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NOYCE™:"IST DER MENSCH NICHT MANCHMAL GRAUSAM LEBENSFREMD?"

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Man könnte es "uneasy listening" nennen, was die Düsseldorfer Elektroniker von Noyce™ den Hörern kredenzen. Denn ihre wenigen Alben leben von einem klanglich wiewohl textlich hohen Anspruch, der sich von vielen anderen Gruppen deutlich abhebt. Auch das vierte Werk "Love Ends" will nicht weniger, als globalgesellschaftliche Kritik üben. Kein Wunder also, dass sich das Interview mit Sänger Florian Schäfer weniger um das Album selbst, als um die Frage nach korrektem ethischen Verhalten in einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt dreht.

Hallo Florian. Wir haben noch mal nachgeschaut: Zwischen Eurem letzten regulären Album "Un:Welt" und dem jetzt erschienenen "Love Ends" sind mal wieder ganze acht Jahre vergangen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ihr die Electro-Band mit der "entspanntesten" Veröffentlichungspolitik seid, oder?

Florian Schäfer: Bevor ich mit einer Rechtfertigung eröffne, beginne ich lieber "entspannt" mit einem Zitat : "Der Puls der Zeit kennt kein Erbarmen. Trotzdem ist es auch in unserer auf Instant-Ruhm gebürsteten Gegenwart ein fataler Irrglaube, dass Musiker nach kurzjähriger Ton-Abstinenz zwangsläufig in Vergessenheit geraten müssen. So etwas geschieht eher dann, wenn es Kunst und Klang an der nötigen Substanz mangelt – und vom Gesamtwerk, aus zeitlicher Ferne betrachtet, nicht nur der sprichwörtliche 'Lack' ab ist." Dies waren Deine Worte zur "Fall[out]" Maxi-CD. Und es fällt mir schwer, Dir da zu widersprechen, denn es steckt so viel Wahrheit in diesen Sätzen. Wir waren schon zwischen 2013 und 2014 relativ weit mit dem Album, aber wir lassen Songs gerne mal "reifen". Das bedeutet, dass wir sie einige Wochen gar nicht anfassen oder hören. Da hilft es, mit "frischen Ohren" und zeitlichem Abstand zu überprüfen, ob diese Lieder und Fragmente uns noch auf irgendeine Art berühren. Wenn dies der Fall ist, feilen wir weiter...andernfalls eben nicht. Ich gebe aber zu, dass der musikalische Output in Form von CDs, gemessen an den Jahren unseres Bestehens, durchaus unbefriedigend ist. Auf der anderen Seite hören wir manchmal die alten Alben an und stellen zufrieden fest, wie zeitlos unsere Songs sind. Deshalb hat sich jede Minute Arbeit an ihnen gelohnt. Auch bei "Love Ends" haben wir uns zwischendurch gefragt, wo die Zeit geblieben ist, während wir so vor uns hintüftelten denn manche der aktuellen Nummern spielen wir schon seit einigen Jahren live. Dazu muss gesagt sein, dass wir unser eigenes Label besitzen, wo uns zwar niemand Druck macht, wir aber auch alles selber finanzieren müssen. Das ist eben das Los, wirklich Independent sein zu wollen – mit dem Vorteil jedoch, dass wir nicht jährlich ein Album raushauen müssen. Unsere Art von Musik hätte bei so einer Veröffentlichungspolitik dann sicherlich auch nicht mehr diese Tiefe, den Abwechslungsreichtum oder den künstlerischen Ansatz, für die uns unsere Hörer schätzen. Wir machen eben Musik, weil wir es lieben und, in erster Linie, um uns glücklich zu machen. Nicht aus kommerziellen Gründen.

Gelungen ist Euch wieder einmal ein Meisterwerk, um dieses Kompliment vorwegzuschicken. In Eurem Intro spricht eine weibliche Computerstimme "at the end when love ends is the moment when life ends". Eine fast schon hippieeske Aussage, quasi ein post-nukleares "All you need is love". Braucht die Welt mehr Liebe?
Vielen Dank für das Lobpreisung. Ich bin der Ansicht, dass die Menschen deutlich mehr Empathie benötigen und diese entsteht am besten, wenn der Mensch Liebe erfährt. Respekt füreinander und die Anerkennung von Werten müssten wieder relevanter werden. Nur der Weg dahin ist für viele Menschen wohl schon vom Kopf her zu steinig. Dies wäre aber der entscheidende Schritt, um die eigenen Gefühle auch Fremden zuzutrauen und dadurch deren Freuden und Ängste zu verstehen. "All you need is love" ist in der Tat schon recht abgedroschen, aber trifft eigentlich den Punkt.

