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ANIQO "EARTH, LOVE & VARIATIONS": GUT SO WIE ES IST

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Verträumt, friedlich und fast schon zu kitschig schön beginnt Aniqos Zweitling "Earth, Love & Variations" - und er endet auch so. "I Know" eröffnet den transzendenten Reigen mit zartem Vogelzwitschern, "The Sense Is A River" schließt die Meditation über Liebe und Selbstfindung mit selbigem ab. Wie bereits beim Vorgänger "Birth" stehen Anfang und Ende des Longplayers als sinnstiftende Klammer eines Albums, dessen atmosphärische wie thematische Ausrichtung dieses Mal überraschen. Vor allem, weil sie den künstlerischen Reifeprozess der Musikerin Anita Goß, wie Aniqo bürgerlich heißt, freimütig offenlegt.

War "Birth" noch von einer stillen bis aufbrausenden Melancholie durchzogen, klart es nun in den Stücken auf. Bereits bei "Time To Heal", einem sich langsam aufbauenden, schwebenden Stück Art-Pop, hören wir einer neue Aniqo zu. Sie singt über das Verliebtsein, erst zärtlich, später fast inbrünstig, verhallt schmetternde Trompeten gesellen sich zum wolkigen Klang und lassen die Nummer jubilieren. Diese dem Licht zugewandte Stimmung beherrscht den Großteil der neuen Kompositionen.

Ebenso wird in "The Turn" mit sanften Streichern und drängenden Rhythmen die Aufbruchsstimmung des Textes perfekt untermalt. Die Dringlichkeit intensiviert Anita durch ihren sich öffnenden Gesang. "We're ready. It's time for the turn", stellt sie fest, und man glaubt ihr jedes Wort. Die positive Kraft, die von dieser Halbballade ausgeht, wirkt we ein Balsam für empfindsame Seelen, die in den Wirren unserer Gegenwart den Kompass und die Hoffnung verlieren. "The Turn" verleiht Kraft und Zuversicht.

Wie bei all ihren Songs geht es dabei nicht um eine definierte Geschichte, sondern um Stimmungen, die Hörerinnen und Hörer für sich entschlüsseln sollen. Deswegen ist es auch legitim, ja, sogar sehr geschickt, in "Constructed Reality" die kuschelweiche Stimmung, die bislang herrschte, zu durchbrechen. Der Song ist ein Störfeuer und hinterfragt die harmoniesüchtigen Songs, welche zuvor zu hören waren. Verzerrte Gitarren brausen auf, wuchtige Trommeln ertönen, über Anitas Gesang werden dissonant verzerrte Stimmen gelegt.

Das nachfolgende "Dreams Of Reality" ist die direkte Antwort auf das zuvor aufgebaute klangliche Chaos. Voll von berührender Intimität und dem liebevoll-wehmütigen Blick zurück auf die Kindheit und Jugend fühlen wir Aniqo so nah wie selten zuvor. Wo vorher noch die Realität konstruiert wurde, speist sie sich in "Dreams Of Reality" aus den schwelgerischen Erinnerungen der Musikerin.

Am Ende richtet sich Anitas Blick in "Sun Of God" auf uns alle.  "You are rich" singt sie wiederholt und meint damit den Reichtum unserer Seele. Es ist einer der schönsten Momente auf "Earth, Love & Variations", weil sie so viel Wahrheit in sich trägt. Wir sind alle gut, so wie wir sind. Wir müssen uns nicht verstellen oder irgendwelchen Rollen genügen, sondern nur uns. Zugegeben: Das klingt ein bisschen nach Lifecoach und Kalenderspruch. Es tut aber verdammt gut, wenn einer einem das sagt - und bei Aniqo werden diese Erkenntnisse mit einem liebevollen Lächeln vorgetragen, während ihre Stimme einen sanft um die Wange streichelt.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Aniqo ist meilenweit davon entfernt, ein in Töne gegossenen esoterischen Ratgeber zu veröffentlichen. Das einzige, was sie gemacht hat: Sie öffnet sich uns und zeigt sich intim, verletzlich, aber auch ein Stückchen mehr bei sich angekommen. Und sie hat sich mit der Erde verbunden, ohne dem eine Hinwendung zur Transzendenz nicht möglich ist. Aniqo fliegt durch ihre Lieder wie unseren gefiederten Freunde durch die Lüfte.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 06.11.26 | KONTAKT | WEITER: WHOLE VS. BLESSED CHILD OPERA>

Webseite:
www.aniqomusic.com

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