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SOPOR AETERNUS "MITTERNACHT": GOTISCHE SCHMERZENSMUTTER

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Wahrhaftigkeit. Sie ist ohne jeden Zweifel einer der Eckpfeiler aller Künste. Allein: Was lässt ein Bild, eine Skulptur, ein Schauspiel – oder auch ein Lied – wahrhaftig werden? An alle schwoofenden Schwarzkittel und frivolen Friedhofsbesucher sei die Frage gestellt: Wie wahrhaftig ist es überhaupt, dieses meist plakativ zur Schau getragene "Schwarz-Sein"? Düstere Freizeitgestaltung als eine Art launiger Karnevalisten-Treff, auf dem in pseudoalternativer Konfektionskleidung ‘Made in China’ tote Fische mit dem Strom schwimmen: Halten sie nicht gerade auch deshalb an dieser uninspirierten Gruftie-Schablone fest, weil sie für die Suche nach einer eigenen Identität längst zu bequem geworden sind? Schwarz ist Schick, Patchouli-Duft nimmt man am Rande auch noch mit – und lebt gerne in einer gefühlsarmen Hülse, deren konsumorientierte Oberflächlichkeit von der Stange im Grunde vorne und hinten nicht passt. Nur eins scheint sicher: Unerklärliche Trauer ist in diesen Reihen längst zu einer Art Lifestyle-Produkt geworden, das man nach Lust und Laune aus dem Katalog bestellt. Tiefschwarzen Seelen, die nicht nur von Tod, Schmerz oder Einsamkeit reden, sondern diese auch mit jeder Faser ihres Körpers durchleben, begegnet man hier nicht.

Ein Glück, dass es Anna-Varney Cantodea gibt: Das stimmgewaltige Wesen von Sopor Aeternus wagt sich in seinem neuesten Werk "Mitternacht" bis an den äußersten Rand der Seele vor, um ohne Furcht in einen dunklen Abgrund zu blicken – und stellt den Hörer damit auf eine harte Probe.

Nicht zwangsläufig müssen Künstler an der Welt verzweifeln, um daraus Inspiration für ihre Arbeit zu ziehen. Bei Anna-Varney ist diese unheilvoll schmerzende Melancholie jedoch Grundvoraussetzung für ihr Tun: Die eigenwillig verträumt-traumatischen Stücke, die sie sich für Sopor Aeternus aus der Seele ringt, sind fest in ihrer eigenen Persönlichkeit verwurzelt. Eine immer wieder neu zu behauptende Identität, die nicht minder durch die Transsexualität der Künstlerin geprägt ist – und Cantodea auf diese Art und Weise vor ein ewig dauerndes Rätsel stellt, das sie in ihrer Kunst zu beantworten sucht. Das Ziel: Erleuchtung.

Der Weg dahin: Aketische Isolation.

Anna-Varney macht Musik in erster Linie für sich selbst, blickt heilsuchend in einen schöpferisch-narzisstischen Spiegel, der nicht allein durch ihrem bedeutungsschwangeren Vornamen ein ständiger Begleiter ist, sondern darüber hinaus in ihrem Kosmos auch die dialogische Funktion eines christlichen Andachtsbild übernimmt. Das eigene Bild erhebt sich in seinem Rahmen zur Ikone, entspricht dem Bedürfnis der Heilsuchenden, durch kontemplative Leidens-Betrachtung die eigene Erlösung zu finden.

Für fremde Rezeption ihres schonungslos ehrlich gehaltenen Oeuvres zeigt Cantodea im Grunde nur wenig Interesse: Sie ist sich in ihrer Musik selbst genug, verweilt majestätisch unantastbar auf ihrem Leidens-Thron - und stösst den Hörer immer wieder in irdische Einsamkeit zurück.

Ob gewollt oder nicht: Der Kunstgriff geht auf.

Anna-Varney, das ist nicht zuletzt auch eine gotische Pietà, deren düster schillerndes Wesen die physischen Höllen- Qualen des Schmerzensmannes Christi und das erdrückende Seelen-Leid der Gottesmutter Maria in sich vereint. Als Mater Dolorosa führt Varney dem Betrachter ihre offenen Wunden als Gegenstand einer verehrenden Andacht vor – und demonstriert mit ihrer eigenen Qual die Rolle, die der Rezipient vor diesem Tableau Vivant einnehmen soll. So wie Varney Schmerz und Leid empfunden und auf diesem Wege ein Stück weit erlösende Erleuchtung gewonnen hat, kann der Hörer über die emotionale Anteilnahme an dieser Pein sein (Seelen-) Heil erlangen.

