TEIL I – DEUTSCH-POP: ESKAPISMUS UND JAMMEREI - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

TEIL I – DEUTSCH-POP: ESKAPISMUS UND JAMMEREI

Kling & Klang > HINTER DER MUSIK > QUO VADIS > POP-MUSIK: EIN POSTFAKTISCHES TRYPTICHON

Der Musiker und Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze, den meisten wohl durch die abgenudelte Post-NDW-Ballade "Dein ist mein ganzes Herz" noch am stärksten in Erinnerung, plädierte anno 1996, zusammen mit anderen Sängern wie Herbert Grönemeyer, lautstark für eine Deutsch-Quote im Radio. Vorbild ist Frankreich, deren Musikprogramm staatlich reglementiert wird und einen bestimmten Prozentsatz an französischen Songs je Sendestunde vorschreibt.

Seine damaligen Wünsche sind aus heutiger Sicht verständlich: All überall angloamerikanische Hip-Hopper mit testosterongeschwängertem Gebaren, reihenweise Pop-Mädchen mit wenig Stimme und viel Brustumfang oder für Boybands gecastete Milchbubis, deren Sangestalent überschaubar ist und die nach der Pfeife eines willfährigen Managers tanzten, um am Ende total verheizt ihr Glück im besten Fall in einem "daily job" und im schlimmsten Fall im Drogenkonsum zu finden. Wenige Ausnahmen wie Robbie Williams oder Ronan Keating bestätigen die Regel.

Popmusik war in den 90ern überwiegend englischsprachig. Selbst deutsche Produktionen, von denen es nicht wenige gab, griffen aus wettbewerbstechnischen Gründen lieber zur allgemein verständlichen Weltsprache. Die Versuche, muttersprachliche Gruppen zu etablieren, scheiterten oftmals. Purs "Abenteuerland" beispielsweise war genau das Gegenteil von dem, was die Schwaben in ihrer gleichnamigen Singleauskopplung propagierten. Hier dominierte nicht die "pure" Lust am Abenteuer, sondern die energische Suche nach dem Biedermeier der Neuzeit. Und pseudo-freche Girlies wie Lucilectric ("Mädchen") und Tic Tac Toe ("Ich find dich scheiße") waren allerhöchstens für pubertierende Backfischfräuleins eine launig-harmlose Untermalung ihrer Selbstfindungsphase. Den Deutsch-Pop brachten sie aufgrund mangelnder Substanz natürlich keinen Schritt weiter. Vielversprechender waren da der aufmüpfig-spaßige HipHop der Fantastischen Vier oder die damals schon eher zur "alten Garde" zählenden Toten Hosen und (wiederbelebten) Ärzte. Sie blieben für lange Zeit die einzigen deutschsprachigen Konstanten in der Hitparade.

Unter dem Strich fand die hiesige Diktion aber höchstens als rammsteiniges Teutonen-Gegrunze, überintellektualisierter Eiertanz für Universitätspunker oder überdreht-schrille Schlager-Rertro-Welle, mit dem Nusseckenver(z)ehrer Guildo Horn an der Spitze, statt. Der Rest erheiterte, wie schon Jahrzehnte zuvor, das Senioren-Kaffeekränzchen mit traniger Traumschiff-Atmosphäre. So weit, so lala. Um die Jahrtausendwende allerdings änderte sich die Sachlage gewaltig. Die Initialzündungen dafür kamen aus unterschiedlichen Richtungen

Ein Sohn Mannheims, namentlich Xavier Naidoo, begann, seine stets geistig verklärten Liebesschwüre mit einem weinerlichen Schmelz in seiner Heimatsprache vorzutragen. Das 1998 erschienene Debüt "Nicht von dieser Welt" brachte es zum Spitzenreiter in den deutschen Albumcharts und hielt sich fast zwei Jahre lang in den Top 100. Kurze Zeit später später dann, im Jahre 2002, verarbeitet Herbert Grönemeyer seine beiden privaten Schicksalsschläge (innerhalb einer Woche starben sein Bruder Wilhelm und seine damalige Frau Anna an Krebs) im Album "Mensch", das über drei Millionen Käufer fand – Rekord! Diese beiden Alben können als wegweisend für die aktuellen deutschsprachigen Veröffentlichungen gesehen werden. Sie besitzen nämlich eines: Anstatt auf konkrete Stories zu setzen, wird meist metaphorisch überbordender Minnesang und Gefühlsmalerei vollzogen.

