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THYX "SUPER VISION": 1984 IST JETZT!

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Beim Thema Privatsphäre, respektive ihrer Wahrung, verhält sich der bundesdeutsche Bürger äußerst schizophren. Auf der einen Seite geht dem mürrischen Deutsch-Michel die Schlappmütze hoch, wenn seine Regierung es wagt, eine vergleichsweise harmlose Volkszählung durchzuführen. Andererseits stellt er bereitwillig seine kompletten Daten diversen Internet-Shops zur Verfügung und gibt fröhlich-naiv auch noch jedes kleinste Detail aus seinem Leben der virtuellen Öffentlichkeit preis. Was waren wir empört, als die Amerikaner das Kanzlerinnen-Mobiltelefon anzapften. Shocking! Dass die NSA aber vor allem Informationen über den gemeinen Bürger ungefragt einholen konnte? Kaum einen Protest wert. Vielleicht erscheint "Super Vision", das dritte Album von Thyx, deshalb auch als zynische Bestandsaufnahme einer Welt, die von der "Matrix"-Science-Fiction längst unterwandert worden ist.

Dass Mind.In.A.Box-Chef Stefan Poiss dieses Thema liegt, ist offensichtlich (Interview hier). Mit seiner Hauptband erzählt er die Geschichte von Black, der von einer gewissen "Agency" gejagt und beschattet wird. Das alles spielt in ferner Zukunft. Bei "Super Vision" allerdings beschleicht den Hörer das ungute Gefühl, dass der Orwell'sche Überwachungsstaat gar nicht mehr so weit weg ist. Die blutverschmierte Hand auf dem Cover, die durch ihre Lupe einen Menschen aus der Menge beobachtet, das einleitende Zitat des großen Utopisten im Booklet ("Freedom Is The Right To Tell The People What They Do Not Want To Hear") – all das lässt keinen Zweifel daran, dass dem Musiker dieses Problem wirklich unter den Nägeln brennt.

Jedoch ist "Super Vision" weit davon entfernt, ein moralinsaures Werk zu sein. Es liegt wohl in der Natur des Österreichers im Allgemeinen und des Wieners im Besonderen (Stefan stammt aus dieser malerischen Stadt), dem Rezipienten seine bitteren Botschaften in süßer Ummantelung  darzureichen. Bei Thyx – wie schon zuvor bei MIAB – bilden die dicht geknüpften Klangteppiche und eine unverkennbare Liebe zur ausgefeilten, supermelodischen Elektronik das vordergründig friedliche Moment. Eingehüllt in diese tonale Klangwolke, mag dem Hörer ohrenscheinlich nichts Böses geschehen – ehe die grausame Realität auf textlicher Ebene zuschlägt: "Confirm The Rules / Undress Yourself / Empty Your Dead Soul / Observation Never Stops", heißt es beispielsweise im sarkastischen "Robots Don't Lie". Der Glaube an die Technik ersetzt den gesunden Menschenverstand. Diabolisch lächelnd, blickt der Große Bruder auf die Generation "Gefällt mir", die ihren sozialen Stellenwert nur noch über die Anzahl ihrer virtuellen Freunde definiert.

"Every Time", ein perkussiv treibender Track, behandelt dieses Thema der Fremdbestimmung. "Every Time You Have To Show / How Efficient You Are". Es ist nicht passiert, wenn es im Web 2.0 keine Bestätigung findet. Dabei ist die reale Welt so viel wichtiger und schützenswerter als diese künstliche Blase. Ein leidenschaftlicher Appell muss also her -"Our Only Home". Sanfte, stringente Beats, verträumte Klavierlinien, prachtvolle Sequenzen: Der Song feiert unsere Erde fast schon andächtig als des Menschen einzigsten Lebensort – zeigt sich aber auf textlicher Ebene skeptisch, ob diese feststehende Tatsache in das kollektive Bewusstsein vorgedrungen ist: "We Were Monsters / And Destroyed Our Earth / Is It Too Late?/ Will We Die?". Die Vocoder-Stimme lässt allerdings offen, wer da mit der Erde spricht. Vielleicht Bewohner eines anderen Planeten, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben?

Ähnlich wie bei Mind.In.A.Box, die heuer ihren zehnten Geburtstag feiern, biedern sich auch die Lieder von Thyx nie dem Hörer an. Stefan Poiss denkt seine Musik stets als Teil eines übergeordneten, großen Ganzen. Klang und Wort sind dabei untrennbar miteinander verbunden, weswegen seine Lieder einen deutlichen Hörspielcharakter besitzen. Trotz veritabler Tanzbarkeit werden die Stücke daher selten aus den Lautsprecherboxen der hiesigen Diskotheken tönen – dafür sind sie einfach zu komplex. So richtig zu Hause fühlt sich der fluffige Elektro-Sound im Kopfhörer. Von dort aus gelangt er ohne Umwege in das Gehör und entfaltet so seine stärkste Wirkung. Thyx sind das Guckloch in die Zukunft der elektronischen Musik – intelligent, fein gewirkt und für jeden Überwachungsstaat viel zu subversiv.


|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 03.06.2014||




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BILDQUELLE  © THYX RECORDS.


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