ALTAR DE FEY "ORIGINAL SIN" VS. SWEET WILLIAM "LAUGHTER FILLED WITH PAIN" VS. THE HALO TREES "ANTENNAS TO THE SKY": WELTSCHMERZ IM WANDEL DER ZEIT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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ALTAR DE FEY "ORIGINAL SIN" VS. SWEET WILLIAM "LAUGHTER FILLED WITH PAIN" VS. THE HALO TREES "ANTENNAS TO THE SKY": WELTSCHMERZ IM WANDEL DER ZEIT

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Vergleicht man 1979 mit 2019, finden sich unwahrscheinlich viele Parallelen. Auffällig ist vor allem, dass damals wie heute Menschen auf die Straße gegangen sind, um gegen Umweltzerstörung zu demonstrieren, während Supermächte ein unüberhörbares Säbelrasseln vollführen und die Welt damit in permanenter Angst hielten. Ob das allein der Grund für das Erstarken eines klassischen Goth-Rock ist, mag dahin gestellt sein.

Jedoch überrascht es, dass einen die dringlichen Stücke von Altar De Fey aus San Francisco immer noch so sehr berühren, obgleich sie bereits mehr als 30 Jahre zurückliegen. Ohnehin besitzt diese Gruppe eine eigenartige Vita. Die Band konzentriert sich um Gitarristen Kent Cates und Schlagzeuger Aleph Kali. In den frühen 80ern gegründet, erspielten sie sich schnell einen guten Ruf. Über Jahre hinweg häufte sich vorzeigbares Material an, eine Veröffentlichung auf Platte fand damals jedoch nie statt.

Wie Altar de Fey erging es vielen anderen Gruppen in dieser Zeit auch. Sie nahmen kurz am neuen Gothic-Ding Teil, suchten sich dann aber andere musikalische Ausdrucksformen oder verschwanden wieder völlig von der Bildfläche. Doch obwohl auch Cates und Kali andere Wege gingen, geisterte der Name Altar De Fey immer noch umher, was die Legendenbildung dieser Band weiter vorangetrieben hat. Erst 2011 haben sich die beiden dazu bereit erklärt, bei einem Festival in ihrer Heimatstadt aufzutreten. Von da an wurde aus der "Geisterband" eine reale Truppe, die sich nun damit begnügen darf, ihr eigenes Erbe sorgfältig zu verwalten und überhaupt richtig zu präsentieren.

Dementsprechend gleicht "Original Sin - An Anthology Of The Early Years" wie ein aus den Tiefen des Meeres geborgener Schatz, bestehend aus Demoaufnahmen und Livemitschnitten aus den Anfangstagen. Gleichzeitig bietet sich diese Zusammenstellung auch als perfektes Anschauungsmaterial für den Beginn der Gothic-Kultur an. Denn Altar De Fey klingen so, wie Post-Punk ihrem Wortsinn entsprechend sein sollte: irgendwie noch Punk, aber schon etwas davon distanziert. Die saubere Demo Aufnahme von "Crimson Sin" lässt dies noch gar nicht so recht vermuten, da sie hier schon einen sehr gepflegten Goth-Rock präsentieren. Aber bereits "My Bone", eine körnige Liveaufnahme aus dem Full Moon Saloon zeigt, dass sie immer noch mehr Punk als Post gewesen sind, auch wenn an anderer Stelle "Vampires" schon mit den bekannten Themen dealt.

Gerade bei Stücken wie "You Do Not Scare Me", die in ihrer Urform locker hätten höhere Weihen erfahren können, stellt sich dann doch die Frage, wieso es Altar De Fey damals nie zu einer amtlichen Veröffentlichung geschafft haben. Dass es dann aber doch noch mit der Veröffentlichung der alten Bänder geklappt hat, ist ein Segen für alle Fans und für die Musikinteressierten ein weiteres Fundstück aus den Anfangstagen der Schwarzen Szene.

In dieser Zeit hat sich auf der hiesigen Seite des großen Teichs, genauer gesagt: im beschauliche Kerpen, Oliver Heuer entschlossen, Sweet William zu gründen. Ebenfalls von den dunklen Klängen von Bauhaus und Joy Division inspiriert, suchten sie in der Zeit der zweiten Welle des Gothic-Rocks Ende der 1980er Jahre ihr musikalisches Glück. Gefunden haben sie aber mehr: Zwar sind Oliver und seine wechselnde Besetzung immer stark von der Melancholie geleitet, stilistisch wagte man aber auch große Sprünge, wie beispielsweise mit dem 1998er "Show", das bereits Jahre zuvor aufgenommen wurde, aber aufgrund seiner Prog-Rock-Richtung dem alten Label Hyperium missfiell. Erst unter Dion Fortune wurde das Werk veröffentlicht.

Inzwischen befindet sich die Gruppe in der komfortablen Lage, unabhängig und ohne nervösem Zwischenfunken irgendwelcher Plattenfirmeninhaber, die ihre Felle bei zu groß eingeräumter künstlerischer Freiheit davonschwimmen sehen, ihre Ideen auszuformen. 2016 mündete dies in "Time", einem herrlich unkomplizierten Werk zum 30jährigen, das Elektronik mit Gitarren überkreuzt und dabei so ungezwungen klingt, wie es nur jene schaffen, die eine lange Erfahrung und ein entspanntes Verhältnis zum Geleisteten mit sich bringen.

