RADIO-HYMNEN: VOLL AUFGEDREHT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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RADIO-HYMNEN: VOLL AUFGEDREHT

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Es grenzt an ein Wunder, dass es das Radio überhaupt noch gibt: Als Methusalem der Medienlandschaft erlebte der Klangzwerg von Anno Tobak einst Aufstieg und Fall der Schellack-Platte und lächelte müde, während die Mission Weltherrschaft der Audio-Kassette an ihrem eigenen Bandsalat erstickte. Sich mit lästigen Schmalspur-Downloadern aus dem Hause MP3 duellieren? Für den Jopie Heesters der Sound-Kultur keine Option. Ganz Kavalier der Alten Schule, hält sich das Radio genießerisch bedeckt – nur still, starr und stumm in den Ruhestand treten, kommt nicht in Frage. Aktuell ist der rüstige Nicht-Rentner in Top-Form, trotz hohen Alters immer auf dem Stand der Dinge und seit kurzem auch im Digitalen Zeitalter angekommen. Für viele Songwriter Grund genug, das Radio als Retro-Requisit in ihre Texte zu schmuggeln.

Die interessantesten Tracks zum Thema? Gibt's natürlich in unseren UNTER.TON-TOP 5.

Platz 5|| Fury In The Slaughterhouse >> "Radio Orchid"
Im Sprachfunk sind weibliche Stimmen nach wie vor begehrt. Die Feldwebel-Version in unserem Auto-Navi mögen wir nicht, aber die rührige Radio-Omi von Kai Wingenfelder und seinen Jungs haben wir natürlich sofort ins Herz geschlossen. Hier bekommt das Radio Gesicht und Persönlichkeit, wird zur alten Dame, die mit Seelsorger-Programm gegen mieses Karma kämpft. Die Orchidee im Titel? Kein Zufall, denn das exotische Gewächs steht (hallo, Symbolik) für die Sehnsucht des Hörers nach einem verständnisvollen Gegenüber. Klangliche Instant-Umarmung gegen den Weltschmerz? Dank virtueller Radio-Gemeinschaft kein Problem: „If your world falls down / Can’t see the light of the day [...] call the station [...] and listen [...] and cry / to all the others that suffer and die.“ Mit ihrem leicht melancholischen Gitarren-Pop gaben Fury In The Slaughterhouse vielen dieser verlorenen Seelen ein Zuhause; die wohligen Wellen von „Radio Orchid“ strahlten bis über den großen Teich und katapultierten die Nordlichter aus der Nachbarschaft von Altkanzler Schröder in die oberen Ränge der amerikanischen Billboard-Charts.

Platz 4 || Shakespears Sister >> "Hello (Turn Your Radio On)"
Viele Fragen, keine Antworten und eine Radiosendung mit gestörtem Empfang: Bei den Schwestern des prominenten Halskrausen-Trägers wird das Versprechen des „Radio Orchid“ nicht eingehalten. Statt dessen der Perspektivwechsel, denn an Stelle des Hörers haben wir es hier mit dem Sender zu tun, der nur mehr halbherzig nach einem Gegenüber sucht. Trotz gefälligem Träller-Pop verhallt das Mantra der Shakespeare-Schwestern am Ende im Nirwana und ist nur mehr als resigniertes Echo aus der Ferne zu hören: „Hello, hello, turn your radio on / Is there anybody out there? / Help me sing my song.“ Eine Seelengemeinschaft wie beim Hannoveraner Orchideen-Funk? Leider Fehlanzeige. In schwelgerischen, leicht psychedelischen Tönen besingen die Schwestern die Isolation des Individuums in einer vollautomatisierten Welt. Im Rückblick: ein trauriger Abgesang auf die Generation Facebook. Als "Hello" in die Läden kam, drückte Guru Zuckerberg allerdings noch (neben einigen Radioknöpfen?) die Schulbank.


Platz 3 || Nichts >> "Radio"
Sie sind die vergessenen Helden der Neuen Deutschen Welle: Nichts mit ihrer Sängerin Anja Mothe würzten ihre Songs mit ebenso viel Zynismus wie Ideal, blieben dabei aber wesentlich lakonischer. "Tango 2000" ist das bekannteste Stück der Band, die sich hier über die Selbstherrlichkeit der Discobesucher amüsiert. Nicht minder böse: "Radio". Mothe formuliert als ungezogene Göre zum Hochgeschwindigkeits-Punk den frommen Wunsch, ins Radio zu kommen: „Lieber Gott nun mach doch schon / ich brauch nur ein Mikrophon.“ Wie schon bei "Tango 2000" setzt die Krawall-Schwester mit ihrem Nicht-Gesang ein Zeichen: Sie meint es gar nicht ernst mit dem Klangempfänger, der hier als Sinnbild für die gleichschaltende Massenberieselung und Meinungsmache zu verstehen ist. Klar, dass die Band mit ihren Stücken am Ende auch nicht im Radio zu hören war und ihre kluge Botschaft im buchstäblichen Nichts verpuffte.


Platz 2 || Electric Light Orchestra >> "Here Is The News"
Strom, Radio, Action: Bevor das Internet zur Massenware wurde, war das Radio als Speedy Gonzalez der Nachrichtendienste unterwegs. Diesen Umstand nutzt Jeff Lynne für seine Komposition: Zu hektischen Synthesizerklängen bekommt der Hörer brandheiße Nachrichten im Minutentakt serviert: „Here is the news / coming to you every hour on the hour.“ Das Nachrichten-Spektakel bliebt für den ELO-Mastermind übrigens nicht ohne Folgen: Nach Veröffentlichung des Tracks melden sich diverse Sender zu Wort, die im Lynne-Programm angeblich Ausschnitte ihrer Berichterstattung gehört haben. Ein genialer Fake: Tatsächlich wurden sämtliche Einspieler exklusiv für den Track produziert. Ist Realität Fiktion oder Fiktion Realität? Im Zeitalter von Wikipedia und halbgaren Internet-Recherchen kann diese Frage dann auch mal ins Archiv.


Platz 1|| Kraftwerk >> "Radioland"
Zen in der Kunst des Senderfindens. Bei Kraftwerk braucht es zwei Minuten, bis der willige Hörer endlich den gewünschten Kanal erreicht hat. Unsere englischsprachigen Mitbürger müssen sich leider doppelt so lange gedulden: Keep calm and carry on. „Radioland“ klingt wie die in Zeitlupe vorgetragene Gebrauchsanweisung eines Volksempfängers. Monoton-tröpfelnde Beats, dezent-sterile Streicherimitationen und einige klangliche Darstellungen des vorher Gesungenen (Tastendruck, Frequenzgeräusche, Sendertöne) lassen das Hörerlebnis zur buddhistischen Erfahrung werden. Zur totalen Erleuchtung gelangt der Hörer allerdings erst nach Komplett-Genuss des Albums "Radioaktivität", auf dem der Song enthalten ist. Schließlich ist das fünfte Klangwerk der Düsseldorfer Roboterfraktion thematisch straff gespannt und beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem Radio-Empfänger.


||AUTOR: BISSINGER/DRESSLER // DATUM: 18.04.2014 ||




FOTOS/COLLAGE © ANTJE BISSINGER.




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