Konkret werdet ihr bei dem Song "Die Ungeliebten": "Das Unglück der Welt geht von den Ungeliebten aus", heißt es da, begleitet von verschiedenen Datumsangaben und endend mit dem 11.September 2001. Du hast im letzten Interview gesagt, dass die Ereignisse an diesem Tag Dir immer noch surreal vorkommen. Hat sich diese Sicht bis heute angesichts der weiteren, näher rückenden Terroranschläge nicht auch etwas relativiert?
Da hast Du leider recht. Für die Allgemeinheit relativiert sich dieser Wahnsinn, wird zur Gewohnheit und letztendlich verdrängt. Die "je suis"-Bekundungen verschwinden von den Timelines, da es unangenehm ist, sich mit negativen Dingen auseinanderzusetzen. Täter werden zu Medienstars und Opfer zu Zahlen, über die man nichts erfährt. Ist der Mensch nicht manchmal grausam lebensfremd? Aber ob es nun aus Gleichgültigkeit oder menschlichem Schutzmechanismus passiert: Diese Tatsache wollten wir mit "Die Ungeliebten" ins Bewusstsein rufen. Man hört all diese Zahlen, die erst einmal keine Relevanz oder Bedeutung haben. Eventuell fangen sie an zu nerven, da es nicht gelingt, diese monoton und nüchtern vorgetragenen Nummern zuzuordnen. Keine Zahlenkombination ergibt auf den ersten Blick Sinn, bis es mit "elf null neun null eins" endet! Das Datum, das sich eingebrannt und die Welt, was Terror betrifft, verändert hat. Aber sollte es nicht eigentlich so sein, dass die jüngsten Ereignisse eher im Gedächtnis bleiben? Um dies vor Augen zu führen haben wir die Datumsangaben in umgekehrte Reihenfolge gesetzt, beginnend mit 01.01.17. Ist es nicht absurd, dass es, während ich diese Frage beantworte, einen Terroranschlag in New York mit acht Toten gab? In ein paar Tagen wird keiner mehr den 31.10.17 mit einem Pick-Up Anschlag in Verbindung bringen. Eher, wo er Halloween gefeiert hat! Ich frage mich, was dies wohl für unsere Zukunft bedeutet? Wird es weniger Anschläge geben, da die für die Terroristen elementare, Aufmerksamkeit abgenommen hat? Oder eben noch mehr, um den Fokus wieder zu gewährleisten?

In "Kaltland" thematisiert Ihr den gemeinen Pegida-Demonstranten, der sich gegen alles fremdländische stellt. Sind sie nicht auch die Ungeliebten, oder zumindestUnverstandenen? Fehlt es diesen potentiellen Wählern extremer politischer Weltanschauungen nicht auch an Liebe?
Ich denke, dass es eben sehr oft Menschen sind, die ein Trauma in ihrer Vergangenheit nicht wirklich verarbeitet haben. Egal, ob es nun eine gescheiterte Beziehung, ein Jobverlust oder ein anderer Vorfall ist. Der Mensch neigt gerne dazu, die Schuld an seinem Unheil anderen in die Schuhe zu schieben. Es ist schlicht der einfachere Weg, da er sich dadurch nicht mit seinen eigenen Verfehlungen auseinander setzten muss. Kurzfristig fühlt man sich damit wohl. Es ist aber eben keine wirkliche Lösung, da unverarbeitete Probleme einen immer wieder einholen. Und so sitzt der Protagonist vor seinem PC, ungeliebt und ohne Job, und muss lesen, dass Flüchtlinge das Vierfache der eigenen Hartz-4-Bezüge und obendrein noch das neuste iPhone einfach so bekommen. Aus Neid wird Wut – völlig irrelevant, dass es ihm ohne die Flüchtlinge genau so scheiße gehen würde. Das diese Algorithmus-News durch seine "likes" auf populistischen Seiten dann natürlich genau der Wahrheit entspricht, die er gerne liest und damit seine Meinung stärkt, ist leider einer der vielen negativen Dinge des Internets. Nachvollziehbar also, dass diese Menschen dann "Lügenpresse" skandieren, weil solch schwachsinnige Unwahrheiten nicht in den normalen Medien erscheinen. Jeder bekommt dadurch dann die Wahrheit, die er gerne hätte. Das hat zur Folge, dass die Diskussionskultur im Netz ausstirbt. Viele versuchen ihren Standpunkt durchzudrücken, ohne dem anderen seine individuelle Meinung zu lassen oder gar zu akzeptieren, dass dieser eben auch eine eigene hat. Es wirkt alles wie eine Gegenwartsflucht aus dem realen Leben. Dieses dauerhafte Onlinesein hat zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt und trotz des mittlerweile eher sarkastischen Oberbegriffs "Social Media" haben Facebook, Twitter und Konsorten eben nicht wirklich dazu beigetragen, den Dialog zwischen den Menschen zu stärken.

