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L'ÂME IMMORTELLE "DRAHTSEILAKT": LEIDEN UND LEIDEN LASSEN

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Verhalten und unsicher ertönt die Spieluhr zu Beginn. Wenig später gesellen sich zaghafte Klaviertöne dazu; mit den angestrichenen Geigen im Hintergrund zieht schließlich ein Gewitter am Horizont auf.

"Erste Schritte", das Eröffnungsstück von L'âme Immortelles neuestem Streich "Drahtseilakt", klingt wie der melancholische Willkommensgruß an ein junges Leben, das noch nichts von dem Gefühlschaos weiß, in das es mit dem Erwachsenwerden stürzen muss.

Chanteuse Sonja Kraushofer und Tonmeister Thomas Rainer definieren das irdische Dasein als eine Aneinanderreihung von emotionalen Höhen und Tiefen.

Dementsprechend rückt das zehnte Album des alpenländischen Duos das gesamte Gefühlsspektrum ins Zentrum: Mut, Verzweiflung, Trauer, Hoffnung und Einsamkeit werden in episch-fatalistischer Breite ausgekostet. Am Ende aber herrscht immer das "Allein-Sein".


Seit Angedenken der Menschheit steht die Frage nach determiniertem Leben ganz oben auf der Agenda.

Über Jahrhunderte hinweg bemühten sich Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler aus aller Herren Länder in ihren Schriften um eine Definition des Schicksalsbegriffs. Selbst in unserer heutigen, technologiebasierten und beinahe gänzlich von Mythen befreiten Zeit kreisen die althergebrachten Existenzzweifel in unseren Köpfen:

Ist unser Leben vorbestimmt? Gibt es eine höhere Macht, die unsere Geschicke lenkt? Oder können nur wir alleine unser Leben bestimmen?

Wenn schlimme Ereignisse, wie der plötzliche Tod eines geliebten Menschen oder das Ende einer langjährigen Beziehung, über uns hereinbrechen, suchen wir nicht selten Erklärung und Trost bei einem überirdischen Wesen, das unsere Wege vermeintlich vorgezeichnet hat - nur, um irgendwie seelischen Halt zu finden und nicht vollends an der Situation zu zerbrechen.

Ob es auch Schicksal war, dass sich vor rund 20 Jahren Thomas Rainer und Sonja Kraushofer dazu entschlossen haben, ihr Projekt L'âme Immortelle ins Leben zu rufen?

Zumindest ist die Zusammenarbeit fruchtbar – und wurde bereits von beachtlichen Erfolgen gekrönt. Seit Anbeginn stehen die "unsterblichen Seelen" für die personifizierte Melancholie; verleihen dem Leiden einen dunkelschimmernden Glanz. Anfangs stark elektronisch, sind die fatalistisch geprägten Stücke mittlerweile deutlich von Rock- und Klassik-Elementen durchsetzt.

Diese Hinwendung zum bombastischen Klangbild entspricht auch eher der ausdrucksstarken Stimme von Sonja Kraushofer, die im Mittelpunkt der Stücke steht. Als ausgebildete Musicaldarstellerin beherrscht sie spielend die gesamte Breite menschlicher Gefühlswallungen. Ihr Talent, gepaart mit Rainers Vorliebe für griffige Songs, ließ bereits "Als die Liebe starb" von 2003 zum absoluten Meilenstein der Bandgeschichte avancieren. Auf diesem Album verarbeitete der Musiker die Trennung von seiner damaligen Freundin; all der Schmerz, die Trauer und das quälende Nicht-wahrhaben-wollen: Er setzte die Wörter punktgenau, aber Sonjas Interpretation verlieh ihnen die nötige Seele.

Selten gelang es einer Band, den Verlust eines Menschen in ein derart konzentriertes Bild zu übersetzen. Zuletzt schaffte dies nur noch die stimmgewaltige Pop-Chansonniere Adele auf ihrem schon jetzt als Klassiker zu bezeichnenden Album "21" von 2012.

Stets schwingt in den Stücken von L'âme Immortelle aber auch ein Gefühl der Unabänderbarkeit der Dinge mit.

