RÜDIGER ESCH "ELECTRI_CITY: ELEKTRONISCHE MUSIK AUS DÜSSELDORF": STADT UNTER STROM TEIL II - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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RÜDIGER ESCH "ELECTRI_CITY: ELEKTRONISCHE MUSIK AUS DÜSSELDORF": STADT UNTER STROM TEIL II

Exlibris

Wie lange der verantwortliche Grafiker (Dirk Rudolph) dereinst vor der kraftwerk’schen Autobahn meditiert hat, ist leider nicht bekannt.

Dafür wirkt das blau-weiße Cover von Rüdiger Eschs
Oral History "Electri_City" schon aus der Ferne wie ein leuchtender Magnet, der elektroaffine Gemüter mit vertraut-ikonischer Farb- und Formgebung unter Hochspannung setzt. Man muss mindestens zweimal hinschauen (und ein wenig Robotnik-Staub aus den Augen wischen); dann erst wird klar, dass hier statt einer plakativen Brücke gleich drei verlegt wurden, die seltsam in sich verästelten Fahrstreifen in Wahrheit etwas ganz anderes sind – und die minimalistische Sinnestäuschung, alles in allem, perfekt funktioniert.

Reingefallen also, macht aber nichts: "
Elektronische Musik aus Düsseldorf", legt der Untertitel wie zur Beruhigung nach, bevor das Vorwort von Ex-Mensch-Maschine Wolfgang Flür nun auch noch die letzten Zweifler besänftigt.

Flür, das letzte Quäntchen Leben in den keimfreien Wartesälen des in den letzten Jahren zu musealen Würden gereiften Kraft(los)werks.

Musikbeamteter Schlagzeuger zwar, aber kein programmierbarer Duracell-Hase, der seinen ehemaligen Klangesbrüder 1999 mit rebellischer Wucht den wohldosierten Ziegelstein "
Ich war ein Roboter" in die Vitrine knallte. Allerdings wussten die zensierfreudigen Werksgenossen deren Verbreitung gerichtlich zu verhindern.

Die Würde des programmatisch schweigenden Gesamtkunstwerks ist (und bleibt) schließlich unantastbar. Und die Kraftwerker sind, wen überrascht’s, keine potentiellen Kandidaten für "
Verstehen Sie Spaß".

Deshalb lässt Rüdiger Esch in seinem Buch auch lieber andere für sie sprechen. Dass sich gen Ende dann trotzdem noch ein unverhoffter Hütter-Sprachfetzen versteckt hält, darf wohl mit gutem Gewissen unter pure Ironie verbucht werden.


Nun also "
Electri_City", die Stadt unter Strom.

Ganze
zwei Jahre lang hat der gebürtige Düsseldorfer Rüdiger Esch für dieses lexikonartige Mammut-Werk mit seinem Diktiergerät die Runde gemacht; 50 Exklusiv-Interviews sind es am Ende geworden, in denen nicht nur die obligatorischen Plaudertaschen-Protagonisten der Düsseldorfer Schule das Wort ergreifen, sondern auch interessante, bisher weniger gehörte Nebenfiguren als Zeitzeugen agieren dürfen.

Am Ende konnte der Krupps
-Bassist aus einem reichhaltigen Fundus schöpfen, dessen monumentaler Umfang die hier vorliegenden 500 Seiten mit Sicherheit sprengt. Wer die Wahl hat, hat meist auch die Qual. Doch der Mann hatte eine klare Mission: Im Rahmen diverser musikalischer Auswärtsspiele mit den Krupps sei ihm aufgefallen, dass mit jedem Kilometer, den das Trio sich von seiner rheinländischen Homebase entfernte, der Respekt "vor der Musik aus dem Dorf" stetig angewachsen sei, sagt Rüdiger Esch. Dieses Missverhältnis habe ihn einfach nicht mehr losgelassen: "Fortan ging es um eine Rückbesinnung auf diese reiche westdeutsche Nachkriegsstadt mit Musik, Kunstbetrieb und Modemesse, kurz: um die bundesrepublikanische Provinz-Weltstadt der siebziger und achtziger Jahre."

