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"SILHOUETTES AND STATUES - A GOTHIC REVOLUTION 1978-1986": ERKENNEN SIE DIE MELANCHOLIE?

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Im besten Fall schaffen umfassende CD-Zusammenstellung zu einer Stilrichtung das Kunststück, die Geschichte dahinter allein durch die Auswahl und Anordnung der Stücke zu erzählen. "Silhouettes And Statues - A Gothich Revolution 1978-1986" tut genau dies.

So startet das feine Kompendium, bestehend aus fünf CDs, seine tönerne Reise zu den gotischen Gestaden britischer Provenienz mit "Shadowplay" von Joy Division - und führt das ganze Dilemma einer Bewegung zu Tage. Denn die "eine Gothic-Musik" gibt es nicht. Vielmehr wurde der Begriff vom Produzenten Martin Hannett geprägt. Er wirkte anno 1979 am Endklang von Joy Divisions "Unknown Pleasures" mit und bezeichnete das Album kurze Zeit später als "Tanzmusik mit Gothic-Untertönen". Dabei war die Gruppe um den Anti-Rock-Star Ian Curtis stark in der Punkszene verwurzelt; allerdings klangen Joy Division immer fatalistischer als ihre anarchistischen Kollegen. Und mit Curtis besaßen sie einen talentierten Poeten, der klar umrissene Gefühlsgemälde zeichnete.

Verhandelt der erste Song also die musikalische Unschärfe der Szene, besetzt der Nachfolger "Release The Bats" von Nick Caves erster Band The Birthday Party den klassischen Vampir-Topos. Denn in seiner thematischen Ausformung ist Gothic unweigerlich mit den klassischen Horrornovellen des 18. Jahrhunderts sowie den Grusel-Stummfilm-Klassikern des frühen 20. Jahrhunderts verbandelt - auch wenn Cave eher wie ein wildgewordener Untoter seine erotisch aufgeladenen Phantasien ins Mikro schreit. Hier lebt er noch, der wilde Geist des Punk. Von weiß geschminkten, ernst dreinblickenden Hoffnungslosromantikern, die ihr Haupthaar zu gewagten Vogelnestern oder wagemutigen Türmen toupierten, ist dieser Song noch weit entfernt.

"Silhouettes And Statues" beginnt höchst intelligent, weil es markante Namen gleich an den Anfang stellt, um ihren Aushängeschildnimbus mit den mehr als 80 nachfolgenden Songs wenn nicht zu unterminieren, dann doch zumindest kritisch zu hinterfragen. Schließlich waren die späten Siebziger von starken Umbrüchen in der Musik geprägt. Allen voran der verstärkte Einsatz von immer günstiger werdenden Synthesizern beeinflusste auch die Gothic-Szene. Gerade Bands wie Clock DVA und Portion Control, beide mit ihren Songs "The Female Mirror" und "Fiends" vertreten, ließen spacig-schaurige Sequenzen aus ihren Maschinen herausquellen und waren für die dunkelsten Ecken der dunkelsten Clubs gerade gut genug.

Auch "Love Puppets" der Legendary Pink Dots, in dem eine Textzeile für den Titel der Zusammenstellung herhält, vermittelt den ursprünglichen, archaischen Umgang mit der neuen Technik. Doch bei aller Simplizität (der Song basiert im Grunde genommen auf einer einzigen Arpeggiolinie eines Rolands) vermag diese Nummer mehr den Begriff Gothic zu umreißen, als es allen aktuellen Gruppen dieses Genres mit ihren aufgepumpten Musical-Produktionen nicht im Ansatz gelingt.

Die Macher des Samplers sprechen im Untertitel von einer "Gothic Revolution". Und wie es uns die Geschichte lehrt, laufen Revolutionen nicht einheitlich ab. Es gibt unterschiedliche Richtungen, Meinungen, radikalere und liberalere Positionen. Sie alle vereinen sich für einen kurzen Moment zu einer großen Gegenströmung, ein gleiches Ziel vor Augen. Ist dies erreicht, zerfällt das Bündnis wieder in die einzelne Lager. "Silhouettes And Statues" zeugt davon.

Schließlich lassen "Floorshow" von Sisters Of Mercy, "Moya" von The Southern Death Cult und "The Hanging Garden" von The Cure bei aller Verbundenheit zu morbid-deprimierten Sounds bereits erahnen, dass sie zu höherem berufen waren. Und damit sind vor allem die einstelligen Chartpositionen der Hitparaden gemeint. Von solchen Mainstream-Liebäugeleien wollten Gruppen wie Schleimer K oder auch Bushido (nicht zu verwechseln mit unserem Rüpel-Rapper), die bewusst den Gedanken der Einfachheit in sich trugen, nichts wissen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber nicht, dass ihre Stücke weniger ergreifend sind. Ganz im Gegenteil: "Among The Ruins" von Bushido beispielsweise könnte mit ihrer getragenen Pianomelodie und den Sirenengesängen immer noch die schwarzen Seelen zum Glitzern bringen.