Nun erfinden sich Sweet William auf ihrem aktuellen Werk "Laughter Filled With Pain" ein weiteres Mal neu - reduziert, nur mit elektronischen Spurenelementen versehen, dafür aber mit einer neu entdeckten Liebe zur Akustik. Wenn bei "Would You Mind" und vor allem "Day After Day" entstöpselte Gitarren ihre kontemplativen Arpeggios darbringen, kehrt auch beim Hörer eine gewisse nachdenkliche Ruhe ein, begleitet von einer leichten Traurigkeit, die vor allem bei letztgenanntem Stück überdeutlich ist: "Day After Day" ist der Versuch des Protagonisten, nach einer Trennung - welcher Art auch immer - in die Normalität zurückzufinden. Allein, es scheint ihm nicht zu gelingen.

Ebenso träumt sich "Memories" durch beendete Beziehungen, die nur in Gedanken bestehen bleiben. So wenig hoffnungsvoll der erste Teil von "Laughter Filled With Pain" aber auch sein mag, setzt man auf "Tomorrow" auch einen zwar tränenumwölkten, aber doch bestimmten Blick nach vorne. Die verzerrte Stimme bei "Release Me" deutet den Ausbruch an, der in "New Wings" und dem fast schon logischen "A New Horizon", wo die Akkorde nicht mehr gebrochen, sondern fest und voller Zuversicht eingespielt werden, sich deutlich abzeichnen.

Das Album tritt sprichwörtlich aus dem Dunkel ins Licht und kann als ein ganz großer Wurf dieser immer unterschätzten Band gesehen werden.

Ähnlich viele Lorbeeren darf man auch "Antennas To The Sky" der deutschen Formation The Halo Trees schenken. Zwar handelt es sich hier um ein Debüt, doch Frontmann Sascha Blach ist ein langjähriger Begleiter und Mitgestalter der hiesigen Schwarzen Szene. Und das auf mehreren Ebenen. Mit seinen verschiedenen Projekten, darunter Eden Weint Im Grab, Aethernaeum und zuletzt Lighthouse In Darkness, einer Kollaboration mit Flowing-Tears-Sängerin Helen Vogt, zeigte er sich musikalisch in allen Richtungen beschlagen. Zudem hatte er über mehrere Jahre hinweg den Posten des Chefredakteurs beim Zillo-Magazin, jener einst kultig verehrten Szene-Postille, inne.

Kurzum: Der Mann kennt und schätzt den Weltschmerz, den er in der Gothic-Gemeinde findet, ebenso sehr, wie die Möglichkeit, seine skurrilen Geschichten dort mit Erfolg vorzutragen - schließlich ist der studierte Literaturwissenschaftler auch noch Autor und hat einige Gedichtbände unter das Volk gebracht. Dieses universelles Wissen kulminiert nun in "Antennas To The Sky", das man getrost als das beste Album bezeichnen kann, was der Mann seit Anbeginn seiner künstlerischen Laufbahn auf die Beine gestellt hat.

Gründe für diesen löblichen Überschwang finden sich in vielen Punkten. Sei es der transparente Düsterrock, der sich schummrig gibt, aber nie eine runterziehende Schwere besitzt, oder der sonore Gesang von Sascha, der die besten Momente von Ville Valo von HIM, Barry Andrews von Shriekback und David Bowie vereint: Hier wirkt nichts verkünstelt oder gibt sich als reine Gruftie-Pose aus, was beispielsweise bei den ersten theatralischen Eden-Weint-Im-Grab-Nummern der Fall war - natürlich auch bedingt durch das Konzept der Band.

Sascha Blach hat scheinbar seine musikalische Mitte gefunden - und er wird kongenial begleitet von Geigerin Kathrin Bierhalter, Bassist Serdar Uludag und Schlagzeuger Stefan Helwig, die seine musikalische Vision verstehen und problemlos mittragen. Am Ende dieser Entstehungsgeschichte stehen Stücke wie das traurig funkelnde "Don't Belong", das zwar zunächst als trostlose Wahrheit angenommen wird, sich aber von träumerischen Momenten hin zu einem trotzigen "Jetzt erst recht"-Gefühl wandelt. Was als Selbstmitleids-Nummer beginnt, wird in den letzten Takten zum Beginn neuer Möglichkeiten umgedeutet.


Überhaupt lebt "Antennas To The Sky" von einer unglaublichen Liebe zu schwebenden Melodien, die "Alone In A Room Full Of Mirrors", einem von zwei Bonus-Nummern, die man erhält, wenn man die CD ersteht, fast schon zum Dream-Pop-Kleinod avancieren lassen.

Das Album zeigt sich in seiner ganzen weltschmerzlichen Schönheit und badet geradezu genüsslich im melancholischen Gefühl. Mit dem Wissen aus mehr als 40 Jahre Gothic-Rock gelingt The Halo Trees eine Neujustierung, die sich beispielsweise von der ungestümen, ruppigen Energie einer Band wie Altar De Fey schon längst verabschiedet hat, deren Endzeitstimmung aber, ähnlich wie bei Sweet William, durchaus übernommen, aber introspektiv und introvertiert umgedeutet wurde.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 18.10.19 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 8/19>

Webseite:
www.facebook.com/altardefey
www.sweetwilliam.de
www.thehalotrees.com

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COVER © OTHER VOICES/NOVA MD (ALTAR DE FEY), DATAKILL RECORDS (SWEET WILLIAM), WINTER SOLITUDE PRODUCTIONS/SOULFOOD

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