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14/20: OXEN, WLADYSLAW TREJO, VOGON POETRY, SCENIUS, RETROJUNKIES - EINMAL MIT ALLES

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Bevor es auch für UNTER.TON in die Winterpause geht, reichen wir dem geneigten Leser noch einen bunten Strauß an wohlfeilen Melodien und knackigen Melodien dar.

Zusätzlich haben die schwedischen Indie-Rocker von Oxen noch einen Tipp parat: "Buy A Dog"! Dem besten Freund des Menschen kommt hier eine besondere Rolle zu als ein kompromisslos liebendes Wesen, selbst wenn der Besitzer alle Marotten dieser Welt besitzt. Diese und andere Lebensbeobachtungen packen Oxen in ihrem neuen Album, das sich eines Indie-Pop-Verständnisses bemächtigt, welches die feinen Melodien aus den 80ern und die Kantigkeit aus den 90ern vereint. Manchmal klingt ihre Musik verträumt und wie hinter Milchglas ("Loop", "Flaws"), an anderer Stelle schießt sie pfeilschnell aus den Boxen mit entsprechender Wave-Attitüde ("Dark And Depressive"). Vermarktungstechnisch geschickt gelegt ist natürlich ihr Opener mit dem wunderbaren Titel: "Indie Dreams", ein potenzieller Hit für genannte Szene. Schließlich ist ihr zweiter Streich ein ganz und gar alternatives Klangvergnügen, das vermeintlich goldene Zeiten wieder aufleben lässt. Das alles geschieht natürlich auch mit der nötigen Portion Humor, die sich an jeder Ecke der wortwörtlich kurzweiligen Platte aufhält und nur darauf wartet, vom Hörer erfasst zu werden. Damit bestätigen Oxen ihren positiven Trend, den sie bereits im Debüt "Postpone And Forget" angedeutet haben. Das Duo Erik Hases und Stefan Söderqvist wühlen sich durch die Indie-Historie der letzten 35 Jahre und kommen aber dabei, entgegen ihres Titels, nicht auf den Hund.

Man muss schon einiges an Zeit mitbringen, um unter den vielen musizierenden Menschen die besonderen zu finden. Manchmal, und das erfreut den Autor dieser Zeilen mit schöner Regelmäßigkeit, sind es die Musiker(innen) selbst, die UNTER.TON anschreiben und Ihre Werke anpreisen. Wie Wladyslaw Trejo, einem spanischen Musiker, der eigentlich bei Slovenska Televiza eine etwas gemäßigtere, vom Synthie-Pop beeinflusste Elektronik präsentiert. Auf "Es una Bestia" werden die Sägezahnmelodien schroffer, die gesamte Atmosphäre der Stücke expressiver und unheimlicher. Und Wladyslaw selbst singt wie ein Delirierender, der mit außerkörperlichen Erfahrungen zu kämpfen hat. Die fünf Songs dieser EP sind monoton, minimal und reißen wie bei "Tu Intimidad" nicht einmal mehr die Zwei-Minuten-Hürde. "Es Una Bastia" klingt wie eine im Eiltempo erdachte Musik, in der die Unmittelbarkeit des Moments das wichtigste Stilmittel zu sein scheint. Das könnte "Movida" und dem Titelsong durchaus einige Clubeinsätze bescheren, denn hier verdichtet sich die musikalische Radikalität Trejos zu einem explosiven Gemisch, bei dem die Beats wie kleine Detonationen den Körper erschüttern. "Es una Bestia" treibt einen in die Psychose und macht aus Paranoia diskothekentaugliche Musik. Sicherlich ist dies nicht zwingend neu, aber die Energie, mit der Wladyslaw Trejo seine Stücke vorantreibt, ist mehr als bemerkenswert.

Wenn man über Synth-Pop redet, kommt man an Schweden einfach nicht vorbei. In diesem Land hat sich eine Szene etabliert, die Ihresgleichen sucht. Um so erstaunlicher, dass bei der Menge an Bands es nie langweilig wird. Denn wenn Vogon Poetry sicherlich in einem Atemzug mit Colony 5, Elegant Machinery oder auch den legendären S.P.O.C.K. genannt werden können, zeigen sie auf ihrem vierten Album "Deep Thought", dass sie in der Lage sind, eine eigene Persönlichkeit auszuformen. Diese zeigt sich in einer bewussten Abkehr eines überproduzierten Sound. Vogon Poetry schälen einige Tonschichten ab, vermeiden pathetisch-schwülstige Nummern, fallen aber gleichzeitig nicht in einen analogen Anachronismus. So wirken die Songs auf "Deep Thought" transparent und suchen wie bei "Passion" die perfekte Schnittstelle zwischen klanglichem Minimalismus und exaltiertem, ja, fast schon soulig zu nennenden Gesang. Dazwischen lassen Stücke wie "Miliways" - inspiriert von Adams' "Per Anhalter durch die Glaxis" - den untrüglichen Willen zu fluffigen Melodiebögen erkennen. Dieses Stück ist prototypisch für die schwedische Interpretation elektronischer Klangerzeugung: Klarer, jubilierender Gesang, Arpeggio, gerader Beat. Damit gehen Vogon Poetry auf Nummer sicher, bleiben aber ansonsten herrlich experimentierfreudig, was schlussendlich ein kantiges Instrumental wie "The Nightflyer" - 90er Breakbeats und Sprachsamples inklusive - hervorbringt. Und mit "Tankar" singen Vogon Poetry auch noch in Schwedisch. Kein Zweifel: "Deep Thought" gehört zu den vielschichtigsten Alben der Band.