Gerade Grönemeyer setzte in seiner Anfangszeit auf kleine Alltagsbeobachtungen, die von feiner Komik, textlich wie musikalisch, durchzogen sind. Der betrogene Freund, der in "Was soll das?" von seiner Ex vor die Wohnungstür gesetzt wird und nun fiese Spitzen gegen das neue Liebespaar loslässt. Die Huldigung der "Currywurst", eine schnodderige Hommage an das Fleisch gewordene Wahrzeichen der Ruhrpott-Gemeinde. Und nicht zuletzt "Mambo", in dem der Protagonist zu seiner Liebsten möchte, es aber nicht schafft, weil er keinen Parkplatz findet und überall die Politessen lauern. Die Nöte des kleinen Mannes werden von eingedeutschten brasilianischen Rhythmen untermalt – selten war Deutsch-Pop so unbeschwert und phantasievoll in Szene gesetzt wie hier. Von dieser Leichtigkeit des Seins ist auf "Mensch" kaum noch was zu hören.

Natürlich gab es auch einen Gegenentwurf zum grönemeyer-naidoo'schen Weltschmerz. Das Jeans Team beispielsweise kreierte mit dem Electro-Gassenhauer "Keine Melodien" einen erfrischenden Neue-Deutsche-Welle-Ableger für das neue Jahrtausend. Ebenfalls zwischen Electro-Pop und Punk angesiedelt, ließ das Duo Spillsbury mit ihrem 2003er-Album "Raus" Hoffnung auf einen neuen, unverkrampften Gebrauch deutscher Sprache in der Popmusik aufkeimen. Nicht zuletzt stimmten in diesem Jahr auch Wir Sind Heldens "Guten Tag (Die Reklamation)" und das Debüt von Mia, "Hieb und Stichfest", auf eine neue Ära erfolgreicher Deutsch-Popper ein – mit Ideal als Referenzpunkt. Leider sollten beide letztgenannten Gruppen in den kommenden Jahren den Erwartungen nicht gerecht werden.


Apropos Ideal: Frontfrau Annette Humpe war in diesen Jahren ebenfalls musikalisch wieder verstärkt aktiv: mit Adel Tawil nämlich, einem mittelprächtigen Sänger, der zuvor in einer Boyband mit dem ach so phantasievollen Namen The Boyz leidlich Erfolg hatte. Aus dieser Liaison entstand Ich + Ich, die mit ihren lamentierenden Nummern das Kunststück geschaffen haben, viele Worte zu nutzen, ohne wirklich etwas zu erzählen. Der erste erfolgreiche Song, "Du erinnerst mich an Liebe", von 2005, gleitet offensichtlich noch im angesoulten Fahrwasser Naidoos. Aber nur kurze Zeit später sollte "Vom selben Stern" die perfekte Balance aus eingängigen Sounds mit Schlagerkante und gefühlsduseliger Kuschelbär-Lyrik, die Tawil allerdings wie auf den Leib geschneidert ist, gelingen.

So nahm die deutschsprachige Plattitüdenachterbahn Fahrt auf und riss auch Gruppen mit sich, die zu diesem Zeitpunkt noch ein wohlbehütetes Nischendasein fristeten – allen voran Rosenstolz. In ihren ersten Jahren war das Duo, bestehend aus Peter Plate und AnNa R., herrlich unkonventionell, leicht schräg und überwiegend nur in der schwullesbischen Gemeinde bekannt. In dieser Zeit entstanden auch ihre eindringlichsten Alben, die von einer berauschenden Naivität und reinen Lust an der Situationskomik durchzogen sind. "Soubrette werde ich nie", das Debüt aus dem Jahre 1998, gilt für viele Fans der ersten Tage immer noch als das beste Werk der beiden. Und es gibt nicht wenige, die sich genau diese leicht ruppige Art zurückgewünscht hätten. Spätestens mit dem Album "Herz" (2004) allerdings gingen Plate und AnNa den bewusst kommerzielleren Weg und profitierten von der Neuen Deutschen Popmusik, die nun allerorts zu hören war.

