"BURNING BRITAIN - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1980-1983": NACHBEBEN IM (DREI)AKKORD - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"BURNING BRITAIN - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1980-1983": NACHBEBEN IM (DREI)AKKORD

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Johnny Rotten hat es so gewollt: "Geht raus und gründet eure eigenen Bands", soll der Sex-Pistols-Sänger gesagt haben. Ob man ein Instrument beherrscht? Egal! Hauptsache erst einmal loslegen. Der Rest ergibt sich dann wohl von ganz alleine. Diese Nachricht ist bei den britischen Teens und Twens angekommen - und zwar gut. Wie die Beat-Musik in den 60ern die Heranwachsenden motiviert hat, ihre Zeit (und ihr Taschengeld) voll und ganz in die Musik zu investieren, haben sich dann auch um 1980 herum immer mehr musikalische Novizen zum rüden und ungestümen Charme des Punk hingezogen gefühlt.

Obgleich Punk-Gruppen der ersten Stunde nur noch sporadisch im Mainstream verhandelt und durch die wesentlich intellektuelleren Post-Punker und ästhetisch ansprechenderen New Romantics abgelöst worden sind, war der rabiate Drei-Akkord-Wahnsinn noch lange nicht vom bierbesudelten Tisch. Im Gegenteil: Die mediale Ausschlachtung um die Genre-Anführer wie den Sex Pistols, The Clash oder The Damned hat zum interessanten Effekt geführt, dass Punk wieder in den Untergrund verschwunden ist, um dort mit unverminderter Härte weiter zu machen und sich auf diese Weise neu zu beleben.

Doch hat sich einiges geändert bei der zweiten Generation von UK-Punkern. Es liegt in der Natur der Sache, dass Musiker, sobald sie das Rüstzeug einigermaßen erlernt haben, sich von ihren Vorbildern entfernen möchten, um einen eigenen Fußabdruck zu hinterlassen. Punk franst sich zu Beginn der 80er an den Enden aus, zersplittert in verschiedene musikalische Überzeugungen, was zwar auf Kosten der Homogenität geht, aber notwendig ist, um nicht in eine stilistische Sackgasse zu geraten. Vom dogmatischen Abarbeiten diverser Anarcho-Parameter ist auf "Burning Britain" nicht mehr viel geblieben, außer dem Ansatz, alles in kurz-knackig gehaltenen Songs, die selten über drei Minuten hinausgehen, zu packen.

Cherry Red Records, das selbst in der heißen Punk-Phase gegrüdet worden ist, schöpft bei dieser Zusammenstellung erneut aus ihrem eigenen, immensen Wissen, das sie bereits mit diversen anderen aufwendig gestalteten Kompendien zu verschiedenen britischen subkulturellen Bewegungen unter Beweis stellen konnte. Auf vier CDs, chronologisch aufgedröselt (jede Scheibe deckt ein Jahr ab) und in ein liebevoll gestaltetes Buchformat mit jeder Menge Lektüre zu den Songs gelegt, haben die Macher ein Zeitdokument geschaffen, das dem Hörer gut begreiflich macht, wie stark dieses Genre unter der Oberfläche noch wütend gezuckt hat.

Neben einigen bekannten Parolen der Sicherheitsnadelträger ("Let There Be Anarchy" von Shrapnel ist in allen Belangen Punk der alten Schule), belegen viele Stücke den sanften, aber doch beständigen Wandel der Punk-Szene. Das melodiös-humorige Moment bei "Tommy Kowey's Car", der ersten Single der Toy Dolls (die es  kurze Zeit später mit "Nellie The Elephant" sogar bis ins britische Kinderfernsehen schafften), steht dabei beispielhaft für den freieren Umgang mit dem Erbe, der in diesem Fall in einen spaßigen Proto-Punk-Pop mündet - und bis in die Gegenwart Bestand hat.

Dazwischen überraschen einige Bands mit atypischen Stilmitteln: Megalomanias "The Blood" irritiert beispielsweise mit einem fast klassisch anmutenden Klavierintro und Destructor bauen in "Northern Ripper" Sprachsamples ein, was für die Szene nicht minder ungewöhnlich ist. Selbst eine Hinwendung zum Glam-Rock lässt sich bei "For You" der Anti Nowhere League ausmachen, steigert sich sogar zu einem ganz und gar nicht dilettantischen Gitarren-Solo bei "Born To Lose" von The Skeptix. Selbst The Lurkers, hier mit dem schmissigen "Drag You Out" vertreten, haben das Interesse von Radio-DJ und Subkulturkoryphäe John Peel geweckt.

Doch Großbritannien brennt, wie es der Sampler-Titel erklärt: Die Insel befindet sich in schlechter wirtschaftlicher Verfassung. Dazu regiert Premierministerin Margaret Thatcher mit eiserner Hand das Land und baut es nach neoliberalen Grundsätzen auf, was den ärmsten der Armen wenig Chancen lässt. Kurzum: Ein soziales Ungleichgewicht droht, und dieser wird natürlich im Punk dieser Jahre immer wieder verhandelt.

Auch die militärischen Einsätz, beispielsweise im Falkland-Krieg, wirken sich auf das vor allem in der Jugend vorherrschende Gefühl der Orientierungs- und Zukunftslosigkeit aus. "No Future" hatte immer noch Bestand, und Stücke wie "The Thatcher" von den Septic Psychos belegen auch, dass sich der Fokus nun nicht mehr allein auf das Königshaus fokussierte - von wegen "God Save The Queen" - sondern sich der realpolitischen Lage zuwendet.

War die erste Punk-Generation also noch ein verspielter Haufen, teilweise auch aus dem künstlerischen Milieu stammend, die sich nur danach sehnten, wieder "richtigen" Rock'n'Roll zu hören (und ihn zu diesem Zweck einfach selbst eingespielt haben), teilten sich die Nachkommen auf in veritable Rampensäue mit nihilistischem Gebaren, politisch motiverte Krawallbrüder und, im Falle von The Sears, in Musiker, die sich auf der Schwelle zum Post-Punk befinden und nach neuen Formen der Selbstdarstellung suchen. Sie alle eint aber die wütende Energie und die Lust an gesellschaftlicher (und nicht zuletzt auch popkultureller) Veränderung.

All diese Nuancen und Tendenzen, das Überleben unabhängiger, autonomer Kunstgestaltung sowie das Weitertragen des Punk-Erbes ist den Gruppen in England gelungen, und "Burning Britain" versammelt sie, damit sie uns ihre Geschichten erzählen können. Begleitet von jeder Menge Fotomaterial und Hintergrundfakten entsteht so ein dichtes Bild der immer noch spürbaren Nachbeben nach dem großen Punk-Einschlag nur einige Jahre zuvor.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.05.2018 | KONTAKT | WEITER: X-O-PLANET VS. VOGON POETRY>

Webseite:
www.cherryred.co.uk


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COVER © CHERRY RED RECORDS

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