Im Gegensatz zeigst Du in "Heimat" das Leben jener Menschen auf, die sich von ihrem bisherigen Leben verabschieden mussten. Was bedeutet für dich das Konstrukt Heimat?
Heimat ist eine ganz persönliches Gefühl für einen Ort, der mit all seinen eigenen Gefühlen, Erfahrungen, Gerüchen und Freunden Teil des Lebens war oder geworden ist. Dieser Gedanke prägt auch diesen Song. In einer Reportage über die syrische Stadt Homs habe ich erfahren, dass sie Heimat vieler weltoffener Menschen und daher auch Protesthochburg im Syrienkrieg war. An sieben Donnerstagen zwischen Februar und Mai gab es dort insgesamt sieben Feste. Das wohl schönste Fest war der "Donnerstag der Toten", der gleichermaßen von Christen und Muslimen gefeiert wurde. Die Bewohner haben nur den "Fehler" gemacht, Freiheit und Gerechtigkeit von der Regierung zu fordern, was von dem Regime mit der totalen Zerstörung beantwortet wurde. Heute stehen da nur noch Skelette von dem, was einst Häuser waren. Bis zum Krieg war dies ein wundervoller und farbenfroher Ort, der voller Leben war. Die Protagonistin in unserem Lied hat also alles verloren und ihr wird bewusst, dass ihr für das eigene Wohl und Überleben nur noch die Flucht in das Ungewisse bleibt. Ihre Heimat ist nun menschenleer, ihre Freunde, ihre Liebe, ihr Leben unter einer Staubschicht einer zerstörten Stadt verschwunden. Die heile Welt wird Nostalgie.

Anhand der behandelten Sujets auf "Love Ends" kann man davon ausgehen, dass die Flüchtlingsthematik Dich stark beeinflusst hat. Wie siehst Du die Haltung Deutschlands, sowohl politisch als auch gesellschaftlich, in dieser schwierigen Situation?
Ich finde aus menschlicher Sicht hat Deutschland richtig auf die Krise reagiert. Ein "Willkommen" hat immer mehr Wertigkeit, als ein von nationalistischen Parolen begleitetes "Wir wollen Euch nicht". Natürlich hätte vieles besser laufen können. Und ja: Dadurch sind auch einige, wenige Menschen hier gelandet, die andere Pläne haben, als nur zu überleben. Aber in meinen Augen sind es weniger deutsche Verfehlungen, als vielmehr ein europäisches Versagen. Für mich als Europäer war es abartig zu sehen, wie unter anderem Ungarn auf die Flüchtlinge reagiert hat – nämlich gar nicht. Gesellschaftlich hat dies unser Land offensichtlich verändert, da diese Krise ein Nährboden für Populisten und Nationalisten wurde, so wie man dies schon bei verschiedene Themen in der Türkei, in Polen, Großbritannien oder den USA beobachten konnte. So war es leider auch bei uns möglich, dass Populisten die Flüchtlingsproblematik mit Unwahrheiten und Übertreibungen für sich genutzt und damit die Gesellschaft geteilt haben. Aber man sollte nicht vergessen, dass es für politisch verfolgte Ausländer den Artikel 16a im Grundgesetz gibt. Damit wird das Asylrecht in Deutschland nicht alleine auf die Genfer Flüchtlingskonvention gewährt, sondern ist eben auch durch die deutsche Verfassung geschützt! So ein Gesetz macht uns zu Menschen und ist eine Errungenschaft unseres Landes, auf die wir wirklich stolz sein können – um einmal bewusst dieses missbrauchte Wort zu benutzen!