Ein Blick auf die Jahresbilanz der offiziellen deutschen Albumcharts zeigt, dass spätestens 2005 die Akzeptanz muttersprachlicher Musik – auch aus der Schlagerecke – breite Zustimmung gefunden hat. "IZ" von den Söhnen Mannheims thront vor Wir Sind Heldens "Von hier an blind". Auf Platz vier konnte Juli mit ihrem Erstling "Es ist Juli" landen. Dass das Siegertreppchen nicht komplett von deutschen Gruppen besetzt wurde, lag an Green Days ambitioniertem Album "American Idiot", das sich die Bronzemedaille sicherte. Rund die Hälfte aller Alben aus den Top 20 dieses Jahres sind Eigengewächse (darunter natürlich auch Tokio Hotel, die sogar im Ausland erfolgreich waren – was aber wohl eher am überkünstelten Manga-Stil von Bill Kaulitz lag als an ihrer Musik).

In den kommenden Jahren konsolidiert sich Deutsch in der Radiolandschaft. Es gelingt sogar der Brückenschlag zu einstmals unvereinbaren Lagern. Den wohl krassesten Wandel legte der unheilige Graf hin. Einst mit Vampirkontaktlinsen und schwarz lackierten Fingernägel als etwas kitschiger Nosferatu-Mime in der Schwarzen Szene zumindest geduldet (auch dort gab es schon viele Unheilig-Kritiker), schaffte er dank seiner Floskelaneinanderreihung "Geboren um zu leben" den Sprung in die ramdösige ZDF-Samstagabend-Veranstaltung "Willkommen Bei Carmen Nebel",  in der sonst nur dem Schlager in Reinkultur gehuldigt wird, untermalt von einigen schlecht einstuierten Witzen der Gäste. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich. Helene Fischer sang sich "Atemlos durch die Nacht" und gleichzeitig an die Spitze der Charts, sodass selbst die bei den Jugendlichen so beliebten Hitparaden-Sampler "Bravo Hits" und "The Dome" nicht umhin kamen, diese Mensch gewordene Vorstadtidylle in ihr Repertoire aufzunehmen.

Doch was ist das Geheimnis ihrer Erfolge? Im Grunde genommen haben sie nur ein bisschen an den eigenen klanglichen Stellschrauben gedreht. Während der Graf martialische Gitarren gegen wohlfeile Orchestrierung auswechselte, bediente sich Frau Fischer besser produzierter Dance-Sounds, die so klinisch aufpoliert sind wie sie selbst. Nihilismus in HD sozusagen. Unheilig und Helene Fischer stehen exemplarisch für den allgemeinen Wertewandel in Deutschland. Denn Popmusik war nie revolutionärer Motor, sondern allenfalls nur Spiegel des gesellschaftlichen Status Quo.

Und dieser tendiert seit den Anschlägen auf das World Trade Center von 2001, und der Finanzkrise sieben Jahre später, weg von freiheitlichen Gedanken und hin zu einer reaktionär-konservativen Atmosphäre, die mit der erstmaligen Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin 2005 auch ein politisches Gesicht bekommen hat. "Keine Experimente" lautet das Motto – und Deutsch-Pop passt sich dem an: Silbermond kreieren in "B 96" eine musikalisch-vergilbte Ansichtskarte aus dem tiefsten Ostdeutschland, während Revolverheld, das wissen wir sogar aus zwei Songs von ihnen, gerne während der Sommerfrische nach Schweden fahren. Und wie Philipp Dittberner in "Wolke 4" der Liebe ihre ganze Leidenschaft entriss, wurde bereits vor einiger Zeit von uns erörtert.

