CORDUROY INSTITUTE - DIE MAGIE DES ZUFALLS - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

CORDUROY INSTITUTE - DIE MAGIE DES ZUFALLS

Kling & Klang > HINTER DER MUSIK > IM PROFIL


Es sind die geflügelten Worte aus John Miles' Pop-Schmachtfetzen "Music", die einem sofort in den Kopf schießen, wenn man "Eight/Chance/Meetings" anhört. "Music was my first love, and it will be my last. Music of the future and music of the past." Das umreißt die fast schon fanatisch zu bezeichnende Passion für die Welt der Klänge und Töne, die S.A. Morin und W. Ruiz dazu inspirieren, als Corduroy Institute selber Musik zu erschaffen, ziemlich genau.

Morin und Ruiz sind vielleicht das, was man allgemeinhin als Musiknerds bezeichnen kann. Sie lieben David Bowie, OMD, Television, James, Kate Bush, The Cameleons - um nur einige zu nennen. "Definitiv dreht sich alles bei uns um Musik", gibt Morin unumwunden zu. "Es ist die Kunstform, die uns verbindet und zu 90 Prozent unsere Gespräche mit Leben füllt". Das war wohl auch schon anno 2005 so, als sich die beiden auf der High School kennen gelernt haben. "Wir hatten damals nicht die Absicht, Musik zu machen, weniger noch mit den jetzigen Methoden. Da wir aber enge Freunde und in musikalischer Hinsicht sehr hungrig sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis wir zwangsläufig damit anfangen würden."

Vier Jahre später tasteten sie sich erstmals an ihre eigene Herangehensweise an. Mit einem improvisatorischen Grundgerüst und einigen losen Lyrics, die Ruiz archiviert hat, entstanden die ersten Songs. "Das hätte eine einmalige Sache werden können, aber 2018 sind wir dann wieder zusammengekommen und haben mit einem ähnlichen Ansatz weiter gemacht", erzählt Ruiz.

Ein erstes Lebenszeichen des Corduroy Institute folgte in Form von "The Gedge Journal Of Dalliance Studies Vol. 1", einer EP bestehend aus vier Tracks, die ihre gereifte Vorstellung von Musik offenlegte: Das Fundament bilden Rhythmus-Maschine und Bass-Gitarre, darüber breiten sich analoge und digitale Synthesizer-Melodien aus, während die Texte aus so genannten Cut-Ups bestanden, also ausgeschnittenen Sätzen aus Magazinen, Büchern und Werbungen, wie sie im Bild links zu sehen sind und an die schriftstellerischen Tätigkeiten eines William S. Burroughs erinnern.

"Es gibt zwei wesentliche Techniken, die wir nutzen, um Songtexte zu erschaffen", erklärt Morin. "Ursprünglich lief es so ab, dass wir nach den aufgenommenen Improvisationen uns zusammengesetzt und die Cut-Ups gezogen haben, um diese für eine Pseudo-Geschichte zusammenzusetzen. Zwar entspricht dieses Vorgehen exakt unserer philosophischen Vorstellung, verschlingt aber auch viel Zeit und kann das Momentum der Session killen."

"Die zweite Herangehensweise ist mit Arbeitsteilung und -verlagerung verbunden", setzt Ruiz fort. "In meiner Freizeit baue ich Strophen zusammen mit der impliziten Möglichkeit, dass sie Teil eines Corduroy-Institute-Songs werden können. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann Dutzende vorgefertigte Strophen vorbereitet, die wir für unsere Songs nutzen können. Während der Sessions ist W.A.Morin damit beauftragt, die Verse durchzusehen, um einen finalen Text für einen Song zu kreieren. In dieser Phase kürzen wie die Verse auch radikal zusammen, um bisher unerwartete Ideen einfließen zu lassen". Für die Texte spielen nach Morins Aussage biografische Aspekte keine Rolle. "Wir mögen es, wenn uns die Stimmung und die Musik zum Endresultat führt."

Der akademisch klingende Bandname kommt daher nicht von Ungefähr. Morin und Ruiz sind nicht nur Sound-und Textsammler, sondern von einem wissenschaftlichen Ehrgeiz gepackte Künstler, die mit dem Begriff des Experimental-Pop in medias res gegangen sind und versucht haben, auf allen Ebenen seine Dialektik aufzubrechen.

