages der letzte Vorhang für die Darsteller gefallen war, begann für ihn das Abenteuer Morlas Memoria. Noch am Dernierenabend wurde der Grundstein für die Band gelegt; die Bretter, die die Welt bedeuten, leben nun deutlich hörbar in ihren Texten weiter.


Auf "Follow The Wind" bedient sich insb
esondere die Nummer "Ohne Probe" aus dem reichhaltigen Wortschatz der mimischen Kunst, um diesen allerdings metaphorisch für das "Theater des Lebens" zu überhöhen. Auch in anderen Stücken wie in etwa "Sphinx" oder dem malerischen Titel klingen theatralische Momente an; allerdings mit deutlicher Akzentuierung in Richtung Ur-Form der griechischen Tragödie aristotelischer Prägung. Hier nimmt die Gruppe als Erzähler der Geschichten den Part des Chors ein.

Das alles passt sehr gut zusammen: Der auf seine Grundsubstanz zurück geführte Power-Metal harmoniert optimal mit den archaischen Gefühlsmomenten und urphilosophischen Selbstbetrachtungen, die in den Songs thematisiert werden.

Schon nach den ersten Takten von "Follow The Wind" wird klar, dass Morlas Memoria das Rad nicht neu erfinden wollen. Ihre Meisterleistung besteht darin, die über Jahre angesetzten Verkrustungen abzutragen, damit es wieder schwungvoll weiter rollen kann.

Puristische Eleganz – wunderbar in Szene gesetzt.


||TEXT: DANIEL DRESSLER  | DATUM: 23.09.15 |  KONTAKT |  WEITER: POST PUNK MADE IN AUSTRIA - X-BELIEBIG VS. CHICK QUEST >


Website
www.morlasmemoria.de



COVER © MORLAS MEMORIA.


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