PURWIEN UND KOWA: "ES MACHT SPASS, SO ZU TUN, ALS WÄREN WIR NOCH JUNG UND WÜRDEN AN DEN ERFOLG GLAUBEN." - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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PURWIEN UND KOWA: "ES MACHT SPASS, SO ZU TUN, ALS WÄREN WIR NOCH JUNG UND WÜRDEN AN DEN ERFOLG GLAUBEN."

Im Gespräch


Es ist nur ein Buchstabe, der aus Fakt einen Fake macht. Und auch bei Purwien & Kowa scheinen sich die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion nicht immer klar abzuzeichnen. Die Idee eines quasi-autobiografischen Romans der beiden erfolglosen Musiker (sie bezeichnen sich selbst so) und ihrer Klangkunst als beigefügten Soundtrack jedenfalls wirkt frisch und unverbraucht und schert sich wenig um das, was zumindest Christian Purwien als ehemaligen Second-Decay-Frontmann ausgemacht hat. So reden sich die beiden auch im Gespräch mit UNTER.TON herrlich um Kopf und Kragen und plaudern ausgelassen über zu lange Schamhaare, übel riechende Orte und weiteren Absurditäten - alternative Fakten inbegriffen.

"ZWEI" ist noch nicht ganz verklungen, das dazugehörige Buch "POMMES! PORNO! POPSTAR!" gerade erst fertig gelesen, da kommt ihr mit einer neuen Veröffentlichung sowohl musikalischer als auch literarischer Natur um die Ecke. Scheint so, als hätte die Muse Euch mehr als nur geküsst...
Christian: Tatsächlich haben wir bereits 2011 mit den Arbeiten zu "ZWEI" begonnen und hatten deshalb etwas Produktionsvorsprung. Als das Album vergangenes Jahr erschienen ist, hatten wir bereits zwei Drittel der Songs für "DREI" im Kasten. Da wir beide in total verschiedenen Kulturkreisen leben (Deutschland/Schweiz), ist es auch für uns selbst immer wieder erstaunlich, wie schnell wir zusammen neue Songs entwickeln und Ideen austauschen.
Thomas: Über unser Verhältnis mit der besagten Muse müssen wir leider den Mantel des Schweigens ausbreiten. Ich sage nur: Der Gentlemen genießt und schweigt.
Christian: Was hast du bitteschön mit der Muse angestellt, von dem ich nichts weiß? Sie hat doch mir die ewige Liebe geschworen!
Thomas: Dann hat sie vielleicht vergessen zu erwähnen, dass man auch mehr als einen Menschen lieben kann.

Drei ist ja eine höchst symbolische, gar eine göttliche Zahl. Ihr habt "DREI" dann auch tatsächlich in drei Teile geteilt. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?
Thomas: Natürlich hat uns Gott höchstpersönlich darauf hingewiesen, dass wir das Album nach der heiligen Dreifaltigkeit benennen sollen, schließlich redet er schon seit "POMMES! PORNO! POPSTAR!" mit uns.
Christian: Und seit "VEGAS, VIDI, NON VICI" wurde es noch schlimmer! Seitdem redet nicht nur er mit uns, sondern auch Satan und Buddha.

Eure aktuelle Veröffentlichung habt ihr in drei EPs unterteilt: "80", "Disko" und "Las Vegas". War diese Veröffentlichungsform vorher schon klar, oder ist das Euch dieser Umstand erst am Ende aufgefallen, als alle Stücke im Kasten waren?
Christian: Uns war schon recht schnell klar, das diese Songs stilistisch nicht zusammen auf ein Album passen.
Thomas: Wir achten ja immer darauf, die alten Second Decay Fans nicht zu sehr zu verschrecken. Und zu denen gehöre ich ja auch; schließlich haben Christian und ich uns so kennengelernt. Daher fanden wir beide die Songs persönlich zwar gut, wussten aber auch, dass wir uns dafür eine Lösung überlegen müssen, die für alle passt. Für den eingeschworenen Fan und für den Künstler, der gerne mal ausgetretene Pfade verlässt.
Christian: Von welchen Künstlern redest du hier? Wir sind doch nur Legomusiker.
Thomas: Wie auch immer, wir wollten eben alle Songs veröffentlichen, also kamen wir auf die Idee mit der Dreiteilung, die erst mal toll klingt, aber, wie alles von uns, wahrscheinlich voll nach hinten losgeht.

