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"ACTION, TIME, VISION - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1976-79": IN 111 SONGS UM DIE PUNK-WELT

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Ein kleiner Schmunzler gefällig, lieber Leser? Jüngst versuchte die Internetseite unseres öffentlich-rechtlichen Nachrichtenorgans "Tagesschau" reichlich ungelenken, dem Punk zu würdigen, der anno 2016 seinen 40. Geburtstag feiert. Also: "Hoch die Humpen!" – und das Bier gleich mal dem Redakteur vor die Füße gekotzt bei so viel Nichtwissen.

Es ist nämlich mindestens genauso hinfällig, ein exaktes Datum einer Musikrichtung zuzuschustern, wie das Stück "Anarchy In The UK" von den Sex-Pistols als "Punk-Urknall", so der O-Ton des Artikels, zu bezeichnen. Eher kann man die Band als Beginn einer rigorosen Selbstvermarktung einer prosperierenden Subkultur sehen, die bereits einige Jahre zuvor begonnen hat. Strenggenommen auch nicht in England, sondern in Amerika (Stichwort: "CBGB"). Dank des umtriebigen Managers Malcolm McLaren, der mit seinen Schützlingen für wohl dosierte Aufreger im erzkonservativen und wirtschaftlich am Boden liegenden England sorgt, schafft er ein mediales Feindbild, das aber über die Dekaden hinweg geradezu mustergültig von der Pop-Kultur assimiliert werden sollte.

Punk verfängt sich ziemlich schnell in die dialektische Falle: Er startet als allgemeine Gegenbewegung, die sich einen Scheiß um Kulturbetrieb und Musikindustrie kümmert, um schließlich in musealisierter Form hinter Sicherheitsglas als liebenswerte Sonderheit der Popgeschichte von der Allgemeinheit akzeptiert zu werden und nun ein kastriertes Dasein fristet.

Dementsprechend eindimensional fallen nicht nur Berichte in Musikgazetten und anderen Medienorganen aus, die, einem Mantra gleich, die Namen The Sex Pistols, The Clash, Generation X oder The Stranglers immer wieder ehrfürchtig runter beten.

Auch Zusammenstellungen zu diesem Thema geraten in aller Regel zu peinlichen Lachnummern. Ein paar Sicherheitsnadeln auf das Cover verteilt, der Union Banner im Hintergrund, die Queen in grellen Neonfarben, inklusive schwarzem Augenbalken, und dazu noch das berühmte Anarchie-Symbol – ein in ein Kreis gefasstes "A" – drauf gestempelt: Fertig ist der Convenience-Punk-Sampler.


Und was sich da nicht alles Punk nennt: "Teenage Kicks" von den Undertones beispielsweise, oder "Turning Japanese" von The Vapors. Diese beiden exemplarischen Stücke sind zwar im besten Sinne Popmusik, haben aber auch gar nichts mit Punk zu tun. Solche Kompendien sind entweder der Ausdruck absoluter Unkenntnis von der Materie seitens der Zusammensteller, die nicht mal mehr die Zeit besaßen, wenigstens kurz den Wikipedia-Eintrag zu diesem Genre zu überfliegen, oder ein bewusst von den Verantwortlichen handzahm gehaltener Pop-Rock-Mischmasch, der keine allzu großen Irritationen beim Käufer hervorrufen soll.

Um aber die musikalische Kraft und auch ihren Ursprung zu verstehen, braucht es Menschen, die sich damit auskennen. Bei Cherry Red Records ist dies der Fall. Das englische Label wurde gegründet, als Punk seinen Zenit fast schon überschritten hat. Sie haben diese Zeit miterlebt. Mit ihrer vier CDs umfassenden Box "Action Time Vision" spüren sie dem wahren Geist von Punk nach, der so viel mehr bedeutet als literweise Dosenbier saufen, rumpöbeln und pogotanzen.

Schon die Aufmachung des Samplers verbietet sich sämtliche Klischees. Der Titel, geborgt vom gleichnamigen Song der Gruppe Alternative T.V. (natürlich auch in der Sammlung enthalten), ragt eher wie ein 70er-Jahre-Kinoschriftzug aus dem grau-schwarzen Hintergrund heraus. Lediglich die beiden verschmitzt dreinblickenden Jungs auf den Automatenfotos verraten, worum es geht: "A Story Of Independent UK Punk 1976-79" – ausführlich in 111 Songs erzählt.