Mit Scenius betritt ein Duo die Bühne, von dem einer schon eine beeindurckende Vita aufweisen kann. Steve Whitfield gehört zu den bekanntesten Produzenten in der Schwarzen Szene und hat unter anderem mit The Mission und The Cure zusammengearbeitet. Zuletzt machte er als Gitarrist und Sänger bei der Post-Punk-Formation Klammer von sich Reden. Von etwaigen tiefer gestimmten Gitarren oder höllisch heiß brodelnden Bassläufen will er aber bei Scenius gar nichts wissen. Zusammen mit dem Franzosen Fabrice Nau schwenkt er einfach mal in das Fach elektronische Musik um und haut mit "Enough Fears" ein Album raus, das so selbstverständlich zu sein scheint, als ob der Mann Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht hat, als an den Korgs, Moogs, Oberheims und Casios dieser Welt rumzuschrauben und ihre Knöpfchen zu drücken. Da klingt der Titelsong dank Fabrices heller Stimme fast schon wie ein verschollenes Stück von OMD. Aber eben nur fast, denn Scenius weisen bei aller Retroness ein glasklar produziertes Album vor, das sich der Nostalgie zwar bedient, ihr aber nicht heillos verfällt. Schade nur, dass ihr erstes musikalisches Lebenszeichen "Glass Rain" hier nicht vertreten ist. Vielleicht, weil der technoide Beat dann doch zu sehr aus dem insgesamt eher im Mid-Tempo gehaltenen Werk ausbricht. Besonders sei das französischsprachige "Superposés" ans Herz gelegt, welches das komplette Klangverständnis von Scenius auf seine Quintessenz eindampft. Ein kleines Meisterwerk innerhalb einer bemerkenswerten Platte.

Last but not least - und weil bald Weihnachten ist - lassen wir die Liebe in unser Herz. Oder besser gesagt: in den Computer. Denn die schrulligen Retrojunkies veröffentlichen nach ihrem ersten Album "Neuland 1.0" von 2019 nun "Computer sucht Liebe 2.0". Wobei es weniger um die Frage nach "Computerliebe" geht (das haben ja Kraftwerk schon 40 Jahre früher zur Genüge und adrett durchdekliniert). Stattdessen sehnen Mastermind 8bitjunkie alias Thomas Schulz sowie die beiden Sängerinnen Jenny Erdmann und Iris Rufner eine vermeintlich sorgenfreiere Zeit herbei. "Wir Kinder der 80er" glorifiziert das unkaputtbare Popjahrzehnt, "Durch die Nacht" frönt dem dekadenten Tanz, und "Herz aus Chrom 2" beginnt mit putzigem Hörspielintro. Welle:Erdball und Kontrast kommen einem da unweigerlich als Vergleich in den Sinn. Allerdings muss man sich in die Retrojunkies erst einmal reinfuchsen ob der starken gesanglichen Limitierung von Thomas. Jedoch gewinnt das Album zunehmend an Sympathie, weil es eben so ist wie es ist: unperfekt, vielleicht auch ein bisschen nerdig in seiner Themenwahl und geradezu kindlich naiv in der Lyrik. Retrojunkies wirken so unschuldig und voller Freude, wenn sie musizieren. Das macht sie auch zu Sympathieträgern, denen man die kleinen gesanglichen Schwächen gerne nachsieht. Denn was nützt eine in allen Bereichen perfekte Platte, wenn am Ende die Leidenschaft fehlt? Auf "Computer sucht Liebe 2.0" findet man jedenfalls jede Menge davon.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.12.2020 | KONTAKT | WEITER: THE SEA AT MIDNIGHT VS. THE WAKE VS. NERO KANE>

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Covers © harmoni/Secretly Noord (Oxen), Polytechnic Youth (Wladyslaw Trejo), Audite Records (Vogon Poetry), MMXX Records (Scenius), Zoundr (Retrojunkies)

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