Laut Presseinfo hast Du, Christian, zur Dreiteilung auch gesagt: "Wir sind uns bewusst, dass bei der Drei Vegas EP den 80er Minimalisten die Fußnägel hochklappen. Daher haben wir uns entschieden, die Songs in drei EPs zu veröffentlichen, die strikt nach Einsatzgebiet getrennt sind." Zwar sind Eure Aussagen auch immer mit einem Augenzwinkern versehen, aber steckt dahinter nicht auch die bittere Wahrheit, dass speziell in Deutschland alles etikettiert und gelabeled werden muss?
Christian: Ja! Das ist in der Tat so. Aber wenn man das weiß, kann man sich genau das ja auch zu Nutze machen. Wir haben einfach das draufgeschrieben, was drin ist. So kann jeder selbst entscheiden, was er haben möchte oder ob er auch etwas anderes als CD Seife an seine Haut lassen möchte (...und wer CD-Seife noch kennt, sollte am besten sowieso alle drei EPs kaufen, bevor es zu spät ist).
Thomas: Was ich in dem Zusammenhang nie verstanden habe: Wie soll das gehen, sich mit einer CD unter der Dusche sauberzubekommen? Die bekomme ich doch gar nicht unter die Achseln. Und von bestimmten Intimzonen will ich besser gar nicht reden...
Christian: Dann schweig doch einfach!

Tatsächlich ist die "Vegas"-Scheibe die überraschendste, weil sie eben so klingt, wie man sich zwei Westeuropäer vorstellt, die sich an Bossa-Nova-Rhythmen versuchen. Passend zum Verlierer-Epos "VEGAS, VIDI, NON VICI"?
Christian: Das finde ich auch. Ich habe zwar keine Ahnung von Bossa-Nova, aber die Lieder machen einfach Spaß.
Thomas: Wir versuchen bewusst, ohne Scheuklappen an einen neuen Song heranzugehen, und dann kommen manchmal eben auch Dinge heraus, die nicht dem entsprechen, was wir bisher gemacht haben. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, können sicherlich die Fans besser beurteilen. Wir sind da ja voreingenommen und finden alles gut, an dem wir Blut, Schweiß und Tränen vergossen haben.
Christian: Nur weil du immer gleich heulst, wenn du dir mal am Studiomöbel den kleinen Zeh anstößt, musst du das jetzt nicht gleich wieder überdramatisieren!

Vielleicht mal kurz umrissen: Worum geht es dieses Mal in dem Roman?
Christian: ...um die ganz großen Fragen des Lebens.
Thomas: Am Anfang war das Licht. Dann kam Ibiza-Paul. Und dann war er auch schon tot. Und dann beginnt unsere Geschichte.
Christian: Jedenfalls hat uns Ibiza-Paul ein Millionenerbe hinterlassen, allerdings unter einer Bedingung: Wir müssen den Las Vegas Triathlon gewinnen. Ahnungslos wie wir waren, machten wir uns auf in die Stadt der Träume und gescheiterte Existenzen und das, obwohl Thomas spielsüchtig ist ...
Thomas: Du hast vergessen, zu erwähnen, dass du geglaubt hast, der verstorbene Zwillingsbruder von Elvis zu sein.
Christian: Und du hast vergessen, zu erwähnen, wie es dazu kam, und wer daran schuld war!
Thomas: Nee, hab ich nicht vergessen, steht ja alles im Buch. Also einfach lesen, dann erfahrt ihr, wie das alles war.

Wart ihr eigentlich schon mal in Vegas?
Christian: Ja, große Teile des Albums sind im Hard Rock Hotel Las Vegas entstanden, und das ist leider kein Witz. Genau wie große Teile von "ZWEI" auf Ibiza entstanden sind, ist es uns auch diesmal sehr wichtig gewesen, den Ort des Romangeschehens tatsächlich zu besuchen.
Thomas: Klar, sonst hätten wir ja auch keinen Roman darüber schreiben können. Wir fahren da hin, schauen was passiert und bauen uns dann daraus und aus ein wenig Schummelei das Buch.
Christian: Also konkret schummelt Thomas und ich stelle das dann in meinen Kommentaren im Buch alles wieder richtig.
Thomas: Im Grunde also wie Nachrichten in den USA, man weiß danach nicht mehr, was Fake News ist, was alternative Fakten und was die Wahrheit. Wobei die meistens zu langweilig ist, und deswegen hinten runter fällt.
Christian: Das wird man auch in der mehrteiligen "Reisedokumentation" Purwien und Kowa's Welt sehen, die demnächst auf YouTube und Facebook starten wird. Und natürlich in den Musikvideos, die wir in Vegas gedreht haben.

Ist die "Vegas"-EP auch ein bisschen eine Fuck-Off-Haltung all denen gegenüber, die Christian immer noch gerne als schmachtenden Second-Decay-Barden sehen möchten?
Christian: Nein auf keinen Fall, ich freue mich über jeden der mich überhaupt sehen möchte. Ich finde übrigens, das viele der neuen Songs auch Platz auf einem Second Decay Album gehabt hätten.
Thomas: Äh, vielleicht kenne ich ja andere Second Decay, aber als schmachtenden Barden habe ich Christian nie erlebt. Eher als Duracell-Häschen ohne Schuhe, der über die Bühne pest, als gäbe es kein Morgen. Aber weil wir eben älter werden, werden wir live auch überwiegend Songs der DREI 80s EP spielen, die etwas ruhiger und langsamer sind.
Christian: Und genau deswegen haben wir ja die Vegas EP abgespalten, damit niemand die Songs hören muss, der es nicht will. Und wenn die alten Second Decay Fans mit der DREI 80s nicht glücklich sind, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Mir erscheint die Drei-EP-Veröffentlichung auch ein bisschen so etwas wie die persönliche Best-Of der Herren Purwien und Kowa zu sein. Blickt ihr mit Euren Songs auch auf Eure eigene musikalische Vergangenheit?
Christian: Ich blicke ständig auf meine Vergangenheit zurück und wunder mich immer wieder über diesen komischen Glatzkopf in meinem Badezimmerspiegel. Dass die erste Second Decay Schallplatte 1989 erschienen ist, kann ich eigentlich selber kaum glauben.
Thomas: Ja, wir kennen uns ja schon eine Weile und es macht Spaß, so zu tun, als wären wir noch jung und würden an den Erfolg glauben.

