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MANTUS "MELANCHOLIA": TRISTESSE OBLIGE!

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Mit dem Weltschmerz ist es so eine Sache. Allein der Begriff – geradezu typisch deutsch!

Nicht nur die Engländer, sondern auch die Spanier oder Portugiesen übernahmen ihn eins zu eins in ihren Wortschatz, da sich in ihrer jeweiligen Muttersprache einfach keine treffende Übersetzung finden ließ.

Die seltsame Neigung, scheinbar grundlos traurig zu sein und sich dieser totalen Tristesse mit jeder Faser seines Körpers lustvoll hinzugeben, gehört spätestens seit Dichter-und-Denker-Zeiten zu den besonderen Eigenarten unseres bevorzugt schwarzmalenden Völkchens.


So verhandelte Poet Andreas Gryphius bereits im 17. Jahrhundert das bittersüße Vergehen von Welt und Wesen, und Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg a.k.a. Novalis brachte rund hundert Jahre später seine eigene Todessehnsucht in höchst eindringlichen Zeilen aufs Papier.

Für Martin Schindler dürften diese schillernden Meister der Vergangenheit nicht nur Brüder im Geiste, sondern längst auch treue Begleiter in Kunst und Leben geworden sein.

Denn der kreative Kopf des Gothic-Projekts Mantus taucht mit seinem aktuellen Werk einmal mehr in eine düsterromantische Szenerie furchtlos grauer Farbschattierungen ab.

Das Album trägt seinen plakativen
Titel nicht ohne Stolz vor sich her: "Melancholia".

Auf dem Cover grüßt denn auch der sinnige Totenschädel; das Vanitas-Motiv schlechthin. Vor den leise bröckelnden Steinen der Vergangenheit von blumigem Grabesschmuck umrankt, entführt er selbst kunstresistente Gemüter in die Kulturgeschichte der Schwermut. Auch die biblische Schlange, mystisches Symbol für Leben und Tod zugleich, darf sich leise wispernd durch die Szenerie bewegen.


Mantus winken an dieser Stelle nicht bloß mit dem Zaunpfahl;
sie haben als unübersehbares Statement einfach mal den kompletten Zaun aufgestellt.

Kritische Stimmen werden spätestens hier die vorhersehbare Frage stellen, ob dieser Gestus am Ende nicht doch ein bisschen zuviel des Guten ist.

Das weiß auch Martin Schindler – und eröffnet seinen melancholischen Reigen deshalb mit einem Song, der als unerschütterlich solides Fundament seine konsequent düstere Lebenseinstellung bekräftigt. "Ich sah' Euch kommen und geh'n, nun 15 Jahre lang, wurde gehasst und geliebt, bis in den Untergang", bringt er in "Die Welt zerbricht" seine musikalische Karriere auf den Punkt.


Tatsächlich gilt für Mantus der Ausspruch: "Entweder man liebt sie, oder man hasst sie".

Der Grund hierfür liegt in der strukturellen Einfachheit ihrer Texte begründet, die auf verkrampfte Lyrik verzichten und bevorzugt in schlichten Paarreimen gehalten sind.

Allen Unkenrufen zum Trotz, zählen Mantus nun schon seit rund 15 Jahren zum festen Repertoire der Schwarzen Szene (kurze Auszeit inklusive). Es kann also nicht wirklich alles schlecht sein, was Martin komponiert.

Anlässlich des Jubiläums gedenkt "Melancholia" übrigens auch der Mantus-Klassiker, wie beispielsweise dem ersten Szene-Hit "Wir warten auf den Tod", der auf der zweiten CD in
neuem musikalischem Gewand zu hören ist.

Gerade weil der gitarrenwandig melodietrunkene Goth-Rock in seiner transparenten Struktur fast schon schlageresk gehalten ist, besitzt er einen unglaublichen Wiedererkennungswert.

In dieser Einfachheit liegt die eingängige Zauberformel des Projekts begründet.


Besonders "Auf Papier" und "In der Gegenwelt" brennen sich nach dem ersten Durchlauf sofort in den Gehörgang. Letztgenannter Titel kommt einer verbindlichen Handreichung schwarzen Lebenswandels gleich: "Wir verströmen Blasphemie aus Verstand und Poesie", lauten die markigen Worte im Refrain.

Martin hat sich den naiv rebellischen Charme eines Teenagers bewahrt: Aus seinen Texten spricht noch immer der unbändige Wunsch, die Welt mit Worten zu einem besseren Ort zu machen.


Noch einmal sei der Song "In der Gegenwelt" zitiert, in dem mahnend die "Nazis, die man nicht mehr erkennt" besungen werden und der Frontmann seine Hörerschaft dazu auffordert, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen: "Viel zu lang haben wir Legenden nachgeweint".

Befasst man sich einmal eingehender mit Mantus, wird klar, dass der Chefdenker seine Tristesse zwar mit gehörigem Pathos zur Schau stellt, aber dabei nie in eskapistischer Resignation verharrt, sondern aufbegehrt und bewegt: Er ist ein Stürmer und Dränger - im dunklen Gewand.

Während sich viele seiner Kollegen mittlerweile dem Zynismus verschrieben haben, glaubt Martin Schindler nach wie vor an das Heilsame im unerklärlichen Trübsinn. Und das ist dieser Tage eine echte Wohltat!

||TEXT: DANIEL DRESSLER / ANTJE BISSINGER  | DATUM: 04.04.15 |  KONTAKT |  WEITER: THEN COMES SILENCE "NYCTOPHILIAN" >




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Website
www.mantus.de


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