Zwischen südstaatlichem Female-Rock ("Angel Of Vengeance" von Brigandage) und retropunkigen Nummern (darunter der neunminütige Höhepunkt "Tracey's Burning" von Anorexic Dread) findet man auch eine gewisse Nico mit ihrem Stück "Saeta" vertreten. Nico hieß eigentlich Christa Päffgen, stammte aus Deutschland, und erlangte als Model sowie als Sängerin der Velvet Underground große Bekanntheit (und nicht zuletzt auch durch ihren wilden, von Drogen bestimmten Lebenswandel). Sie in "Silhouettes And Statues" afzunehmen war nur konsequent. Schließlich galt die Frau mit der Grabesstimme und ihrer unterkühlten Attitüde als weiblicher Gothic-Prototyp und war vielen Musiker(inne)n Inspirationsquelle.

Ohnehin ist der Einfluss der psychedelischen Rockstrukturen auf die erste Generation von Depri-Musikern enorm. "Tabletalk" von Adam And The Ants ist so ein Exempel: Der Song wirkt wie unter Cannabis-Einfluss eingespielt. Schleppender Rhythmus, Halleffekte, redundante Melodieführung und ein der Welt entrückter Adam Ant geraten in dieser Zusammenkunft in eine musikalische Anderswelt. Und in "LA Rain" von The Rose Of Avalanche lassen sich deutlich die Heroen der Spätsechziger-Rockszene ausmachen: Mick Jagger, Lou Reed - auch sie haben mehr oder weniger indirekt den Begriff "Gothic" geformt oder zumindest vorweggenommen.

Natürlich darf Bauhaus in diesem tieftraurigen Reigen nicht fehlen. Allerdings ist es nicht ihr untoter Bela Lugosi, der sich hier die Ehre gibt, sondern "Stigmata Martyr", ein Song aus ihrem ersten Album "In The Flat Field"von 1980, das bei vielen Musikexperten als das erste richtige Gothic-Rock-Album gehandelt wird. Zwei jahre später bekam dann der Rest des britschen Königreiches mit, was "Gothic" überhaupt ist: als Bauhaus nämlich "Bela Lugosi's Dead" in der BBC2-Morgensendung "Riverside" zum besten gaben - stilecht mit viel Eisnebel und einem furchteinflößenden Peter Murphy, der tatsächlich wie die Reinkarnation des Dracula-Mimen wirkte - und die Menschen zumindest irriterte.

Schwierig zu sagen, ob in diesem Moment eine Subkultur in den Popdiskurs aufging und seine antikommerzielle Haltung über Bord geworfen wurde. Zumindest waren einige Gruppen durchaus gewillt, nicht nur vor ein paar bizarr gekleideten Menschen in stickigen Kellergewölben oder kargen Fabrikbrachen aufzutreten, sondern mit ihrer Kunst einen größeren Radius an Fans zu etablieren.

Die zeitliche Zäsur des Samplers geht einher mit dem "offiziellen" Ende der ersten Gothic-Rock-Welle. Denn in den Jahren 1986/87 wurde die Szene neu geordnet; Bands wie The Fields Of Nephilim, die neu formierten Sisters Of Mercy und die aus den Ruinen der Sisters-Urbesetzung entstandenen The Mission gerierten sich nun mehr als Stadion-Rockstars mit dezent düsterem Touch. Ihre Experimentierfreude und auch Unbedarftheit haben Andrew Eldritch, Wayne Hussey und Konsorten da bereits abgelegt, um der Szene endlich ein konformistisches Gesicht zu geben, das sie bis heute prägt.

Von der erträglichen Leichtigkeit des Independent-Seins waren zu diesem Zeitpunkt keiner der Protagonisten mehr beeinflusst. "Silhouettes & Statues" wirkt daher wie ein von Efeu umranktes Kenotaph, das uns an eine scheinbar verlorene Zeit erinnert, in der es ein "Gothic"-Verständnis abseits modischer Regelementierung und fragwürdiger Dark-Mallorca-Manierismen gab. Doch ob die heutigen "Grufties" noch mit den tippelnden Sounds von The Associates' "Q Quarters" oder den oriental-dadaistischen Tribal-Rhythmen in "Flowers Of Romance" von Public Image Ltd (mit Sex-Pistols-Frontmann Johnny Rotten am Mikro) etwas anfangen können, bleibt fraglich. Ein wunderbares Stück auditiver Zeitgeschichte bleibt diese liebevoll zusammengestellte CD-Box, welche, wie bei allen Samplern des Labels Cherry Red glücklicherweise usus, wieder mit üppigem Booklet und jeder Menge Hintergrundinformationen zu den einzelnen Songs ausgestattet ist, aber allemal.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 19.06.17 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 6/17>

Webseite:
www.cherryred.co.uk


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COVER © CHERRY RED RECORDS

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