8/20: RAIN TO RUST, TRISTÁN B, ZEN, JULES IN TROUBLE, LOUISE LEMÓN, MAPLE & RYE - WAS DIE WELT BEWEGT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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8/20: RAIN TO RUST, TRISTÁN B, ZEN, JULES IN TROUBLE, LOUISE LEMÓN, MAPLE & RYE - WAS DIE WELT BEWEGT

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Allen Fernwehkranken kann momentan nur bedingt geholfen werden. Vielleicht lassen die Heimatorte der Bands ein bisschen Urlaubsfeeling aufkommen, wobei das auch nicht ganz einfach herzuleiten ist.

So würde man bei Rain To Rust nicht zwangsläufig darauf tippen, dass wir es hier mit einem türkischen Projekt zu tun haben. Mert Yıldız hat sich bereits Anfang des Jahres mit seinem Album "Flowers Of Doubt" erfolgreich in unseren Gehörgang eingefräst. Nun gibt es einen weiteres florales Werk: "Stillborn Flowers". Mit fünf neuen, überaus adrett arrangierten Goth-Rock-Nummern huldigt der Istanbuler ein weiteres Mal der klassischen Goth-Rock-Phase der mittleren und späten 1980er, als es Bands wie The Mission oder The Sisters Of Mercy zu höheren Weihen brachten und die Subkultur sich einer größeren Masse öffnete. Mert ist damit das Pendant zu seinen Landsleuten von She Past Away, die sich ebenfalls dem Anachronismus verschrieben haben, allerdings einen reduzierten Cold-Wave als Ausdrucksmittel bevorzugen. Beide sind jedoch der Beweis für eine lebendige türkische Gothic-Szene. "Stillborn Flowers", das auch als Überbrückungsveröffentlichung für ein weiteres Album, das Ende des Jahres erscheinen soll, fungiert, geht dabei musikalisch in die Vollen und setzt auf extrem eingängiges Songmaterial, das wie bei "Free Fall Into The Night" auch hallige Gitarren einsetzt, was dem Stück einen dezenten Shoegaze-Charakter verleiht. Neben alternativen Versionen einiger Songs aus "Stillborn Flowers" punktet vor allem der TSU Remix von "For When It Hurts", der so dahergeschlichen kommt wie "With Or Without You" von U2, allerdings ohne Gitarren, dafür mit fiepiger Elektronik und einer verfremdeten Stimme, deren Derbheit einen perfekten Kontrast zu den schwebenden Synthielinien bildet. Ein wirklich hübsches Sträußchen.

Bleiben wir bei der elektronischen Klangerzeugung und kommen nun zu Tristán B., was zugleich einen Riesensprung um die halbe Erdkugel bedeutet. Denn von Rain To Rust zu Tristán B. ist die "Kurzstrecke" von Istanbul nach Mexico City. Dort schraubt der Musiker verträumten Synth-Wave zusammen, den er mit einem markanten Gesang unterlegt. Man glaubt, einen Androiden singen zu hören. So bewusst unterkühlt, ja, teilnahmslos klingen die Stücke auf seiner neuen EP "山寨 (Shanzhai)". doch über was Tristán singt, ist sicherlich emotionsbeladener, wenngleich auch etwas vorhersehbar. Gescheiterte Beziehungen, gesellschaftskritische Beobachtungen und sehnsuchtsvolle Erinnerungen sind des Musikers Themen. In der Diskrepanz zwischen harmonischer Melodieführung und grüblerischer Attitüde der Lyrik entsteht aber eine Energie, die "山寨" dann doch zu einem besonderen Kleinod avancieren lässt. Gerade hinter dem Titelsong und dem nachfolgenden "Timeless" ist der unbändige Wille zur Vereinigung von maschineller Strenge und menschlicher Emotion unverkennbar. Und auch die verrauschten Anfangs- und Endpunkte, namentlich ""Skip Add" und "Sorrow" lassen eine tiefere Melancholie beim Künstler vermuten, der sich in seiner aktuellen Veröffentlichung, die übrigens via der guten alten Audiokassette erfolgt, ein kleines bisschen tiefer in einen dunklen Kosmos begibt, den er vor einigen EPs davor zaghaft betreten hat. "山寨" spielt tatsächlich in einer ganz eigenen Liga und gewinnt mit jedem weiteren Hören immer mehr an Größe.

