MELANCULIA "POST MORTEM": ZURÜCK ZUR ZERRISSENHEIT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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MELANCULIA "POST MORTEM": ZURÜCK ZUR ZERRISSENHEIT

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Der Kontrast könnte nicht größer sein: die nordportugiesische Küstenstadt Póvoa de Varzim und das vom Ruhrgebiet geprägte Dorsten. Beide Orte hat Nino Sable kennengelernt. Als Kind zog er aus der südeuropäischen Sonne in die vergleichsweise triste nordrhein-westfälische Stadt. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit und Entwurzelung waren die Triebfeder für ihn, Melanculia in den späten 1990ern ins Leben zu rufen.

Nach vielen weiteren musikalischen Abenteuern findet der Mann mit der sehnsüchtig-blümeranten Stimmlage wieder zu seinem alten Projekt zurück. Und mit ihm entdeckt er die künstlerische Autarkie neu, indem er das Album weitestgehend im Alleingang konzipierte. Auf "Post Mortem" reduziert der Mann das Instrumentarium im Vergleich zu den vergangenen Aeon-Sable-Veröffentlichung deutlich. Karge Arrangements, meist bestehend aus weltschmerzlichen Gitarren, mittelschnellen Rhythmen und feinen Synthielamentos treffen auf ersterbende Lyrics.

Nach den üppigen Gothic-Rock-Kompositionen mit Aeon Sable, findet der Musiker zurück zu einem Indie-Sound, dessen mollige Schwere zwar weiterhin präsent ist, allerdings den direkten Weg zum Hörer sucht. So wirkt "I Just Wanna Be A Good Guy" wie eine verschollene Bad-Seeds-Aufnahme. Vor allem der heulende Gesang gegen Ende der Nummer könnte eins zu eins von Nick Cave stammen. Nino Sable wartet hier mit seiner besten stimmlichen Performance auf. Auch "Sunboat Ascension" hält sich im morbiden Klangraum auf.

Ursprünglich als Ausdruck von Sables Zerrissenheit entstanden, kehrt er mit Melanculia und "Post Mortem" zu diesem Gefühl der emotionalen Isolation zurück. Das Album hat allerdings nicht das Thema der Heimatlosigkeit zum Inhalt, sondern versucht sich eher als Tröster für vom Weltschmerz geplagte Menschen. Ihnen begegnet Melanculia mit einem Sound, der wie eine Umarmung wirkt: intim, vertrauensvoll, Halt gebend.

Das erste Album seit acht Jahren speist sich aus verschiedenen Einflüssen, klingt aber letzten Endes eigenständig und - und das ist das wichtigste - wahrhaftig. "Runaways" wartet mit einer markanten Refrainlinie auf, "We Are Only Human" (der vielleicht schönste Track auf dem Album) bricht kurz aus dem kontemplativen Korsett aus und präsentiert ein quäkiges Saxofon, das so todessehnsüchtig klingt wie man es von diesem Instrument noch nie gehört hat.

Die Rückkehr zu seinem ersten Projekt hat beim Musiker einige Energien freigesetzt, die er in das Album einfließen ließ, was "Post Mortem" zu einer großen Überraschung in diesem Jahr macht.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 15.05.26 | KONTAKT | WEITER: GIBRISH VS. LAMBERT>

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COVER © MELANCULIA

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