Kunst und Kommerz; wer diese beiden Gegensätze in seinem Werk harmonisch zu vereinen weiß, gewinnt.


Das weiß auch Joseph Beuys, der in den 60er Jahren den exilamerikanischen Fluxus-Gedanken nach Düsseldorf holt und schließlich als einer der wenigen Künstler dieser musikaffinen, dezidiert antikommerziellen Bewegung von seinem Schaffen leben kann.


Gründer-Vater George Maciunas
hatte noch den gesichtslosen Hippie-Kollektiv-Gedanken und das Verpuffen der antiakademischen Fluxus-Events mit dem Moment propagiert; bei Beuys durfte die Kunst wieder Ware sein und kehrte bald als institutionalisierbares Fetisch-Objekt in die Galerien und Museen zurück. Auf diese Art und Weise wurden Ego und Figur des Künstlers nicht nur medienwirksam greifbar, sondern auch wieder brav gesockelt; Beuys mutierte zum Pop-Star, sein künstlerischer Nachlass, rund um die autobiografisch getünchten Materialien Fett und Filz, ist noch heute nahezu lückenlos dokumentiert und wird wohl auch in kommenden Jahrzehnten zu bestaunen sein.

Es sei denn, die noch verbliebenen Butter-Ecken fallen dem beherzt sabotierenden Putzwahn der vom internationalen Sammler-Jetset als kunstfern diffamierten Schichten zum Opfer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück also ins Düsseldorf der frühen 1970-iger Jahre, das neben Kö, Glam-Kitsch und Kunstakademie vor allem von einer leise schwelenden Aufbruchsstimmung geprägt ist.


"
Es gibt ja diesen Ausdruck von der Stunde null", erinnert sich Michael Rother an seine Anfänge zurück. "So habe ich mich musikalisch gefühlt. Wir wollten die deutsche Vergangenheit hinter uns lassen, es ging darum, die konservativen Strömungen einer Nachkriegsgesellschaft und der Nazizeit zu unterlaufen."

Dabei waren die Protagonisten der überschaubaren Ur-Szene keine ausgebildeten Musiker, sondern fühlten sich mehr im Bereich der Bildenden Kunst zuhause.

Auf diversen Jamsessions kam man lose zusammen und probierte sich nach Lust und Laune aus; für kleinere Konzerte fand sich immer ein williger Veranstalter, der den Klang-Tüftlern mit Freuden die Bühne überließ. Relativ schnell habe sich dann abgezeichnet, dass diese neue Musik gerade bei jungen Leuten bestens funktionierte, erzählt Rother. "Wir (traten) oft in verschiedenen Besetzungen auf, es ist kaum mehr auszumachen, wer mit wem zu welcher Zeit warum gespielt hat."

Erstaunlich professionell geht es in diesen Tagen bereits bei den Akademikern Florian Schneider-Elsleben
und Ralf Hütter zu; der eine Flötist und Konservatoriums-Schüler, der andere Architektur-Student. Beide sind "Söhne von" und können, der väterlichen Brieftasche sei Dank, auch finanziell aus dem Vollen schöpfen. Als teure Import-Ware zieht auf ihre höchstpersönliche Order hin auch bald der erste UK-Moog in Düsseldorf ein.

"(Florian) hatte Elektronik, als noch gar keiner wusste, was Elektronik war", bringt Eberhard Kranemann die ökonomischen Vorteile des Duos auf den Punkt. "Und Ralf genauso."


Obgleich das Kling-Klang-Studio bereits fertig eingerichtet ist, haben die späteren Elektro-Pioniere angeblich keinen blassen Schimmer, was sie mit den frisch erworbenen Geräten nun eigentlich anfangen sollen; benötigen tatsächlich ordentlich Starthilfe von außen, um mit den neuartigen Instrumenten irgendwie warm zu werden. "
Was bei denen mal nach Avantgarde klang, hatte wohl hauptsächlich damit zu tun, dass sie mit der Bedienungsanleitung ihrer Synthesizer auf dem Kriegsfuß standen", erklärt Wolfgang Seidel freimütig.