Seit nunmehr zehn Jahren gibt es ŽEN, eine - mal wieder schnell von Mexiko zum alten Kontinent gehopst - kroatische Band, die sich zwischen Post-Rock, Dream-Pop und Shoegaze mit heimatsprachlicher Lyrik eine kleine Fangemeinde aufgebaut hat. Aber auch die Netzwerke zu anderen Musikern und Künstlern funktionieren gut, sodass das Album "Blender" Songs der Band neu interpretiert präsentiert. So wenig wie ŽEN hierzulande bekannt sein werden, so weitaus unbekannter sind die Gäste, die sich an den Songs versuchten. Aber das bringt uns als Außenstehende auch einen kleinen, feinen Einblick über die subkulturellen Bewegungen im ehemals jugoslawischen Raum. So baut der Remix von Kimiko den Song "Nije se desilo" mit fahrigen Techno-Beats auf, und auch Damjan Morello packt "Kraj početak" in ein luftig-elektronisches Kleid. Ohnehin dominieren bei den Neuinterpretationen die Elektronik, obwohl das nur einen kleinen Teil des Musikkosmos von ŽEN ausmacht. Ausreißer in Post-Punk-Gefilde finden wir bei Zarkoffs Variante von "Ja ću biti bor", ehe der Hikari No Oto Remix "Šuma, mačka, gospođa i prozor" zu einem schaurig-verzerrten Klanggemälde erstarren lässt. Es wird also viel geboten bei "Blender", das sich, wie eingangs erwähnt, auch als guter Fahrplan in slowenisch-kroatische Subkultur nutzen lässt und zudem die für unsere Ohren mysteriöse slawische Sprache neu entdeckt, da sie in Verbindung mit den jeweils unterschiedlichen Sounds hervorragend funktioniert. Das Album gibt es zwar zum freien Download, den einen oder anderen Euro sollte man aber schon springen lassen für diese solide Jubiläumsscheibe.

Der globale Zick-Zack-Kurs geht weiter und führt uns in den "Big Apple". Dort herrscht coronabedingt ziemlich tote Hose. Da passt es natürlich, dass sich Jules In Trouble für die eher gediegenen Klänge entschieden haben. Echobehaftete Synthies, tatsächlich aus alten analogen Kisten stammend, treffen auf eine mysteriöse Stimme, die halbflüsternd den Zuhörer in eine Traumwelt manövriert, in der sich die Konturen der Umgebung wie im Weichzeichner auflösen. Für diese somnambule Stimmung ihrer EP "Dark Jewels" hat sich Sängerin Julia LoFaso eine besondere Serie als Inspirationsquelle auserkoren: die Netflix-Produktion "Dark", die erste übrigens, die in Deutschland entwickelt und gefilmt worden ist. Der Impact dieser Sendung auf die Amerikanerin ist wohl derart groß gewesen, dass sie ihr nicht minder "dunkles" Stück Musik als Honoration zur Seite stellte, auch zeitlich passend. Das Veröffentllichungsdatum der EP fällt zusammen mit dem Startschuss der finalen Staffel von "Dark". In fünf Stücken schafft es Jules In Trouble, den nebulösen wie minimalen Synth-Pop eines John Foxx mit den dunklen Trip-Hop-Manierismen von Massive Attack zu überkreuzen. Einen Song besonders hervorzuheben, ist tatsächllich müßig, da sich diese EP mit den ersten pluckernden Geräuschen von "33 Years" in einen meditativen Fluss begibt, der bei "Parallel Lines" eigentlich schon wieder viel zu schnell ein jähes Ende gefunden hat. Hoffentlich bleibt diesem Projekt die Inspiration der Serie noch lange erhalten, selbst wenn "Dark" abgedreht ist.