Besonders die Coverversion des Elvis-Klasssikers "Viva Las Vegas" erinnert an die immer sehr gelungenen Neuinterpretationen zu Zeiten von Second Decay. Was macht für Euch eigentlich eine gute Coverversion aus?
Christian: Das sie nicht immer genau wie das Original klingen muss, aber etwas von dem, der sie interpretiert mit auf den Weg bekommt.
Thomas: Außerdem singt, wenn man genau hinhört, der Zwillingsbruder von Elvis bei dem Song mit. Wieso, weshalb, warum, lest ihr am besten in "VEGAS, VIDI, NON VICI" nach.

Mit "Pur(wien)" zitiert ihr etwas frei einige Zeilen von Falco. Welchen Stellenwert hat der Österreicher für Euch?
Christian: Falco ist einer der größten Künstler überhaupt. Ich glaube, für ihn wurde das Wort "Künstler" erfunden. Auch wenn ich nicht alle seine Sachen herausragend finde, sind seine Sternstunden ein Geschenk an uns alle. Ehrlich gesagt, macht mich die Tatsache, dass ich ihm das leider niemals persönlich sagen werden kann, sehr traurig.
Thomas: Satan arrangiert das sicher für euch bei einem netten Grillabend in der Hölle.
Christian: Wie kommst du darauf, dass wir beide in der Hölle landen?
Thomas: Im Himmel landen nur langweilige Spießer.
Christian: Das macht mir ja glatt Hoffnung, dass du bei dem Grillabend nicht dabei bist.

Dass ihr die Achtziger favorisiert, wissen wir nicht zuletzt durch die extrem minimal-rhythmische Extended-Nummer "Disko80". Allerdings sind Eure Assoziationen sehr frei. Von zu langen Schamhaaren über Nato-Doppelbeschluss ist da die Rede, von Siegfried und Roy, bis hin zur zweifelhaften Schnauzbartmode und den "Stulpen für Fonda". Modesünden und politische Ereignisse werden gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Persifliert ihr damit die Glorifizierung dieser Dekade?

Christian: Wenn das so ist, dann passierte das unbewusst. In der Regel glorifiziere ich die 80er nicht. Warum auch? Ich war ja dabei, und das ist auch gut so.
Thomas: Wie schon die '68er wussten, ist das Private politisch und umgekehrt. Insofern haben die zu langen Schamhaare die Pershings erst möglich gemacht.
Christian: Das ist jetzt aber eine gewagte These.
Thomas: Wieso, hieß es damals nicht Petting statt Pershing?

Bekannt geworden ist Second Decay natürlich in der Wave-Szene. Purwien & Kowa hat aber meines Erachtens nach nicht mehr so viel damit zu tun. Wie schwer ist es, "neue Hörerkreise" zu erschließen? Und wie viele "alte Weggefährten" teilen diese neue Richtung eines Christian Purwien?
Christian: Auf jeden Fall genügende, dass es immer noch Spaß macht. Es ist aber in der Tat trotz allen sozialen Medien heute nicht unbedingt leichter, auf sich aufmerksam zu machen. Aber mein Motto dazu lautet: "nicht heulen, weiter machen".
Thomas: Ein paar Mal nackt um die Westfalenhalle laufen könnte beim Thema Aufmerksamkeit auch helfen. Aber der Herr Purwien ist sich dafür natürlich wieder viel zu fein.
Christian: Du kannst das gerne übernehmen.
Thomas: Hab ich dir noch nicht von meiner mehrfach angerissenen Achillessehne erzählt?

Zwischen ZWEI und DREI liegt gerade mal ein Jahr dazwischen. Demnach müsste mit VIER auch bald angefangen werden, oder?

Christian: Genau so ist es, und "VIER" ist natürlich eine tolle Idee, für einen Albumtitel, die schreiben wir uns gleich auf. Es bleibt auf jeden Fall spannend und es geht wieder auf Reisen in andere und komisch riechende Welten.
Thomas: Findest du, in Las Vegas hat es komisch gerochen?
Christian: Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber nicht umsonst singen wir in "Sleepless In Vegas"vom Loo roll girl.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.06.2018 | KONTAKT | WEITER: SHRIEKBACK VS. THE ROOM IN THE WOOD >

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Website:
www.purwieunundkowa.com

COVER © Zwei Records (Drei-EPs), DP Digital Publishers ("Vegas, Vidi, Non Vici")

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