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THE BEAUTY OF GEMINA "SKELETON DREAMS": NACH DER APOKALYPSE

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Im Allgemeinen scheinen Musiker in ihren dunkelsten Phasen die besten Alben zu kreieren. Denken wir einfach mal an "Songs Of Faith And Devotion" von Depeche Mode, das Sänger Dave Gahan als von Drogen gezeichneten Esoterik-Anhänger zeigt, der mit starken Depressionen zu kämpfen hatte. Oder auch "Back To Black" von Amy Winehouse, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits mitten in ihrer Selbstzerstörung befand, aber gleichzeitig die wahrhaftigsten Songs veröffentlichte.

Selbst den sonst umstrittenenen L'âme Immortelle gelang 2003 mit "Als die Liebe starb" ein überraschend starkes Album. Musiker Thomas Rainer verarbeitet auf Albumlänge die Trennung von seiner damaligen Lebensgefährtin. So authentisch und fühlbar verletzt, wütend, desillusioniert, aber auch mutig und hoffnungsvoll klang das österreichische Dark-Wave-Projekt voher und nachher nie wieder.

Auch Michael Sele hat seit Veröffentlichung des letzten Albums "Flying With The Owl" von vor zwei Jahren nicht nur Höhen erlebt. Der Mastermind von The Beauty Of Gemina durchlief im Frühjahr 2019 eine absolute Grenzerfahrung. Er musste sich einer großen und komplizierten Herzoperation unterziehen. Touren, Konzerte, eventuelle Studiosessions, kurz: das gesamte Leben erst einmal auf Eis gelegt. Für Monate. Man kann nur mutmaßen, welche Gedanken den Mann in dieser Zeit beschlichen haben dürften. Die Frage nach der eigenen Endlichkeit und Gedanken zum möglichen Eintritt des Todes kreisten wohl auch in seinem Kopf.

Zwar wird dieses Ereignis im neuen, mittlerweile neunten Album "Skeleton Dreams" nie explizit verhandelt. Doch selbst ohne dieses Hintergrundwissen merkt man den zwölf Stücken eine im TBOG-Klanguniversum bislang noch nie dagewesene Intensität an. Diese kulminiert  in dem wundervollen, von zarten Pianotupfern durchzogenen "Hold On To This Night" am Ende des Albums. Dem komplett heruntergefahren Instrumentarium steht Seles nackter Gesang, der etwas Absolutes ausstrahlt, gegenüber.

Überhaupt: Die stimmliche Leistung Seles auf diesem Album ist außergewöhnlich. Tänzelnd zwischen beschwörend-somnambulen Tönen und angedachter Brüchigkeit, verleiht er den eher minimal gehaltenen Songs die nötige Schwere. Dass es den Mann mittlerweile wegzieht vom klassischen Gothic, ist seit einiger Zeit auszumachen. Komplett abgeschworen hat er ihm aber auch nicht, wie die sehr gelungene Coverversion von Sisters Of Mercys "Nine While Nine" beweist. Ebenso geben sich "A Night Like This" und "Dark Suzanne" genüsslich der Tradition melancholisch inntendierter Rockmusik hin. Doch so bluesig wie bei "Maybe God Knows" und "I Come To Grief" hat man The Beauty Of Gemina noch nie gehört. Das sind die aufregenden Bruchstellen, die "Skeleton Dreams"  trotz eher ruhiger Grundstimmung immer wieder aufregend macht.

Das Album repräsentiert nicht nur Seles unbedingten Drang nach Veränderung und Erneuerung seiner Kunst, die er mit jedem weiteren Album vorantreibt (vergleicht man das Debüt "Diary Of A Lost" von 2006 mit diesem Album mag man außer Michaels Stimme nur noch wenig Gemeinsamkeiten feststellen), es wirkt noch konzentrierter und von möglichen überschüssigen Klängen befreit. Der Fokus liegt auf eine unverfälschte Emotion.

Das bedeutet aber keine stilistische Limitierung. "Resurgence" beispielsweise gönnt sich ein schepperndes Rhythmuspattern, und "Where Has It All Gone" wird von hypnotischen Synthielinien durchzogen und als Nachschlag im Desert Mix auf tanzbar getrimmt. Dennoch überwiegen Songs, die mit traumwandlerischer Sicherheit in die tiefsten Tiefen unserer Seelen vordringen. Der geschmeidige Dreivierteltakt von "Friends Of Mine", die slidigen Gitarrenlicks von "Rainbow Man": Sie sind für Verdrießlichkeits-Feinschmecker wahre Höhepunkte.

Jedoch zeigt sich der Schweizer Sele nach seiner persönlicher Apokalypse gefestigter und hoffnungsvoller, als es seine Musik auf den ersten Lausch vermuten lässt. "Skeleton Dreams" scheint bei aller Düsternis immer ein Licht am Ende des Tunnels bereit zu halten. Der Musiker selbst ist das lebendige Beispiel dafür, wie sich aus einer ernsten Lage positive Energie ziehen lässt. Möge ihm diese noch lange beschieden sein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 31.08.20 | KONTAKT | WEITER: IM PROFIL: DIAF>


Webseite:
www.thebeautyofgemina.com

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COVER © TBOG Music/Al!ve

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