Kein Aufbegehren, kein Widerstand durchdringt die mal aggressiver, mal ruhiger getünchten Songs. Die Ereignisse werden einfach hingenommen, ohne sich mit angestrengter Gewalt dagegen aufzulehnen und bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Dafür schmeißen sich ihre Erzähler mit voller Wucht in das emotionale Meer - auch auf die Gefahr hin, darin zu ertrinken.

Dass das Duo aus Wien an eine übersinnliche Fremdbestimmung der Lebenswege glaubt, manifestiert sich auch im puristischen, in edlem Schwarzweiß gehaltenen Booklet: Die verschiedenen Radierungen zeigen das Heranwachsen einer Frau, angefangen vom Embryo im Mutterleib bis hin zum Lebensende.

Stets findet sich die Protagonistin von dämonischen Gestalten umgeben, die das Seil des Lebens, auf dem sie balanciert, in ihren tückischen Klauen halten. Ein klarer Verweis auf die Moiren; antike Schicksalgöttinnen, die sowohl in der römischen als auch der germanischen Mythologie eine tragende Rolle übernehmen.

Carpe Diem: Auf "Drahtseilakt" wird dieses geflügelte Wort zu einer intensiven durchlebten Achterbahn der Gefühle, die schließlich mit dem für die Band musterhaften Stück "Sehnsucht" seinen gipfelnden Höhepunkt erreicht.

In dieser sich vollkommen zurücknehmenden, von Pianolinien und Synthieflächen dominierten Komposition, entfaltet Sonja ihr Organ in seiner ganzen Pracht – und hebt zu einem Lamento der Unvollkommenheit und verzweifelnder Sehnsucht nach seelischer Ergänzung an. Wie die Kleine Meerjungfrau auf ihrem Felsen, reissend umspült von peitschender Gischt, beweint sie ihren Weltschmerz, den weder "stille Poesie", noch "laute Schreie" vertreiben können.

In diesen Momenten entwickelt sich "Drahtseilakt" leider auch zu einem selbigen für die Gruppe: Durch allzu große, mit Pathos durchtränkte Gesten laufen L'âme Immortelle nämlich Gefahr, in einen starren Musical-Habitus abzugleiten, bei dem die gespielte Emotion am Ende ins Leere läuft. Glücklicherweise schafft das Duo aber immer noch rechtzeitig den Absprung.

Vor allem, weil das Album sein Sujet in intelligenten Variationen zeigt – und damit nicht ständig nur diesen einen, trauernden Grundton besitzt.

Wie ein laut ausgerufenes "Ja" zum Leben mutet beispielsweise das stark elektronische "Ich fang dich auf" an: Es ist das Versprechen der narrativen Instanz, komme was wolle, immer an der Seite der guten Freundin oder Liebsten zu stehen. Jeden Tag soll sie genießen, ohne Ängste, ohne Zweifel. Es sind diese kleinen Lichtblitze, die das Zweiergespann geschickt gesetzt hat, um den Hörer bei (dunkler) Laune zu halten.

Wie die zwangsläufige Besiegelung alles Irdischen, so endet auch "Drahtseilakt" mit dem Unvermeidbaren:

Tod.


"Einsamkeit" beschreibt dies noch einmal mit aller Schwermut: "Und wenn der letzte Traum zu Asche ist verbrannt/ Ragt dort ein Kreuz gen Himmel, wo einst ein Krieger stand". Jeder Kampf, jede schmachvolle Hürde, die einst genommen wurde: Sie scheinen verschwindend nichtig im Angesicht dieses ultimativen, letzten Kapitels, das die beiden Österreicher in ein grau-weißes Bild tauchen; einer kargen Winterlandschaft gleich. Die Seele ist eingefroren – für immer.

Sicherlich werden sich auch dieses Mal die Geister an der Band scheiden. Das theatral-pathetische Moment bleibt nach wie vor der Streitpunkt für Gegner und Connaisseure. Rein objektiv betrachtet, haben die beiden aber vieles richtig gemacht: Ihren persönlichen "Drahtseilakt" vollführen L'âme Immortelle seit knapp zwei Dekaden mit meisterlicher Bravour. Schicksalhaft ist das nicht, sondern das belohnend verdiente Ergebnis von Ausdauer und Talent.


|| TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 28.11.2014 | KONTAKT | WEITER: POSTPUNK COMPENDIUM "SOME WEAR LEATHER, SOME WEAR LACE"




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Website
www.lameimortelle.com


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