Banalitäten blasen sich zum sinnschweren Inhalt auf. Jammerei und Eskapismus bestimmen die Texte, die in Metrik und Wortwahl selten über das Niveau eines Deutsch-Leistungskurs-Schülers hinausreichen: "Ich will glänzen, ich will scheinen (...) Bin ein Eisberg auf der See" (Andreas Bourani "Eisberg"), "Und dann sitz ich auf'm Bett und esse Steine. Deine, meine, große, kleine" (Bosse "Steine"). Selbst die einstmals rabaukigen Toten Hosen bieten auf ihrem Album "Ballast Der Republik" von 2012 nur noch Konsens-Rock, die sogar als Untermalung für die Siegesfeier zu Merkels dritter Bundeskanzlerherrschaft herhalten konnte: CDU-Mitglieder singen ein Song einer vormaligen Punk-Band – ein Bild, das alles über unser Land aussagt.

Schlussendlich fand auch noch Sarah Connor, sonst für schmalzige Soul-Balladen in englischer Sprache bekannt, zu ihrer "Muttersprache" zurück und nannte ihr letztes Album dann auch so. Ein Schuft, wer Frau Connor an dieser Stelle Opportunismus vorwerfen will.

Mittlerweile tritt auch die Volksmusik den Kampf um die Gunst der Zuhörer und -schauer an. Leider mit Erfolg. Die Traditionspflege und betuliche Deutschtümelei eines Karl Moik sind Schnee von gestern. Eine junge, hippe Elite um Helene-Fischer-Herzblatt Florian Silbereisen und dem selbsternannten Volks-Rock'n'Roller Andreas Gabalier hat es sich zum Ziel gesetzt, Schlager und Volksmusik wieder sexy zu machen. Dabei vermengen sie Folklore mit Chippendale-Erotik so gekonnt, dass bei ihren Konzerten – die übrigens längst nicht mehr im Heustadel, sondern in Hallen gegeben werden, die manchen Rock-Musiker vor Neid erblassen lässt – immer mehr Teens und Twens aufschlagen, um die Jungs und ihren unsäglich dummdödeligen Reimen zu lauschen. Kleine Kostprobe gefällig? "Halt mich fest, halt mich fest, bis die Lust uns beide trägt. Küss mich hier, küss mich jetzt, bis der ganze Boden bebt." Diese Verse stammen aus "Du schaffst das schon" von KLUBBB3, bei dem Silbereisen Mitglied ist. Jene Band hat auch dem unheimlichen Slogan "Schlager ist geil" ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Bleibt also am Ende die Erkenntnis, dass es langweilig geworden ist in der hiesigen Musiklandschaft. Phantasielos plätschern die Stücke aus den Radios und verbreiten erstickende Bräsigkeit, die am ehesten noch mit den Heile-Welt-Chansons der Nachkriegszeit vergleichbar sind. Deutschsprachige Musik ergeht sich in immer gleiche Gefühlsmeierei. Dagegen war Matthias Reims "Verdammt, ich lieb dich" ein flammender Appell und noch ein letztes Mal großes Emotionskino.

Heinz Rudolf Kunze hat übrigens in einem Interview mit der Zeitschrift Galore (Ausgabe März 2016) bedauert, dass er damals eine Deutsch-Quote für das Radio forderte: "Ich wünschte mir damals (...) spannendere deutschsprachige Rockmusik und nicht den Scheiß, mit dem wir jetzt zum Teil überflutet werden."
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 16.01.17 | KONTAKT | WEITER:  ZWISCHEN DEN ZEILEN: YAZOO UND "WINTER KILLS">

Fotos © UNTER.TON/Daniel Dreßler

Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.
Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER.TON Redaktion

Weitere Artikel auf UNTER.TON:
QUO VADIS APOPTYGMA BERZERK?
QUO VADIS EMILIE AUTUMN?
QUO VADIS DAVE GAHAN UND MARTIN GORE?
SCHWARZE SCHALE, HOHLER KERN

Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.

SUCHEN? FINDEN!
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü