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EWIAN "GOOD OLD UNDERGROUND": LANG LEBE DER UNTERGRUND!

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Wie schnell das Leben doch an einem vorbei rast. Dabei fühlt es sich im Grunde wie gestern an, als man – Zigarette links, Weinglas rechts – mit seinen Brüdern im Geiste noch bis zur Sperrstunde die Stammkneipe besetzte, große Umsturzpläne entwarf und nicht müde wurde, diese neue Weltordnung bis zur Erschöpfung durchzuspielen. Wenige Jahre später ist die Szenerie eine andere: Der Bequemlichkeits-Modus der Neuen Deutschen Spießigkeit hat die aufkeimende Revolution besiegt; Bundeswehr-Parka, Che Guevara-Shirt und selbstgemachte Buttons sind auf der Karriereleiter nur hinderlich und landen in der Tonne, während das von orwell’schem Gedankengut bereinigte Bücherregal zur Präsentationsfläche für die hippe Espresso-Maschine verkommt. Reihenhaus-Idyll versus Renitenz: Das Zeitalter der Uniformität hat längst begonnen.

Ob dieses lähmende Szenario die Retro-Rocker von Ewian zu “Good Old Underground” mit-inspirierte, wissen wir nicht. Fakt ist jedoch, dass die Bonner Formation auf ihrem Debüt in jeder Hinsicht einen wehmütigen Blick in den Rückspiegel wirft: Thematische Evergreens wie Jugend, Revolte oder pure Existenz, textlich brilliant verpackt und von bestechender Endgültigkeit. Ein überbordend fatalitischer Mix aus Shoegaze, Brit-Pop und Indie-Rock: In diesem musikalischen Herbst mehr als eine kleine Sensation...

Sie klagen nicht an, sondern stellen fest: Den Underground als solchen gibt es nicht mehr. Eine klare Sache eigentlich. Schließlich lässt die grausame Ironie unseres flächendeckenden Informationssystems heute jedem Versuch, sich von gängigen Schemata zu lösen, bereits im Keim ersticken: So subversiv, dass er am Ende nicht doch binnen Sekunden durch irgendwelche “sozialen” Kanäle fluten und in der großen Pop-Maschinerie ersticken würde, kann im Grunde kein Trend mehr sein.

Vorbei also die Zeiten der amateurhaften Konzerte, hoffnungslos heruntergekommenen Spielorte oder schlecht aufgenommenen Bootlegs auf Kassette: "Good Old Underground. You've Made Us Free. So Free", bejubelt Sänger Ewian Christensen trotzig die verlorene Subkultur von einst, begleitet von einem akustischen Taifun aus verzerrten Gitarrenparts, die wie aufpeitschende Windböen durch die Lautsprecherboxen fegen. Bandkollege Benjamin Lachance aus Nürnberg und James Hrabak aus Chicago zeichnen für diese herrlichen Klang-Furore verantwortlich, gegen die sich der Frontmann hier mit aller Macht stemmen muss.

Bereits im druckvollen Eröffnungs-Stück "My Dear Dead Memory" strotzt Christensens Organ nur so vor Kraft, kommt wunderbar kratzig und kantig daher – und schafft es zugleich, seine ganze Verletzlichkeit offenzulegen. Vor allen Dingen in jeden Momenten, wo es dem Sänger und Namensgeber der Formation mit spielerischer Leichtigkeit gelingt, seine Stimme in ätherische Höhen zu schrauben und scheinbar vogelfrei über der Klang-Kulisse zu schweben.

Das breite Spektrum seiner Sangeskunst ist zugleich auch hörbare Stärke von Ewian – und verleiht den emotionalen Stücken ihres selbstbetitelten Debüts einen enormen Tiefensog.

Insbesondere auf "Escape", einem musikalisches Kleinod, das die unangepassten Träumer in unseren Reihen schützend in die Arme nimmt. Allen Kritikerm zum Trotz, die mit neidischen Unkenrufen das Unaufhaltsame zu verhindern suchen ("You're Just A Dreamer, Don't Waste Our Time") feiern Ewian das Anders-Sein - und formulieren mit ihrem breitwandigen Indie-Rock, der stilsicher zwischen Coldplay, Radiohead, Editors und Placebo changiert, ein klares Bekenntnis zur Subkultur.

Am Ende jedoch, wenn sich Stücke wie "We Are Not Afraid To Die", "New Born" und  "When I Was Dead" zunehmend der Symbolik von Tod und Wiederauferstehung bedienen, erhält der Titel eine zweite Deutungsebene: Der gesellschaftliche Untergrund von einst verschiebt sich immer mehr, zieht sich aus der öffentlichen Sphäre in die innere Privatheit zurück – und schließt sich am Ende selbst ein.

Ewian ergründen auf ihrem Erstling die tiefsten Sehnsüchte und Ängste, die seit Erfindung der Empfindsamkeit auf der menschlichen Seele lasten.

Besonders im wunderschön dahinfließenden "When I Was Dead" gelingt der Truppe ein wahres Glanzstück: Den Moment des Todes, das Hinübergleiten ins Jenseits musikalisch wiederzugeben. Dafür heben die Musiker ein plätscherndes Arpeggio aus der Tiefe des Raumes, während Engelsstimmen im Hintergrund das Paradies ausrufen. Die Nummer endet mit wuchtigen Gitarrenklängen, die die Seele schließlich, von aller irdischen Last befreit, in luftige Höhen befördern.

Bei aller düster-schillernden Intensität, durchzieht den Hörer von "Good Old Underground" am Ende doch ein warmes Glücksgefühl. Ist es die schonungslose Ehrlichkeit dieses überraschenden Debüts, der unbedingte Wille zum absoluten "Wall Of Sound", oder die Kombination aus beidem, die einen erfüllt zurücklässt? Kein Konformismus der Welt ist so stark, dass man ihn nicht doch irgendwie brechen könnte.

Zuversicht ist das wohl überraschendste Thema des Ewian-Erstling. Wie der psychedelische Querflöten-Spieler auf dem Cover: Jethro Tull 2.0, ein Update für den Underground. Oder das nachtdämmernde Sehnsuchts-Bild auf dem Rückseite des Booklets: Der barfüßig-moderne Wanderer im Nebelmeer, frei nach Caspar David Friedrich, mit dem der Betrachter auf die unendliche Weite des Meeres blickt. "Don't Give Up", lautet sein magisches Credo, fett gedruckt in leuchtend weißen Buchstaben.

Nein, wir geben nicht auf. So lange Bands wie Ewian uns den Glauben daran zurück schenken, dass die Subkultur lebt – und ihr Verfallsdatum auch heute längst noch nicht erreicht hat.

|| TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER / DATUM: 20.10.2014 | KONTAKT | WEITER: INTERVIEW MIT EWIAN CHRISTENSEN




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Bandpage
www.ewian-music.com
Hörprobe
ewian.bandcamp.com


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