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LEICHTMATROSE: "DER VORTEIL AM ÄLTERWERDEN IN DER MUSIK IST, DASS MAN ALL DIESE ERFAHRUNGEN IN DER KUNST VERWURSTEN KANN"

Im Gespräch

Sarkasmus und schwarzer Humor sind seit jeher die Hauptzutaten für die Songs vom Leihtmatrosen Andreas Stitz. Doch so verschwenderisch arrangiert und gleichsam scharfzüngig wie auf dem dritten Longplayer "Heile Welt" klang er bislang noch nie. Das hat sicherlich zum einen mit dem überraschenden Neuzugang Rick J. Jordan (ehemals Scooter) und zum anderem mit Andreas' pointierten deutschen Texten zu tun, die das selbst ernannte "Ausnahmetalent" einmal mehr verfeinert hat. Dementsprechend selbstbewusst (und natürlich mit einer ordentlichen Portion Selbstironie) zeigt sich der Sänger in unserem Gespräch.

Hört man sich "Heile Welt" an, kann man den Titel eigentlich nur sarkastisch verstehen. Schließlich klingen die wenigsten Songs danach. Gibt es sie überhaupt noch, diese heile Welt?

Andreas Stitz: Natürlich gab es die wirklich heile Welt noch nie. Als Kind fühlt es sich teilweise noch so an, aber durch die ersten Probleme wird diese Welt sehr schnell widerlegt. Oft ist die "heile Welt" ein nostalgisches Konstrukt, das einem das Gehirn vorgaukelt. Immer frei nach dem Motto: "Früher war alles besser".

Der Titelsong jedenfalls spielt mit den Sehnsüchten und Wünschen der Teenager, die sich nach Freiheit und Ausbruch aus den vorgegebenen Strukturen sehnen. Allerdings wirkt dieser Wunsch, wie die Pubertät selbst, flüchtig. Am Ende kehren die meisten dann doch zu den Strukturen zurück...
Ich glaube, es ist eher ein normaler Generationenkonflikt. Man will sich von seinen Eltern und deren Strukturen abgrenzen. Letztendlich funktioniert dies auch umgekehrt. Die Kinder von Hippie-Eltern sind oft zu Spießbürgern geworden. Am Ende finden die meisten ihren eigenen Weg und das ist auch der Sinn von diesem Abgrenzen. Die Kunst ist es, sein eigenes Kind-sein für sich zu bewahren!

Wer dich in den Sozialen Medien verfolgt, weiß, dass Du auch politisch klar Stellung beziehst, gerade gegenüber jenen, die sich ihre eigene "Heile Welt" - sprich:frei von Immigranten - kreieren. Kann man in Zeiten von erstarkten rechtspopulistischen Parteien als Künstler überhaupt noch unpolitisch sein?
Musik und Kunst sollte für jede politische Richtung offen sein. Sollte ich mit der Musik und insbesondere dem Text zum Nachdenken bewegen, habe ich alles erreicht, was mir als Künstler möglich ist, egal welche Partei er am Schluss wählt. Die Kunst ist frei… und die Gedanken auch.

Wenngleich nicht so offensichtlich, besitzt das Album einige politische Momente, und zwar gleich zu Beginn mit „Jerusalem“. Wofür steht diese Stadt für Dich?
Ich war einmal in Jerusalem und seitdem ist es für mich die schönste Stadt der Welt. Ich fand es unglaublich faszinierend, wie diese unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Religionen zusammenleben. Natürlich steckt in dieser Unterschiedlichkeit sehr viel Potenzial für Auseinandersetzungen, Gewalt oder sogar Krieg. Aber letztendlich sind wir alle Menschen und wohl jeder hat von Natur aus einen Wunsch auf Frieden. In diesem Song geht es darum, den inneren Frieden für sich selbst zu finden, damit man auch den großen Frieden leben kann. "Ich werd´ dich immer lieben mein Feind… das ist mein größter Sieg".

Ohnehin ist das Album eine kleine Weltreise. Nächster Halt: Paris. "Wenn es Nacht wird in Paris" klingt wie ein lebendig gewordenes Gemälde von Henri de Tolouse-Lautrec. Woher rührt diese Faszination für das Pariser Nachtleben?
Ich hatte schon immer ein Faible fürs Nachtleben, fürs Milieu, fürs Anrüchige…und das Paris der 1920er Jahre entspricht am besten dieser Vorstellung. Ein Song wie ein Film!