Erleben wir aber nicht dennoch einen Wandel der Werte, der eine explosive Stimmung heraufbeschwört?
Da bei der Bundestagswahl eben auch eine Partei, die voll von Populisten und Tatsachenverdrehern ist, viel Zuspruch erhalten hat, ist Hass und Fremdenfeindlichkeit wieder salonfähig geworden. Dadurch spürt man schon einen Wandel der Werte. Populisten haben es natürlich auch recht einfach, denn wohlklingende Parolen müssen eben keine Lösungen beinhalten. In einer, für viele Menschen komplexen, Welt hört sich "die Grenzen dicht machen" eben sehr gut an. Aber wir leben zum Glück in einer Demokratie. Eine Demokratie ist jedoch immer langsamer, da sie auf Kompromissen aufbaut und es deshalb  keine gut klingenden oder gar einfache Lösungen gibt. Viele Menschen besitzen durch ihr Filterblasen-Wissen eine verzerrte Wahrheit. Deshalb denke ich, dass man nie aufhören darf, die Unwissenden aufzuklären. Gleich, ob nun von Seiten der Politik, der Medien oder eben im privaten Rahmen. Ein Beispiel: Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich viele Menschen mit vielen verschiedenen Hautfarben. Aber ich mache mir keinerlei Gedanken, ob da eventuell ein Terrorist dabei ist, da das, was ich sehe, für mich einem völlig normalen Stadtbild entspricht. Der Blick eines fremdenfeindlichen Menschen auf exakt das gleiche Stadtbild wird aber ein anderer sein. Er wird an jeder Ecke Überfremdung sehen, auch wenn dieses Stadtbild dem vor der Flüchtlingskrise gleicht. Es ist also eine Kopf- und Einstellungssache.

Was, glaubst Du, kann jeder einzelne für ein friedlicheres Zusammenleben tun?
Zuhören. Diskutieren. Aufklären. Vielleicht weniger über Politik reden, sondern mehr über Werte. Vor allen Dingen aber die Menschen und Ihre Ängste – und seien diese auch noch so absurd – ernst nehmen! Jeder Mensch ist einzigartig und definiert Ängste grundsätzlich anders. Deshalb hat es mich nicht verwundert, dass auch hier eine Partei eine Menge Stimmen mit Angst-Themen gewonnen hat. Immer getreu dem Motto: "Mach den Menschen Angst und sie werden dir folgen". Das funktioniert im Internet hervorragend. Da teilen Menschen abwegige Artikel von zweifelhaften Seiten, wobei das tragische daran nicht nur das Verbreiten, sondern auch das Festhalten am Wahrheitsgehalt dieser Artikel ist, noch bevor sie hinterfragen, wer eigentlich hinter diesen Seiten steckt! Eine der größten Herausforderungen in den nächsten Jahren wird sein, diese Menschen mitzunehmen und deren Sichtweise zu ändern.

Mit "Mensch[en]" habt Ihr einen Song aus dem Album "Coma" neu eingespielt. Scheint gerade so, als hätte dieser Song eigentlich nur auf "Love Ends" gewartet...

Die erste Idee war eigentlich, dass wir "Mensch" so umbauen, damit wir es endlich einmal live spielen können. Der Song funktioniert bestens auf dem "Coma" Album,  war aber für einen Auftritt immer zu undynamisch. Als wir dann an der Neuinterpretation gearbeitet haben, ist uns bewusst geworden, dass "Mensch" lyrisch mehr denn je dem aktuellen Zeitgeist entspricht. Nach elf Jahren erstaunlich und traurig zugleich. Wie Du richtig erkannt hast, fügt sich "Mensch[en]" perfekt in das Albumkonzept ein. Aber erst nachdem der "Umbau" abgeschlossen war und die Musik perfekt mit der Lyrik harmonierte, wurde uns klar, dass "Mensch[en]" definitiv auf "Love Ends" gehört.