Jede Scheibe deckt dabei ein Jahr ab und gibt so nicht nur lehrreichen Aufschluss darüber, wie sich das Genre innerhalb kürzester Zeit in seiner Klangästhetik massiv verändert, sondern beweist darüber hinaus auch, dass gerade solche viel gelobten Stücke wie Clashs "London Calling" bereits viel zu filigran und glattgebügelt sind, um als Punk-Rock-Song im klassischen Sinne durchzugehen. Bei "Action Time Vision" hingegen brodelt es gehörig an allen Ecken und Enden.

Der Startpunkt der Reise setzen die Zusammensteller mit "New Rose" von The Damned an, das bereits einen Monat vor "Anarchy In The UK" veröffentlicht wurde und den anderen, trampelpfadigen Weg beschreibt, den Punk gegangen ist, während Sex Pistols & Co. sich auf den von den Plattenfirmen sauber asphaltierten Bahnen in Richtung Kommerz bewegt haben. Richtig interessant wird es aber zwei Songs später. "Television Screen" von den Radiators From Space legt offen, wo die Wurzeln des Punk liegen: im klassischen Rock'n'Roll! Nur mit dem Unterschied, dass diese Generation die Geschwindigkeit, mit der die Stücke gespielt werden, ordentlich anziehen.

Denn bei allen modischen und auch politischen Aspekten, wollten die Musiker vor allem dem aufgeblasen-dekadenten Rockzirkus solcher Supergroups wie Led Zeppelin, Supertramp oder Emerson, Lake & Palmer entgegenwirken. Keine selbstverliebten Giarren-Soli mehr, keine überlangen und arabesk arrangierten 15-Minuten-Mini-Opern, keine Drogenparties in gemieteten Jets. Punk holt den Rock'n'Roll zurück auf die Straße – mit einfachen, auf den Punkt gebrachten Stücken, die nach säuerlichem Schweiß der Arbeiterklasse riechen.

Und auch die Frau definiert sich in dieser Zeit neu. The Rezillos' "I Can't Stand My Baby" präsentiert diesen anderen, rustikalen Typus, der sich nicht mehr nur hinter dem Macker versteckt, sondern selbstbestimmt in die Offensive geht. Gut möglich, dass Anette Humpe damals Rezillos-Frontfrau Fay Five gelauscht hat, ehe sie mit den Neonbabies und später Ideal in Deutschland als ernstzunehmende Künstlerin sowohl in der Indie-Szene als auch im Mainstream reüssiert.

Die altbekannte Mär von den drei Akkorden wird übrigens beim Durchhören von "Action Time Vision" schnell demontiert. Natürlich sollen die Songs laut, schnell und simpel gehalten sein. Aber bereits "Mucky Pup" von Puncture kombiniert spacige Synthesizer-Töne mit harshen Gitarren-Sounds. Punk ist daran eher die draufgängerische Unbedarftheit, mit der die Truppe dieses Stück einspielt. Musikalisch entfernt man sich da bereits von vertrautem Terrain.


Ebenso gibt es in "Radio Wunderbar" von The Carpettes oder The Only Ones' "Lovers Of Today" deutliche Anzeichen dafür, dass sich nicht irgendwelche prollige Halbstarke das erste mal an der Klampfe vergreifen, sondern ernstzunehmende Musiker zu hören sind, die ihr Handwerk beherrschen. Zwar nicht in Perfektion, aber immerhin bemerkenswert gut.

Im Laufe des Samplers wird die Form des Punk immer offener. Patrick Fitzgeralds "Safety-Pin Stuck In My Heart" könnte man als eine Art Punk-Singer-Songwriter bezeichnen, der nur mit einer ordentlich geschrammelten Akustik-Gitarre seine Gedanken vorträgt. In ähnlicher Weise verfährt auch Spizzoil, der später als Spizzenergi mit "Where's Captain Kirk?" einen Independent-Klassiker landet. Er singt sein minimalistisches "6.000 Crazy" nur in Begleitung einer E-Gitarre.

