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12/21: DEATH LOVES VERONICA, HALLOWS, DEAD LIGHTS, NEW HAUNTS, TRAITRS: TANZ AM SEELENABGRUND

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Warum der Tod sich gerade in die Veronica verguckt hat, kann und soll hier nicht erörtert werden. Veronica Campbell jedenfalls, die hinter Death Loves Veronica steht, hat mit "Chemical" ein Album von sterbender Schönheit geschaffen. Dass dies so ist, mag vielleicht auch an ihrem Werdegang liegen. Bereits als Veronica's Veil hat sich die Musikerin in der amerikanischen (Post-)Punk-Szene einen Namen gemacht und als Support für Größen wie Lydia Lunch oder David J von Bauhaus eine kleine Fangemeinde erspielt. "Chemical" verfolgt aber einen komplett anderen Ansatz: Vor sich hinblubbernde, analoge Synthesizer ohne MIDI-Technik und ein reduziertes Gitarrenspiel machen das Werk zu einer erotisch aufgeladenen Fetisch-Club-Scheibe. Death Loves Veronica stellt dabei das Thema Liebe aber ganz weit hinten an. "Chemical" bezieht sich in erster Linie auf das, was unser Leben ist: nichts weiter als chemische Verbindungen. Und dennoch steht am Ende aller Aminosäuren ein fühlendes Individuum, und das ist im Fall von Veronica Campbell scheinbar in die dunkelsten und perversesten Ecken unserer Seele gekrochen, um mit Stücken wie "Red Leather", "The Sinner" oder "The Darkest Place", hypnotisch-lasziv von der ausdrucksstarken Musikerin vorgetragen, auch Soundtrack zu einer schummrigen BDSM-Party sein könnte. Vielmehr jedoch scheint sich Veronica selbst, die das Album während eines Klinikaufenthaltes bereits in groben Zügen erdacht hat, von ihren bösen Geistern und Dämonen zu befreien. Da ist bei aller Laszivität viel Tiefe drin.

Nicht minder von der eigenen Existenz gequält scheinen Vanee D. und Dom R. alias Hallows zu sein. "All That Is True" ist als Titel nur die halbe Wahrheit, basiert er doch auf den Song "All That Is True Dies". Wahrhaftigkeit hat für das amerikanische Duo keinen Bestand - in Zeiten von Instagram-Influencern, die an chronischem Optimierungswahn leiden und ihren Körpern den letzten Hauch Natürlichkeit wegbotoxen, eine schonungslose aber ehrliche These. Unterstreicht wird diese mit knarzigen Synthesizern und wohldosierten Gitarrenriffs. Ein klassisches Darkwave/Post-Punk-Album also? Nicht ganz. Denn auch bei diesen beiden liegt stilistische Eigenständigkeit ganz oben auf der Prio-Liste. Und so darf es bei "Nothing" auch etwas ätherischer zugehen. Vanees Stimme wird hier das erste Mal richtig in Szene gesetzt. Diese ist zwar nicht unbedingt die markanteste im Vergleich zu Doms Organ, fügt sich aber in diesem Fall perfekt in die Musik ein und fungiert fast als weiteres Instrument. Das in Seattle beheimatete Zweiergespann tastet sich auf ihrem Erstling noch deutlich zaghaft durch ihre eigenen musikalischen Visionen. Diese Schüchternheit muss aber gar nicht sein. Ein Stück wie "Our Failures" zeigt, zu was Hallows fähig sind. Die abrupten Dynamikänderungen machen den Charme dieses Stücks aus, das im Refrain fast schon ein wenig an die vom Autor hochgeschätzten Principe Valiente erinnern. "All That Is True" ist zweifelsfrei ein schönes Album geworden, aber es ist durchaus zu erwarten, dass sich Hallows in Zukunft noch steigern werden.

Weltschmerz ist natürlich nicht gleich endloses Sinnieren über die Nichtigkeit unserer Existenz. Sonst gäbe es auch nicht Düster-Diskotheken. Und diese haben für die Wiedereröffnungen bereits einiges an neues, hochwertiges Material erhalten. Die Dead Lights, ein englisch-holländisches Projekt, das am Vorabend der Pandemie ins Leben gerufen wurde und das Album über die Distanz hin erdacht und eingespielt haben, bereichern die Schallplattenunterhalter ebenfalls mit ihren in die Beine fahrenden Künsten. Um sich bezüglich des Genres keine Gedanken machen zu müssen, haben Dead Lights bereits ihre erste EP plakativ "Death Pop" bezeichnet. Allerdings: Der Name für diesen Sound passt. Die Beats pressen ganz ordentlich, die Sounds sind auf Ohrwurmcharakter gepolt, trotz ihrer Ecken und Kanten. Dies kulminiert erstmals in "Deleted Scenes" zu einem massiven Clubhit, der ein bisschen And One eingedenkt, aber dennoch für sich steht. In keinem Moment des Albums nimmt das Duo Gefangene. Ihre Mission ist deutlich: Mit viel Pathos und eingängigen Electro-Nummern, die sich zwischen EBM und Future-Pop bewegen, soll einfach die Lust am Hören aufrecht gehalten werden. Selbst langsamere Stücke wie das stark von den Achtzigern beeinflusste "Industry" haben das Zeug, die Tanzfläche zu füllen. Definitiv ein Album für durchzechte Nächte und dekadente Club-Abende, bei denen der Absinth in Strömen fließt und der Nihilismus für einen kurzen Moment mit ganz viel Glitzer bestreut wird. Diese Tage werden sicherlich wieder kommen.