Kaufmännisches Geschick, technisches Wissen und der daraus resultierende Fortschritt sind eigentlicher Reichtum des Geldadels; Pioniergeist und Kreativität jedoch gedeihen in dieser priviligiert bequem gewordenen Sphäre offenbar schlecht – und ziehen erst mit den Errungenschaften einer rastlos bemühten Arbeiterschicht in die auf Hochglanz polierten Hallen ein.


Wie kaufkräftige Generationen von Fabrikbesitzern und Großindustriellen vor ihnen, können die beiden hochgebildeten Unternehmer hinter dem (Kraft-) Werk die für ihren späteren, wirtschaftlichen Erfolg unabdingbaren Maschinen zwar ohne Probleme erwerben und installieren; doch die entsprechende (Einbildungs-) Kraft und das künstlerische Geschick des Menschen, dem es mittels Talent und Fantasie gelingt, die Gerätschaften zu unterwerfen und dank des nur mehr unterstützenden Werkzeugs die Ausgangsmasse in ein ansprechendes Produkt zu formen, geht ihnen offenbar völlig ab.

Von Kraft und Werk, von Menschen und Maschinen; das ist die eigentliche Story von "
Electri_City", die mit den anhängenden Mini-Kapiteln (Kurzbios sämtlicher Mitspieler aus beiden Kategorien) noch einmal unterstrichen wird.

Zwei Generationen von willigen Musikarbeitern braucht es, um die ausgefeilte Maschinerie des Kraftwerks überhaupt zum Laufen zu bringen. Die letztere, bestehend aus Karl Bartos
und Wolfgang Flür, kennt eigentlich jeder. Die erste aber, namentlich Michael Rother und Klaus Dinger, ist heute eigentlich eher in anderen Zusammenhängen, unter anderem durch die Nachfolgeprojekte Neu! oder La Düsseldorf, bekannt.

Ihr Bild in der öffentlichen Wahrnehmung gerade zu rücken, scheint das gar nicht mal so heimliche Anliegen des Herausgebers zu sein.


Das legen bereits die eindeutigen Worte nahe, die Rüdiger Esch dem Hauptkapitel vorangestellt hat: Den Toten; insbesondere dem "
musikalischen Weggefährten" Klaus Dinger sei das Buch gewidmet. Darüber setzt der Autor ein Zitat von La Düsseldorf wie ein glühendes Alpha: Dass Rüdiger Esch seinen Leser am Ende mit einem Kraftwerk-Zitat als Quasi-Omega entlässt, ist sicher kein Zufall – und lässt sich (trotz prominenter Cover-Referenz) durchaus als Kritik verstehen. Dazu gibt es, zumindest indirekt, ganze drei Porträts von Dinger: Ein Promo-Bild aus der Neu!-Zeit, eine Aufnahme mit dem poetischen Titel "Zum Abschied Rosen", die Rüdiger Esch 1987 selbst geschossen hat; und eine Schnappschuss-Revanche aus dem gleichen Jahr, auf der Klaus Dinger den späteren "Electri_City"-Autoren verewigt hat.

Die traditionell gerne mal übersehene Drummer-Dynastie, auf der Bühne in ein leicht undankbares Hintergrund-Versteck verbannt, gibt mit dem Duo Dinger-Flür (und ihrem unsichtbaren Mitspieler, Ringo Starr) den Takt von "Electri_City" vor.


1970/71 ist ein ikonisches einmaliges Moment in der noch jungen Geschichte der Düsseldorfer Schule. Während der Aufnahmen zu Kraftwerk 2 treffen die Gründerväter der Szene im Star Music Studio vollzählig aufeinander. Auf der einen Seite: Ralf Hütter und Florian Schneider mit ihrer überpersönlichen Unternehmensmentalität. Auf der anderen: Die ewigen Individualisten Klaus Dinger und Michael Rother, die man für erste Live-Auftritte (ohne Hütter) mit an Bord geholt hat. An den Reglern: Klanglehrer und Produzent Conny Plank
, dem zwischen den sich verhärtenden Fronten vermutlich die etwas undankbare Rolle des Vermittlers zukommt.

Doch alle Mühe ist vergebens: Die Aufnahmen scheitern auf ganzer Linie; das große Atom spaltet sich.