Zunächst wirkten die ersten Stücke aber noch wie ein vorsichtiges Abtasten der Möglichkeiten, und das im Februar 2019 veröffentlichte Debüt "Chair No.12" verzichtete sogar gänzlich auf Texte. Doch mit dem bereits ein halbes Jahr später erschienenen Nachfolger "The Gamut Of Their Philosophy" setzte das Duo Experiment und Eingängigkeit in ein zündendes Mischverhältnis.

Nun, knapp zwei Jahre und eine Pandemie später, die auch für das Corduroy Institute einen tiefen Einschnitt bedeutete, verfeinern sie mit ihrem Drittling "Eight/Chance/Meetings" ihren Stil ein weiteres Mal, indem sie auch ihre Parameter zur Erstellung ihrer Songs neu justieren. Textlich schöpfen sie weiterhin aus ihren Cut-Ups ihres B. Davis Archiv, das W. Ruiz bereits seit Mitte 2016 angelegt und erweitert hat. Allerdings dürfen die Songs nicht länger als sechs Stunden Arbeitszeit benötigen und müssen von zwei per Zufallsgenerator ausgewählten Alben aus ihrem digitalen Fundus inspiriert sein.

Dieser spuckte indes interessante Begegnungen aus: Für das Stück "In This Confessional" beispielsweise sollten Simple Minds' "Empires & Dance" und Marillions "Misplaced Childhoods" als musikalische Vorgabe dienen, für "Of Splendour And Misery" wurde "Cut" von The Slits und die "Greatest Hits" von Rick Springfield ausgelost.

Was eher wie ein strenges kompositorisches Korsett aussieht, ist für die beiden genau das Gegenteil: "Ironischerweise empfinde ich es als die freigeistigste Musik, die ich jemals machen durfte", jubiliert S.A. Morin. "Aufgrund fehlender Erwartungshaltung und unserem Forschungsdrang, hat man das Gefühl, dass alles passieren kann - und diese Tatsache ist sehr aufregend. Die selbst auferlegten Beschränkungen sind nur dazu da, um uns davor zu schützen, in unseren Experimenten zu weit zu gehen und etwas Unhändelbares zu erschaffen." Dem stimmt W. Ruiz zu: "Wenn wir einfach nur frei improvisieren, würde die Wahrscheinlichkeit, einen schlüssigen Song zu komponieren, dramatisch sinken. Wenn wir anfangen zu spielen, haben wir immer das Ziel vor Augen, einen Experimental-Pop-Song zu schaffen".

Am Ende ist zwar alle Theorie grau, doch führt sie beim Corduroy Institute zu einem schillernden Konglomerat surrealistisch-dadaistischer Poeme, die von einer filigran-pastelligen Klanglandschaft und der unbeschrieblichen Magie des Zufälligen durchzogen ist. Oder anders ausgedrückt: "Eight/Chance/Meetings" ist nichts anderes als Musik inspiriert durch Musik, die wohl aller Wahrscheinlichkeit nach die erste und letzte Liebe beim Corduroy Institute sein wird.

|TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 07.09.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 14/21>

Webseite:
corduroyinstitute.bandcamp.com


Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.
Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER-TON Redaktion


POP-SHOPPING


"EIGHT/CHANCE/MEETINGS" BEI AMAZON





Du möchtest diese CD (oder einen anderen Artikel Deiner Wahl) online bestellen? Über den oben stehenden Link kommst Du auf die Amazon.de-Seite - und wir erhalten über das Partner-Programm eine kleine Provision, mit der wir einen Bruchteil der laufenden Kosten für UNTER.TON decken können. Es kostet Dich keinen Cent extra - und ändert nichts an der Tatsache, dass wir ein unabhängiges Magazin sind, das für seine Inhalte und Meinungen keine finanziellen Zuwendungen von Dritten Personen bekommt. Mit Deiner aktiven Unterstützung leistest Du einen winzig kleinen, aber dennoch feinen Beitrag zum Erhalt dieser Seite - ganz einfach und nebenbei - für den wir natürlich außerordentlich dankbar sind.

COVER © CORDUROY INSTITUTE
FOTOS (BANDFOTO, CUT UPS DES SONGS "IN THIS CONFESSIONAL") © CORDUROY INSTITUTE

ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON
IM PROFIL: LAUT FRAGEN
IM PROFIL: SEASURFER
IM PROFIL: MIND.IN.A.BOX
IM PROFIL: LOUISAHHH
IM PROFIL: DIAF


Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.



                                                       © ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||



SUCHEN? FINDEN!
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü