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VAZUM "V+" VS. KILL SHELTER & ANTIPOLE "A HAUNTED PLACE" VS. DAUGHTER OF DAWN "CRUSHED INTO DUST BY THE WEIGHT OF THE WORLD": TIEFER INS VERDERBEN

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Deathgaze, so verrät es die allseits bekannte Suchmaschine mit den bunten Buchstaben im Internetz, ist eine japanische Metalcore-Band mit Visual-Kei-Kante. Deathgaze ist aber auch das, was das Duo Vazum als ihren Stil bezeichnen. Wie es der Titel verrät, überkreuzen Zach Pliska und Emily Sturm Shoegaze und Death-Rock zu einem energetischen Monstrum, der aber gar nicht so ungewöhnlich klingt, wie man anfangs vielleicht vermuten mag.

Vazum existiert seit 2017 und hat es in dieser Zeit auf stolze fünf Alben in Eigenregie gebracht. Folglich ist "V+" nun das sechste. Angesichts dieser hohen Veröffentlichungsdichte mag vielleicht die Skepsis vorherrschen, dass die Qualität der Songs darunter leidet. Au contraire: Die Chemie zwischen Zach und Emily ist anscheinend dermaßen perfekt eingestellt, dass hier Synergien frei werden, die auch "V+" zu einem soliden und abwechslungsreichen Album machen.

Die beiden verändern die Anteile ihrer Zutaten mit jedem neuen Song, sodass man zwar am Ende immer wieder Vazum als Band wahrnimmt, die Stimmungen und Atmosphären der einzelnen Stücke sich jedoch deutlich voneinander unterscheiden. "The Familiar" gibt sich beispielsweise anschmiegsam gotisch-einprägsam, und "Loved 2 Death" erinnert mit seinen Gitarrenwänden und dem wirbelnden Schlagwerk an The Killing Joke während ihrer kommerziell erfolgreichsten Phase in den mittleren 1980ern. Dagegen arbeiten "Razor Smile" und vor allem "Unspoken" den Metal-Anteil ihrer Kompositionen deutlich heraus.

Durch den ständigen Gesangswechsel - sie harmonieren als Duett, stehen aber auch solo stimmlich "ihren Mann" - erhalten die Songs eine zusätzliche Dynamik und emotionale Tiefe. Tatsächlich hätten sie das Zeug, schummrig-traurige Kleinode wie einst Lee Hazlewood und Nancy Sinatra zu kreieren. Ansatzweise gelingt ihnen das auch. Vor allem der ständige Wechsel zwischen ihren beiden Organen innerhalb der Strophen wie in "Save Yourselves" ist hervorzuheben und der krönende Abschluss eines beeindruckenden Albums.

Es ist leicht, sich vorzustellen, welches Glücksmoment man als Musikerin oder Musiker erfahren muss, wenn einem eine markante Melodielinie glückt. Wie sich wohl die Mannen von Deep Purple gefühlt haben, als sie die Vier Akkorde für ihren Welthit "Smoke On The Water" entdeckten? Ob Kill Shelter & Antipole ähnlich euphorische Gefühle bei ihrem Stück "Raise The Skies" durchlebt haben, ist nich bekannt. Ihr Leitmotiv jedenfalls eröffnet ihre erste gemeinsame Platte "A Haunted Place" und steckt damit bereits sehr präzise die musikalische Welt der beiden Musiker ab.

Hinter Kill Shelter verbirgt sich der Brite Pete Burns, Antipole wird vom Norweger Karl Morten Dahl geleitet. Beide kennen sich aus früheren gemeinsamen Projekten und sind fester Bestandteil der weltweit prosperierenden Post-Punk-Szene. Ihre Kontakte zu namhaften Bands wie Hante., She Past Away oder Agent Side Grinder, für die sie unabhängig voneinander Remixe beigesteuert haben oder sie zu Gastauftritten bewegen konnten, sind sicherlich nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen.

So inkludiert "A Haunted Place" natürlich Dahls und Burns' Vorstellung von schwermütigem Rock, der aber auch die aktuellen Strömungen eingedenkt, ohne diese gewaltsam nach vorne zu drücken. Denn auch wenn "Raise The Skies" der perfekte Opener ist und auch "Burn Bright" sich offenkundig um die Gunst der Hörerschaft bemüht, wird bereits bei "Into The Fire" deutlich, dass es das Zweiergespann nicht unbedingt auf effektvoll arrangierte Moll-Nummern abgesehen haben.

Kill Shelter & Antipole lieben das Nebulöse. Stringente Basslinien bilden das Fundament, auf dem lamentierende Gitarren und verschwommene Synthieparts eine niederschmetternde Atmosphäre kreieren. Burns' Gesang wirkt wie in "All For Nothing" teilweise körnig, verschmilzt mit der wabernden Komposition. Es ist unüberhörbar, dass die beiden sich in ihren Songs nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens aufhalten. Verlust, Isolation, Einsamkeit und die Fragilität der menschlichen Existenz sind die Themen, die das Duo umtreiben, und die sie mit einer melancholischen Grandezza ausfüllen.

Nach acht Songs ist diese Zusammenarbeit bereits wieder zu Ende, aber es bleibt zu hoffen, dass es nicht bei diesem Strohfeuer bleibt. Kill Shelter & Antipole funktionieren gemeinsam nämlich wunderbar und sollten sich zukünftig tunlichst nicht aus den Augen verlieren, um diese äußerst fruchtbare Zusammenarbeit fortzusetzen.

In seltenen Fällen ist die Musik nicht nur Tröster, sondern sogar Lebensretter. Im Falle von Emma Goldman Grey, die bereits seit ihrer Teenagerzeit Musik macht und mit Malachi, Contentious und Hive brutalstmöglichen Metal spielte, ist sie buchstäblich der rettende Anker in ihrem Leben. Denn Emma setzt sich seit Jahren mit ihrer Trasnssexualität auseinander, ja, litt sogar so stark darunter, dass sie 2015 kurz davor war, sich das Leben zu nehmen. Dies konnte jedoch verhindert werden.

Von diesem Tiefpunkt an beginnt Emma jedoch, ihr Leben zu ändern. Sie unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung und beginnt als Daughter Of Dawn eine neue musikalische Reise. Diese führt sie weg vom ultraharten Metal, hin zu einem sphärischen Ambient-Pop mit. Die sich in kaleidoskopischen Farben auflösende Gitarre auf dem Cover ihrer ersten EP "Crushed Into Dust By The Weight Of The World" lässt bereits erahnen, dass das Saitenspiel eine neue Wichtigkeit beigemessen wird und Melodien in die Transzendenz überführen.

Und trotz des überaus abgründigen Titels wirkt das Album alles andere als lebensmüde. Eher scheint sich die Musikerin endlich selbst zu finden, ein inneres Gleichgewicht zu bekommen. Die Songs schweben in sanften Wogen durch den Raum, Emmas Gesang wirkt betörend und beruhigend zugleich. Auch wenn man das Leid und ihre tiefe Zerrissenheit in jeder Note wahrnimmt, strahlen die fünf Stücke keine Spur von Bitterkeit aus. Vielmehr beginnt Emma als Daughter Of Dawn endlich, ihr Leben authentisch zu leben.

Auch wenn sie vom "Liminal Space In Which I Reside" singt, von der Zwischenwelt, in der sie sich bewegt, scheint sie diese Sonderrolle mit Stolz und einer inneren Gelassenheit auszufüllen, die auch beim Hörer ankommt. Daughter Of Dawn ist das Ergebnis einer Künstlerin, die nach Jahren des Zweifels und der Suche nach einem wahrhaftigen Leben endlich den inneren Frieden gefunden hat und diesen nun in so wunderbare Noten packt und der Welt damit eine tiefenentspannte EP liefert, bei dem selbst ein sonst lästiger Autotune-Effekt in "Scrutiny Under The Blinding Light" Sinn macht.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 06.08.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 13/21>

Webseite:
vazum.bandcamp.com
killshelter.bandcamp.com
antipole.bandcamp.com
daughterofdawn.bandcamp.com

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Cover © Vazum, Manic Depression Records (Kill Shelter & Antipole), Kalamine Records (Daughter Of Dawn)

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