STEINER & MADLAINA "WÜNSCH MIR GLÜCK": BITTERE PILLEN MIT WEISSWEINSCHORLE RUNTERGESPÜLT - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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STEINER & MADLAINA "WÜNSCH MIR GLÜCK": BITTERE PILLEN MIT WEISSWEINSCHORLE RUNTERGESPÜLT

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Der Name dieses Duo ist natürlich des Klanges wegen ausgesucht. Sie hätten sich auch Nora & Pollina nennen können. Das würde zumindest einige Kenner der Singer-/Sogwriterszene aus dem alpenländischen Raum triggern. Denn neben der wunderbaren Nora Steiner steht Madlaina Pollina, Sproß (oder wie sagt man gendergerecht? Spröß*in?) der musikalisch unglaublich beschlagenen Pollina-Dynastie. Vater Pippo Polina, hochdekorierter Musiker und Kabarettist, hat mit den bayerischen Musikern Werner Schmidbauer und Martin Kälberer das regional sehr beliebte, zweiteilige "Süden"-Album aufgenommen. Und Bruder Julian baut sich gerade unter seinem alias Faber eine veritable Sängerkarriere auf.

Da ist Scheitern ja eigentlich gar keine Option! Auf der anderen Seite muss man sich aber auch keine große Sorgen machen. Denn bereits Steiner & Madlainas Debüt "Cheers" wurde von der Presse teilweise enthusiasmiert besprochen. Rückblickend betrachtet befanden sich die beiden Freundinnen, die sich seit ihrer Schulzeit kennen, mit "Cheers" noch auf der Suche nach ihrer Form. Deutsche und englische Texte wechselten sich ab, und sogar eine Nummer auf Schwyzerdütsch wurde ausprobiert. Auf "Wünsch mir Glück" hat sich das Hochdeutsche endgültig durchgesetzt.

Die klare sprachliche Form bringt die Sicherheit für den Inhalt, den man mit einem Zitat aus dem Song "Wenn ich ein Junge wäre (ich will nicht lächeln)" zusammenfassen kann. Unter rock-poppigen Gitarrensound mit NDW-Kante fragen sie nämlich: "Wer bestimmt das Rollenbild der Frauen?". Die Antwort liefern sie in Form des gesamten Albums: Sie selbst sind es.

Und ihr Rollenbild ist ein ganz und gar radikales. Da wird in "Prost, mein Schatz" auf das Ende einer anscheinend sowieso schon enttäuschenden Beziehung angestoßen. "Ich schenke ein und dir kein Lächeln mehr" ist ein zentraler Satz, der viel über das weibliche Selbstbewusstsein aussagt. Hier verkommt "sie" nicht zu einem schwachen, trauernden Frauchen, sondern tritt gebrochen, aber dennoch gestärkt aus dieser Lebenskrise hervor.

Dieses Selbstverständnis schließt auch die eigenverantwortliche Fahrt in die Tragödie ein. "Wenn Du mich wie eine Frau berührst, mich mit Humor verführst, will ich heute dir gehören, ich habe Lust mich zu zerstören". Die sinnlich-schummrigen Gitarren transportieren in "Denk was du willst" eine neue Form der Romantik, in der die Frau die Fäden in den Händen hält und das Schicksal lenkt. Und sie erkennt im Titelsong, dass loslassen manchmal besser ist als festhalten.

Ausgehend von diesem unumstößlichen Selbstbild gehen Steiner & Madlaina auch hart ins Gericht mit ihrer Generation. Ob es daran liegt, dass sie als Schweizerinnen den dekadenten Lifestyle nur zu gut kennen (und diesen bereits im Song "Das schöne Leben" aus ihrem Vorgängeralbum ziemlich abgestraft haben)? Jedenfalls eröffnet "Es geht mir gut" das aktuelle Werk mit einer Weißweinschorle trinkenden Protagonistin, die sich den Problemen der Welt entzieht und lieber "bei 40 Grad im Schatten" bleibt. Diese bitteren Pillen der Wahrheit verabreichen Steiner & Madlaina stets mit einem gegensätzlich wirkenden Sound, die eine "melancholischen Unbeschwertheit" enthält.

Und als selbstbewusste junge Frauen, die Nora und Madlaina zweifellos sind, deuten sie das Spiel der Geschlechter in "Cassanova" komplett um. Denn sie tritt in die Rolle der Liebestollen, verführt den Mann, gibt ihm einen Drink aus, legt sich für ihn ins Zeug. Und sie erteilen auf augenzwinkernde Art und Weise in "Ciao Bella" dem dauergeilen Hengst und Macho mit Käsefüßen eine Absage.

Natürlich lebt "Wünsch mir Glück" aber nicht zuletzt auch von der musikalischen Finesse der Stücke, die sich irgendwo zwischen schummrigem Blues, unbeschwertem (Folk)-Rock und Nick-Cave-Niedergeschlagenheit bewegt. Zusammen mit Leonardo Guadarrama (Schlagzeug), Nico Sörensen (Bass) und Max Kämmerling (E-Gitarre) gelingt dem Frauen-Duo ein erdiger Zweitling, der jetzt schonin allen Belangen zu den wichtigsten Alben dieses Jahres gezählt werden darf.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.02.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 3/21>

Webseite:
www.steiner-madlaina.com

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COVER © GLITTERHOUSE RECORDS/INDIGO

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