Nächster Halt: Schweden. Hier treffen wir auf eine der vielleicht aufregendsten weiblichen Stimmen seit Donna Missal. Louise Lemón nennt das, was sie macht, Death Gospel. Besser kann man es nicht nennen. Denn wenn die Sängerin ihre Stimme erhebt, scheint sich ein ganzer Orkus aus Schmerz und Traurigkeit aufzutun. Das besondere daran: Während viele andere Chanteusen dazu neigen, ihre Seele aus dem Leib zu schreien, bringt Louise auf ihrer EP "Devil" die Töne scheinbar ohne Anstrengung aus ihrem Körper. Gerade im Titelsong fühlt man sich an die heilsbringerischen Klänge der Soulsavers erinnert, deren Intensität durch die Gaststimmen von Mark Lanegan und Dave Gahan eine eigenwillige, kaputte Spiritualität hervorrufen. Allerdings vermeidet die Skandinavierin, in ein Fahrwasser von Adele, Amy Winehouse oder Lana Del Rey zu geraten, wenngleich sich besonders zu Letzgenannter einige Bezüge herstellen ließen. Die Veröffentlichung lebt aber von einem deutlichen Hell-/Dunkelspiel, dass sie über die fünf, eigentlich viel zu kurzen Stücke immer weiter verfeinert. Mit "Devil" gelingt Louise Lemón ohne Zweifel eine inkommensurable EP, die in ihrer Verletzbarkeit auch Stärke besitzt und vor allem durch ein üppiges Songarrangement mit Gitarren wie Donnerhall und Drums so schwer wie Felsbrocken tatsächlich auf den jüngsten Tag hinzuweisen scheinen. Wie bei den vorher besprochenen Jules In Trouble gilt auch bei dieser Künstlerin: Bitte noch mehr von diesem Sound. Man möchte, dass dieser Zauber anhält.

Auf dem gleichen Label beheimatet wie Louise Lemón sind übrigens auch ihre Landsmänner von Maple & Rye. Allerdings geht es bei ihrem Album "For Everything" wesentlich freundlicher zu. Obwohl der tiefenentspannte, aber nicht unflotte Indie-Folk durchaus auch seine anrührenden Momente hat. Wenn beispielsweise in "Leaving Now" über den Verlust eines Menschen, dem Text nach zu urteilen ein Teil der Großeltern, so spröde und doch voller Liebe gesungen wird, oder in "Cannonball" mit sanften Bläsereinsatz kleine Wünsche in den Sternenhimmel geschickt werden. Generell mischt das Quartett überwiegend Dur-Akkorde mit teils schmerzlichen Texten. Die Dynamik, die sich daraus ergibt, trägt das Album. Übrigens: Dass zu viele Köche dem Volksmund nach den Brei verderben, kann bei "For Everything" nicht gelten. Denn Gustav Rybo-Molin, Leo und Milton Lönnroth sowie Henrik Bielsten sind allesamt Vollblutmusiker und Sänger, die sich in den Stücken gegenseitig den Rücken stärken. Gerade die zweistimmigen Partituren, wie sie gekonnt in "Albion" umgesetzt worden sind, heben die Stücke über das Singer-/Songwriter-Mittelmaß deutlich hinaus und kreieren eine Wohlfühl-Atmosphäre mit Tiefgang. Auf dieses Debütalbum darf Maple & Rye zurecht stolz sein, denn hier stimmt das Maß an Emotion. Kein Song wird überpathetisch verziert oder mit Gefühlsunderstatement versehen. Laut Journalistenbeipackzettel liegt der Zauber ihrer Stücke einfach darin, dass sie "darauf basieren, wie wir uns wirklich fühlen", so die Gruppe. Manchmal kann es so einfach sein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 26.06.2020 | KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN SIEBEN">

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Webseiten:
raintorust.bandcamp.com
www.soundcloud.com/tristan-b-music
xzen.bandcamp.com
julesintrouble.bandcamp.com
www.louiselemonmusic.com
www.facebook.com/mapleandrye

Covers © Innsmouth Productions (Rain To Rust), Ohter Voices Records (Tristàn B.), Moonlee Records (ŽEN), Heroic City Records (Jules In Trouble), Icons Creating Evil Art (Louise Lemón, Maple & Rye)

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