PAUL DEN HEYER "EVERYTHING SO FAR" VS. RICHARD HAWLEY "FURTHER": SONNENDURCHFLUTETE SCHWERMUT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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PAUL DEN HEYER "EVERYTHING SO FAR" VS. RICHARD HAWLEY "FURTHER": SONNENDURCHFLUTETE SCHWERMUT

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Dem Gruftie-Slogan, der besagt, dass Sonne albern mache, wollen wir nicht Folge leisten. Ganz im Gegenteil: Besitzt so ein extrem heißer Tag, an dem das Leben automatisch etwas langsamer abzulaufen scheint, nicht auch etwas zutiefst melancholisches?

Paul den Heyer packt dieses vage Gefühl eines sommerlichen Weltschmerzes in sein Solo-Debüt "Everything So Far" und greift dabei mit beiden Händen in einen Schatz aus persönlichen Erfahrungen und popmusikalischem Kollektiv. Denn wenngleich der Musiker noch nicht unter seinem Namen aufgetreten ist, konnte er bereits mit einer Gruppe namens Fishmonkeyman Anfang der 1990er Jahre für Achtungserfolge (und einen amtlichen Vertrag bei einem Major-Label) sorgen.

Damals noch einem flachsigen Studenten-Indie-Pop verschrieben, dominiert nun auf "Everything So Far" eine trippige Glückseligkeit, die nach einer Verbindung vom psychedelischen Singer/Songwriter-Sound der späten 1960er mit den Dream-Pop-Eskapaden des ausgehenden letzten Jahrhunderts sucht. Über allem schwebt der "Technicolor Summer Sunshine", wie der erste Song betitelt wurde und das Gefühl der gesamten Platte in drei Wörtern perfekt beschreibt. Das Stück selber verortet sich mit slidigen Gitarren, pastelligen Akkorden und einem entspannten Mundharmonikaspiel in die Nähe von Neil Young während seiner erfolgreichen "Harvest"-Phase.


Diese Stimmung behält den Heyer über das gesamt Album bei, liebäugelt zwischendurch bei "Money Cloud" dann auch mal mit transparenten Songstrukturen, die von den Byrds hätten sein können, während das intermezzoartige Titelstück Parallelen mit den britischen Übermusikern von Pink Floyd aufweist - allerdings mehr zu ihrer Frühphase, als noch ein romantischer Wirrkopf namens Syd Barrett für drogeninduzierte, aber hoch ansprechende Poesie in Wort und Ton sorgte.

"Britanicana" beschreibt der Liverpooler seine Musik selbst und legt damit den Wunsch nach transatlantischen Beziehungen - wenigstens auf musikalischer Ebene - offen. Und seine eigene Vergangenheit, die er unter anderem als Shoegazer verbracht hat, lässt sich nicht verleugnen. Das klingt nach einem großen Stelldichein verschiedener Stile, die auf den ersten Blick nicht unbedingt vereinbar sind. Doch den Heyer klöppelt sich daraus seine klangliche Komfortzone, in der er wie selbstverständlich aus der großen Pop-Historie zitiert, dabei aber eigenständig bleibt.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der sommerlich-fluffige Gitarrensound auch verknüpft ist an seine eigene Geschichte und den vielen verschiedenen Ereignisse, die er oder sein Freundekreis erlebt haben. Sie sind zwar am Ende nicht immanent wichtig, um die Stücke zu verstehen, aber die individuelle Strahlkraft von "Everything So Far" lässt vermuten, dass es für Paul den Heyer ein Meilenstein in seiner Vita ist - und für die Musikwelt ein wunderbares Kleinod.

Nach "Everything So Far" geht es sprichwörtlich "weiter". Denn treffender hätte Richard Hawley sein neuntes Album nicht betiteln können: "Further". Der Mann aus Sheffield, der auch schon seit 20 Jahren als Solo-Künstler seine Sporen verdient (davor hat er unter anderem bei den Brit-Poppern von Pulp das Saiteninstrument bearbeitet), punktet seit jeher mit einem butterweichen Bariton, den er sehr gekonnt in Sentimentalitätsballaden verpackt, die wie süß-herber Sirup aus den Lautsprecherboxen suppen, aber dennoch nicht peinlich wirken. Eine Kunst, an die sich nur wenige trauen.

Doch dieses Mal will "Further" die Fans schockieren. Gleich zu Beginn ertönt ein - oh mein Gott - Gitarrenfeedback. Der Opener "Off My Mind" verstört durch seine ruppige Art, von der sich auch Richard gesanglich anstecken lässt und losröhrt, wie man es sonst nur von Mark Lanegan kennt. Was ist da passiert?


Im Grunde genommen eigentlich nichts schlimmes. Nur dass der Mann aus Sheffield mit dieser Nummer den Staub aus seinen Kleidern pusten wollte, um nicht zum eigenen Plagiat zu verkommen. Auch das shuffelige "Alone" wil sich nicht wirklich dem alten Crooner-Diktat, das sich Hawley wohl irgendwann mal selbst auferlegt hat, Genüge tun. Aus dieser neu gewonnen Freiheit entsteht etwas aufregendes wie in "Calley Girl", das mit einem pointierten Refrain den Britpop mit dem Blues versöhnt. Dazwischen hätte "Time Is" sich in seiner Gesamtstimmung gut mit dem Spätwerk der Rolling Stones vertragen können.

Zwischen den ganzen neuen Ausrichtungen und Experimenten finden wir ihn dann doch noch, den guten alten Crooner-Richie. Jenen Musiker also, der mit samtweicher Stimme über die Traurigkeiten des Lebens singt und dabei so klingt, als seien sie das größte Glück auf Erden. "Not Lonely" ist so eine hinreißenden Lebensbetrachtung. Das Thema: Einsamkeit. Klingt nicht unbedingt schön, doch Richard findet in der Einsamkeit auch Freude. "Loneliness is not the same as being alone" lautet die Glückskeks-Quintessenz bei Richard. Eine Conclusio, die zwar auf den ersten Blick recht banal erscheint, in Zeiten ständiger persönlicher Verfügbarkeit durch die Sozialen Medien aber vielleicht ein Satz, über den mal etwas länger nachgedacht werden sollte. Schließlich verlieren wir uns selbst in den schier unendlichen Möglichkeiten der digitalen und globalisierten Welt. Zur Ruhe zu kommen, für sich alleine zu sein und diesen Moment ohne Beweisfoto für die geifernede Instagram-Gemeinde zu geniessen, fällt vielen mittlerweile schwer.

Gut, solche Gedanken fallen einem nicht nur dann ein, wenn es sengend heiß ist. Aber den Heyers "Everything So Far" und Hawleys "Further" animieren dazu, sich in tristen Gedanken zu verlieren, obgleich ihre Songs die Sonne im Gepäck haben. Selten funkelt und schwebt Schwermut so anmütig.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 10.09.2019 | KONTAKT | WEITER: "GRENZWELLEN VIER" VS. "GRENZWELLEN FÜNF">

Webseite:
www.klutzproductions.co.uk
www.richardhawley.co.uk

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COVER © A Turntable Friend/Cargo (Paul den Heyer), BMG/Warner (Richard Hawley)

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