Wieviel Vorausahnung oder selbsterfüllende Prophezeiung momentan in Werke reininterpretiert werden, ist schon amüsant. Allerdings ist ein Stück wie "Still Dark Sky", das gleichzeitig New Haunts' drittes Album betiteln sollte und kurz vor dem ersten Lockdown in England geschrieben wurde, unter diesen Umständen von einer besonder Intensität durchzogen - wie übrigens die gesamte Platte, die ein weiteres Mal New Haunts' Stilistik herausarbeitet: Ihr Cold-Wave traditioneller Prägung wird in Konkurrenz zu ihrer kräftigen Stimme gestellt, die in manchen Momenten an Claudia Brücken, der markanten Stimme von Propaganda, erinnert. Aus dieser Gemengelage entwachsen Emotionen, die sich natürlich bereits zuvor in uns manifestiert haben, aber im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal eine besondere Note erhalten. New Haunts ist jedenfalls kein unbeschriebenes Blatt mehr, hat unter anderem Kaelan Mikla supportet und besticht durch eine starke Bühnenpräsenz. Mit "Still Dark Sky" will sie einen weiteren Schritt tun und wirft ihr ganzes Können in ihre Kompositionen. Besonders das überbordende "Days Shutting Down", in der die Musikerin noch einmal gesanglich alles gibt, zählt zu den absoluen Highlights dieses Drittlings. Gerade diesen Song würde man sich gerne live ansehen. Die Wucht dieser Nummer wirkt sicherlich um ein Vielfaches stärker als in den eigenen vier Wänden. Verhalten optimistisch darf man angesichts der Lage ja sein, Euphorie ist aber wohl noch nicht angebracht.

Vollsten Lobes darf man dagegen bei "The Sick, Tired And Ill" der Formation Traitrs aus Toronto sein. Die Band geistert bereits seit einigen Jahren mit ihren klassischen Post-Punk-Alben durch ihre Heimat, hat da schon für einiges Aufsehen gesorgt und war auch bereits hierzulande als Vorband der leider schon wieder getrennten Holygram unterwegs. Das noch junge deutsche Label Freakwave, initiiert von den Szenekennern Eric Burton und Thomas Thyssen, hat sich die Band unter den schwarz bestrichenen Nagel gerissen und bringt mit dieser EP das erste Lebenszeichen der Traitrs nach drei Jahren heraus. Wenn Sänger Shawn Tucker mit seiner alerten, bellenden Stimme ansetzt, die vernebleten Gitarren und wabernden Synthie-Teppiche einsetzen, wird gleich klar, dass das Duo sich ganz deutlich an Stilistik und Atmosphäre diverser Cure-Songs orientiert. Damit sind sie das kanadische Pendant zu den deutschen Klez.e, deren Sänger Tobias Siebert ebenfalls ein perfektes Robert-Smith-Gesangsdouble darstellt. Aber Traitrs gehen einen Stück weiter, trauen sich in "Magdalene" und "The Darkling Thrush", bewusst atonale Gesangsspuren einzusetzen, um den Wohlklang der Tristesse nicht einfach widerstandslos durchflutschen zu lassen. Zudem fahren in "Sweet Home" knackige Beats durch die aufgerüschte Elektronik, während Tuckers Organ immer mehr in die Ferne abdriftet. Sicherlich ist das, was auf "The Sick, Tired And Ill" zu hören ist, nicht die bahnbrechende Neuerfindung des Rads. Dafür besitzt das Zweiergespann aber die nötige Portion Weltschmerz, um authentisch und nicht affektiert zu klingen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.07.21 | KONTAKT | WEITER: VERNEBLUNG VS. EDNA FRAU>

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Webseiten:
www.deathlovesveronica.com
hallows.bandcamp.com
www.deadlights.band
newhaunts.bandcamp.com
www.facebook.com/traitrs

Covers © Cold Transmission (Death Loves Veronica, Hallows, Dead Lights, New Haunts), Freakwave (Traitrs)

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