Apropos Konzept: Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass dieses Mal eine weibliche Computerstimme ziemlich markant in den verschiedenen Songs eingesetzt wird. Hat sie bereits einen Namen, wenn ihr schon so oft mit ihr arbeitet?
Es sind ja zwei "Damen", allerdings namenlose. Wir haben aber nicht geplant, wie oft sie zum Einsatz kommen. Das hat sich tatsächlich einfach so ergeben. Wir benutzen schon immer auf unseren Alben Stilmittel, die im Nachhinein eine wichtige Rolle eingenommen haben, ohne das dies vorher geplant war. Bei "The White Room" waren es die gezerrten Streicher, bei "Coma" unzählige Samples aus Computerspielen oder bei "Love Ends" eben diese nüchterne Computerstimme. Wir wollten diese Stimmen ganz bewusst nicht real klingen lassen, sondern nüchtern und emotionslos - so wie Computer nun mal sind. Merkwürdigerweise entstand durch diese kühle und distanzierte Stimme jedoch wieder etwas sehr bindendes. Bei "Heimat" hat die Stimme im Refrain etwas sehr warmes und vertrautes, um am Ende in nüchterner Navigationsart darauf hinzuweisen, dass das Ziel verloren wurde. Ohne eine alternative "Route". Ohne jegliches Bedauern. Ich meine aber, dass wir dieses Stilmittel mit Bedacht eingesetzt haben und es keine zu dominante Rolle auf dem Album einnimmt, aber trotzdem ein Merkmal von "Love Ends" ist.

Blicken wir noch auf Euer Artwork, das im Gegensatz zu Veröffentlichungen anderer Bands stets sehr liebevoll gestaltet ist. Dieses Mal sehen wir die Rückansicht einer Frau, die auf eine Stadt an einer Küste blickt. Da die Wahl der Bilder bei NOYCE™ ja nie zufällig geschieht, interessiert es uns natürlich, wie es zu diesem Foto gekommen ist.
Wie bei der Musik, wo es ein Sound sein kann, der ein Gefühl oder eine Idee für ein Lied vorgibt, ist es mir auch wichtig, dass das Visuelle dem Betrachter etwas über den Inhalt vermittelt. Bei "The White Room" war es diese entblößte Frau vor einen kahlen Wand. Obwohl es keine Begrenzungen gibt, wirkt es bedrückend wie eine Zelle. Eben wie ein weißer Raum. Bei "Coma" war es das Widersprüchliche. Schreit diese Frau? Ist sie verzweifelt? Ballt Sie eine Faust? Oder schließt sie sanft die Hand während sie singt in ihrer verletzlichen Nacktheit? Bei "Un:Welt" war es es der surreale "zweite Blick" auf die Freiheitsstatue, wenn auffällt, dass die Flamme erloschen ist und das World Trade Center noch steht. Bei "Love Ends" faszinierte mich die Rückansicht dieser einsamen Frau, die auf das Meer blickt. Das Meer kann sehr beruhigend auf Menschen wirken. Diese Stadt gegenüber empfand ich von Anfang an als eher störend, kalt und in meinen Gedanken menschenleer. Ich hatte allerdings auch den Vorteil zu wissen, was für Musik sich auf dem Album befindet. Daher habe ich das Bild von Anfang an anders interpretiert. Am Ende ist es aber gar nicht so wichtig, wie ich dieses Bild sehe. Wenn jemand das Cover als Urlaubsbild versteht, ist das absolut in Ordnung. Ich vermute aber, dass vom Artwork wieder eine ganz andere Wirkung ausgehen kann, nachdem er oder sie unsere Musik gehört hat. Wir mögen diese Art von Kontrasten.

Zum Schluss von "Love Ends" fragst Du: "Ist dies nun das Ende?", und die weibliche Computerstimme antwortet: "Die Liebe endet, aber die Hoffnung bleibt". Ist also doch noch Licht am Ende des Tunnels zu sehen?
Gibt es wirklich Hoffnung, wenn es keine Liebe mehr gibt oder eine maschinelle Stimme mit einer vorgefertigten Antwort "Hoffnung" vorgaukelt? Auch hier entscheidet der Hörer individuell, wie das Album für ihn endet und lässt damit den von uns gewünschten Raum zur Selbstreflektion.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 04.12.17 | KONTAKT | WEITER: HENDRIK OTREMBA "ÜBER UNS DER SCHAUM" >

Website
www.noycetm.de

FOTOS © SIMONE HORN

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