"Total handgemacht, alles ist von Hand eingespielt, mit dem Kopf erdacht und dabei in die Hose gemacht. Das war das Motto. Das absolute Gegenteil von Kraftwerk", sagt Klaus Dinger.

Impresario Plank bleibt noch bis zu Autobahn wechselseitig mit beiden Lagern verbunden und vermittelt das Quartett nach Amerika; dann zahlen ihn die Kraftwerk’ler sprichwörtlich aus und die langjährige Zusammenarbeit ist beendet. Bei Neu! wird er kurzzeitig der dritte Mann, dann gehen Rother und Dinger ihrer Wege und widmen sich neuen Projekten. Inzwischen ist der international hochkarätig vernetzte Musik-Meister Plank aus Hamburg ins Düsseldorfer Umland übergesiedelt, wo er einen alten Bauernhof zum Studio umfunktioniert.

In dieser inoffiziellen Künstler-Kommune schlägt bis zum plötzlichen Tod des Impresarios das Herz einer Szene, deren geistige Väter mit Plank, Dinger oder Hütter größtenteils gar nicht aus Düsseldorf stammen.


Derweil wird im Kling-Klang-Studio am Kraftwerk-Konzept gefeilt: Passend zu den tonalen Errungenschaften von Autobahn programmiert Schneider ein griffiges, medienkompatibles Image für die Band, das mit seinen deutschen Klischees von Seitenscheitel, Autobahn und Maschinen-Kult bald international für wohl kalkulierte Furore sorgt.

"
Düsseldorf ist eine gute Stadt, um nichts zu werden", meint Meikel Clauss. "Du kannst in dieser Stadt etwas entwickeln, gute Typen kommen aus Düsseldorf, gleichzeitig musst du immer woanderes hingehen, um etwas zu werden (...) da du (hier) nur der Idiot von um die Ecke bist und jeder deine Fehler und Macken kennt (...)."

Schon in ihrer zweiten Generation hatte die Düsseldorfer Schule aus ihrer Geschichte gelernt und während der Anfangstage im Ratinger Hof bereits die Essenz aus beiden künstlerischen Positionen verinnerlicht.

Von Klaus Dinger übernahm sie das Rockstar-Gen und den Habitus des genialen Dilettanten; das Gesamtkunstwerk Kraftwerk brachte, im Geiste eines Joseph Beuys stehend, eine neuartige Unternehmer-Mentalität in die Kunst und zeigte den Musikern, dass sich auf diese Weise eine harmonische Balance zwischen den Antipoden Kunst und Kommerz finden lässt. Conny Plank war es schließlich, der alle Klang-Tüftler die Basics lehrte. "Wir haben ganz früh schon gelernt, dass der Erfolg zu einem Drittel aus der Musik besteht, das Image ist das zweite Drittel, und das letzte Drittel sind deine Verträge", erzählt Gabi Delgado.


Dieses Thema ist nach über
dreißig Jahren übrigens immer noch brandaktuell.

Mit "Electri_City" legt Rüdiger Esch das Musiklexikon der Zukunft vor, in dem die Autorität des Verfassers endgültig verabschiedet wird. Der re-aktivierte Leser entscheidet selbst, wie und in welchen Teilen er das hier angebotene Wissen nutzen oder verwerten möchte.


Zwar lässt die vordergründig chronologische Struktur auch eine klassisch-konventionelle Lesart zu; die offene Form der Hauptkapitel, denen je ein kurzweiliges Musik-Telegramm vorangestellt wird, das prägnante Ereignisse in wohlverdauliche Info-Häppchen verpackt, lädt jedoch eher zu einer Art launigem Skippen ein. Mit seinem handlichen Format passt der treue Begleiter in jede Tasche – und ist nicht zuletzt auch ein reichhaltiger Fundus für den zitierfreudigen Elektro-Enthusiasten, der sich, "Electri_City" sei Dank, ab sofort in jeder musikverdächtigen Alltagssituation auf die Alten Wilden berufen kann.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER | DATUM: 06.12.2014 | KONTAKT | WEITER: ELECTRI_CITY SOUNDTRACK >





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Website
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de-de.facebook.com/Electri.city.Esch


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