Eines der eindringlichsten Stücke ist meiner Meinung nach "Chill Indianer", weil Du da auch jene Kollegen kritisierst, die sich zu sehr vom Mainstream haben einnehmen lassen. Sind das allgemeine Beobachtungen, die Du niedergeschrieben hast, oder war ein konkreten Musiker Inspiration für diese Zeilen?
Bei Chill Indianer ist keine konkrete Person mit gemeint – es geht eher um die Gratwanderung eines Künstlers. Wir wissen alle, wie schwer es heutzutage ist, von der Musik oder Kunst zu leben. Die Frage ist: Wie sehr verbiege ich mich, um entweder nur meiner - vielleicht unkommerziellen - Kunst nachzugehen oder massentaugliche Ware zu fabrizieren? Ich denke, man sollte immer nur das machen, was man am besten kann und was man selbst repräsentiert, denn nur dann ist es authentisch und wird auch funktionieren. Aber natürlich ist es verlockend, wenn dir ein Major Label eine Mega-Karriere verspricht, unter der Bedingung, in eine bestimmte Richtung zu gehen und dich auf eine gewisse Art und Weise zu präsentieren – aber am Ende solltest du dir selber treu bleiben… sonst endest du wie der Chill Indianer.

"Die ganzen Schlageromis waren plötzlich deine Homies", lautet eine Zeile daraus. Das hat mich zu der Frage gebracht, wie schwer es eigentlich ist, in Deutscher Sprache zu singen, ohne ins Schlagerhafte zu fallen. Stehst Du auch vor diesem Problem, sobald Du anfängst, einen Text zu schreiben?
Deutsch ist eine verdammt schwierige Sprache für Musik… und deshalb bin ich auch ein Ausnahmetalent (lacht). Kleiner Scherz - mit einem Fünkchen Wahrheit.

Was Leichtmatrose meiner Ansicht nach ausmacht, ist tatsächlich diese vordergründig schlagerhafte Attitüde, die durch Deine expliziten Texte gebrochen werden, ähnlich wie die frühen Alben von Rosenstolz. Eigentlich müsste Dir das Herz bluten, wenn man sieht, wie Schlagerstars wie Helene Fischer oder Andrea Berg mit ihren, eher einfach gestrickten, Songs die Hallen füllen...

Unsere Zeit wird kommen. Weil wir echt sind! Und am Ende heißt es dann: " Ich habe schon immer gewusst, dass die genial sind".

Im Gegensatz zu den früheren Alben bist Du noch mehr ins Pathos gegangen. Viele Streicher, Pianostücke, ausgereifte Arrangements: Liegt das auch an dem "spektakulären Neuzugang" (wie es im Fußball-Jargon heißt) Rick J. Jordan (ex-Scooter)?
Mit Rick sind wir komplett! Wir komponieren zu dritt, wir produzieren zu dritt und wir sind live ein super Team. Mit all seiner Erfahrung von Scooter können wir jetzt auf höchstem Level arbeiten und trotzdem unserer Linie treu bleiben. Da wird noch viel passieren!

Wie ist es zur Zusammenarbeit überhaupt gekommen?
Bei unserem Video-Dreh zu "Wenn es Nacht wird in Paris" schlug unser Regisseur Ronnie Zeisberg vor, dass Rick dieses Video schneiden könnte, da dieser ihm einen Gefallen schuldete. Rick hat relativ schnell gemerkt, dass wir die Musik machen, die er zukünftig auch spielen will. Gleichzeitig stellte er fest, dass die Dreierkonstellation Thomas Fest, Rick J. Jordan und ich eine tolle Symbiose ergeben…quasi eine Schicksalsfügung.

Apropos: "Das Schicksal kann ein mieses Arschloch sein", heißt ein anderer Song. Scheint momentan bei Dir also nicht der Fall zu sein...
Ein Leben besteht immer aus Höhen und Tiefen. Der Vorteil am Älterwerden in der Musik ist es, dass man all diese Erfahrungen in der Kunst verwursten kann. Frei nach dem Motto von Therapy?: „happy people have no stories“.

Wie sehen die nächsten Monate aus? Was ist noch alles geplant?
Wir gehen mit Peter Heppner auf große Tour und erobern die Republik!...und ich hoffe, wir sehen uns!

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.11.2018 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH - ALIEN SEX FIEND>

Webseite:
www.leichtmatrose.eu
Foto © Wieglas

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