Stillstand ist der Tod. Immer mehr Gruppen wagen sich aus dem gängigen Schema heraus und präsentieren wunderbare, heutzutage vergessene Kleinode: So erinnert "I Don't Care" von The Dodgems mit den gesprochenen Passagen und dem entspannten Saitenspiel im Hintergrund eher an Lou Reed. Und The Cravats lassen in "Gordon" das Saxophon wunderbar quäken und fiepen. Die Grenze zum New Wave wird in diesem Stück zumindest schon mit der Fußspitze berührt. Doch genau darum geht es in "Action Time Vision": Die Zusammenstellung behandelt das Genre nicht konservativ, sondern bringt seine gesamte Bandbreite zum Schwingen und verweist so auf den deutlichen Einfluss für nachfolgende Stile.  

Außerdem lädt das reich bebilderte und gut recherchierte Booklet zum Schmökern und Staunen ein. Denn wer hätte gedacht, dass der Schreihals von The Killjoys niemand geringeres als Kelly Rowland ist, der ein paar Jahre später als Frontmann der Dexys Midnight Runners Karriere machen würde? Oder dass Demon Preacher, hier mit "Little Miss Perfect" vertreten, nach dem Punk-Exitus als Alien Sex Fiend das frisch geschlüpfte Gothic-Genre meisterlich bedienen sollte? Auch bei den polternden Johnny & The Self Abusers vermutet man nicht die späteren Stadion-Rocker The Simple Minds, die aus ihnen hervorgegangen sind.

Manch andere Band hat ihren Namen später noch behalten, ihren Stil aber komplett neu ausgerichtet. Heutzutage werden Tubeway Army mit seinem charismatischen Sänger Gary Numan eher auf den Synthie-Evergreen "Are 'Friends' Electric?" limitiert. Doch der hier präsentierte Song "That's Too Bad" scheint noch meilenweit entfernt von Numans späterem Spaceboy-Image. Gleichfalls überraschend mit dabei: Adam & The Ants. Ihr Song "Zerox", rund drei Jahrzehnte später übrigens vom Synthie-Girls-Trio Client gecovert, kommt deutlich ruppiger aus den Boxen als sein darauffolgender Kostüm-Parties-Pop. Und von wegen wütender Weltschmerz: Bevor Joy Division als amtliche Melancholiker ein neues Genre formen würden, zeigen sie auf "Failures" nicht den Hauch von Depression.

Schlussendlich hält diese allumfassende Box einige kuriose Verrücktheiten bereit. Beispielsweise The Hollywood Brats, die sich bereits in den frühen 70ern formierte als The Queen – und mit ihren langen Haaren auch so aussahen wie die später erfolgreichen Namensvetter in ihrer Anfangsphase. "Sick On You" karikiert aber diesen schwülstigen Glam-Sound, weswegen sie nicht zu Unrecht als britische Version der New York Dolls beschrieben werden.

Last but not least sind da noch Pure Hell, die eine wahnwitzige Variante von Nancy Sinatras "These Boots Are Made For Walking" zum Besten geben. Dass diese Band nur aus Afroamerikanern besteht, erhöht den Exotik-Faktor natürlich ungemein. Mit Chip Wreck haben sie überdies einen talentierten Gitarristen in ihren Reihen, der bisweilen als Reinkarnation von Jimi Hendrix gefeiert wird (auch weil er dessen Kunststücke beherrscht, wie beispielsweise hinter dem Rücken zu gniedeln).

Zu diesem Zeitpunkt – es ist das Jahr 1979 – schreiben aber schon andere Gruppen die Geschichte weiter. The Human League, OMD und Ultravox beispielsweise entwerfen den eleganten Sound für die 80er Jahre, der dank erschwinglicher Synthesizer nun vollends die Zukunft in die Gegenwart holt, und nennen es New Romantic. Währenddessen bespaßen The Cure, The Sisters of Mercy und Bauhaus die harlekinesk geschminkten Gruftis. Und Bands wie XTC oder Paul Wellers The Style Council firmieren unter dem schwammigen Begriff New Wave, sind aber in Wirklichkeit die Vorläufer dessen, was heutzutage als Indie-Pop Einzug in die Annalen der Geschichte hält. An dieser Stilvielfalt trägt Punk maßgeblichen Anteil, da er in wenigen Jahren das uniformierte Musikbusiness auf links gekrempelt und so die Möglichkeit neuer Ausdrucksformen geschaffen hat. In "Action Time Vision" wird diese Idee des Umbruchs wieder greifbar.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 05.12.16 | KONTAKT | WEITER: THEATRE OF HATE "WESTWORLD (DELUXE EDITION)">

Webseite:
www.cherryred.co.uk


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COVER © CHERRY RED RECORDS

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