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HARRY STAFFORD "GOTHIC URBAN BLUES": SHOW US THE WAY TO THE NEXT WHISKY BAR

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Die Ecke, wo Harry Stafford für das Albumcover abfotografiert wurde, wirkt nicht gerade vertrauenswürdig. Graffiti an den Wänden, schäbige Fassaden, vergitterte Fenster - jedem anderen Menschen mag da die Düse gehen und er möchte sofort Reißaus nehmen ob Furcht, nicht an der nächsten Ecke gleich seines kompletten Hab und Gut beraubt zu werden.

Doch der Musiker schaut entspannt, ja, fast gelangweilt. Ganz so, als wollte er uns sagen: "Dis is', wo ich herkomm'." Keine Panik also, der Mann hat sich nicht verlaufen, sondern gerade wieder heimgefunden. Und sein Weg scheint ihn direkt in die nächstgelegene Whisky-Bar zu führen, wo er seine lakonischen, hochprozentigen Blues-Balladen und Kneipen-Rock-Miniaturen zum besten geben wird.

Würde Stafford nicht ganz so sauber singen, sondern seine Texte mit einer von jeder Menge Destille getränkten Stimme vortragen, man hat sofort all die Reibeisenröhren wie Tom Waits oder Mark Lanegan vor Augen. Musikalisch jedenfalls nähert sich der Mann aus Manchester an eben genannte Künstler. Doch das heillos Vagabundöse fehlt am Ende dann doch bei "Gothic Urban Blues".  Das hat natürlich seine Gründe.

Mehr als drei Jahrzehnte als Frontmann einer Post-Punk-Truppe geht eben nicht ganz spurlos an der Festplatte vorbei. Mit den Inca Babies fischte Stafford im reichhaltigen Gothic-Gewässer der mittleren 80er, ließ sich aber mit seinem verwaschenen, vom Blues infizierten Sound eher in die Ecke The Birtday Party respektive Nick Cave & The Bad Seeds drücken. Sein zweiter Solo-Streich wird unter anderem Rob Haynes unterstützt, der ebenfalls bei Inca Babies und The Membranes  angestellt ist. Diese geballte Ladung an musikalischem Wissen macht sich jederzeit beim Hören bemerkbar.

Kaum verwunderlich also, dass der flotte Liebes-Blues-Rock "She Just Blew Me Away" aus der Abteilung Attacke rausschießt. Ebenso nimmt der Titelsong keine Gefangenen und bringt mit Trompeten in angedachten Dubmodus sowie einer ziemlich durchgefunkten Rhytmussektion das Album zum leuchten. Hier blitzt sie auf, die musikalische Vergangenheit von Stafford und Co. Während es bei anderen Vertretern dieser Zunft dann doch ins unweigerlich Besoffene geht, greift "Gothic Urban Blues" jeden noch so kleinen Strohhalm der Hoffnung.

Mit "Into The Storm" und "Sideways Shuffle" verdingt sich das Gespann mit verschleppten Rhythmen, grummeligen Pianolinien und morbiden Blasinstrumenten aber auchliebendin die dunkelste Ecke einer heruntergekommen Kaschemme, um dort gestrandeten Persönlichkeiten, die vor ihrer Spirituose sitzend sich selbst beweinen und die Welt da draußen verfluchen, zu unterhalten und auch ein Stück weit zu trösten. Hätte Quentin Tarantino "From Dusk Till Dawn" erst jetzt gedreht, er hätte Harry Stafford sicherlich auf seinen Soundtrack dazugepackt.


"Gothic Urban Blues" ist ein wunderbar schrulliges Konglomerat aus Songs von in die Jahre gekommenen Musikern, die das Ungestüme des Punk-Rock verinnerlicht haben und dieses Wissen in eine neue musikalische Ausdrucksmöglichkeit transferieren. Und sie haben sichtlich Spaß an ihren kleinen Geschichten über die Stadt - insbesondere eben die kleinen heruntergekommenen Gassen, in denen die Menschen sich in die nächste Whisky-Bar verirren, um ihren Existenzialismus hochprozentig zu pflegen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 24.03.2020 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 3/20>

Webseite:
www.facebook.com/harrystaffordUK

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COVER © BLACK LAGOON RECORDS/CARGO

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