Verstimmte Glockenspiele, ein leichenblasses Blasensemble, weinende Streicher und schleppende Rhythmen: Sie bilden auf "Mitternacht"  die nebulöse Kulisse für Anna-Varneys geisterhaftes Wandeln, dem auch das gespenstische Cover dieses im Buchformat gehaltenen Klangwerks entspricht. Mit leicht geneigtem Marien-Haupt im flirrenden Nimbus ihres venezianischen Spitzenkragens stehend, wie ein leise verblassendes Foto, das Hologramm eines auswegslos verzweifelten Kampfes – gegen die drohende Vergänglichkeit, in grausam erstickendem Schrei gefangen, sich nach dem
Leben und der Liebe verzehrend.

Musikalisch zeigen sich Sopor Aeternus & The Ensemble Of Shadows
erneut im klassischen Chanson Noir und Dark Cabaret verhaftet. Warum auch nicht? Schließlich sind diese Stilrichtungen das maßgeschneiderte Vehikel für Anna-Varneys ins Extrem potenzierte Schwermut.

Die Ausnahmekünstlerin singt nicht nur, sie schreit, zetert, wispert, weint, schluchzt und zittert sich von einem Wort zum nächsten. Wie ein verschrecktes Tier mäandert sie durch ihre Kompositionen, nach Halt und Wärme suchend. Gleich einem Mantra heißt es in "Confessional": "I Do Believe, I Do Believe, I Do Believe, I Do, I Do Believe In Friendship... - In Friendship And Truth.“

Jedoch: Was sie findet, bleibt am Ende doch nur Einsamkeit und Schmerz. Die wieder verlorene Hoffnung trägt Anna-Varney auf "The Boy Has Build A Catacomb" zu Grabe. Morbide Blechbläserklänge flankieren dieses karge Zwischenspiel, in der ein Junge sich von der Welt verschanzt: "The Boy Has Build A Catacomb, He's Living In A Tomb Below The Ground, Where There's No Sound... - He's Hiding From The World“. Den großen Weltschmerz bringen Sopor Aeternus hier in nicht einmal drei Minuten auf den Punkt.

Dem Wahnsinn nahe präsentiert sich schließlich "You Cannot Make Him Love You": Blitzte mit "Confessional" noch ein leiser Hoffnungsschimmer auf, so drückt hier wieder ein böser Dämon seine unbarmherzigen Schwingen auf Cantodeas Schultern nieder. Mit eindringlicher Stimme verkündet er, dass der Mann ihrer Träume ganz sicher niemals ihre Nähe suchen wird – aus einem profanen Grund: "It Hangs Between Your Thighs". Hier treffen Dichtung und Wahrheit unbarmherzig aufeinander: Anna-Varney, die verlorene Seele im Fegefeuer, im grausamen Unglück ihres männlichen Körpers auf Ewig gefangen.

Bei aller Bitterkeit und Trauer
, die Varneys Poemen innewohnt: Aus ihnen erwächst eine seltsame Schönheit. Da besingt sie in "Beautiful" die Anmut eines scheinbar verletzten Wesens. Ganz klar: Sie beschreibt sich selbst, tritt aus sich heraus, betrachtet und bestätigt sich, während sanfte Geigentöne und angezupfte Streicher die Szenerie in ein funkelndes Violettschwarz hüllen.

Am Ende findet Anna-Varney für einen kostbaren Moment nicht nur die Liebe zu sich selbst, sondern nimmt auch wieder am Glück des anderen Teil. Das mittelalterlich angehauchte "Miniature" ist gelebter Seelenfrieden, zeigt die Sängerin halbwegs mit ihrer Umwelt versöhnt. In selbstlosem Verzicht freut sich Varney zunächst daran, ihren Angebeteten mit einer anderen glücklich zu sehen. Dennoch siegt am Ende die pure Verzweiflung: "I Sat There And Cried And Sobbed Like A Fool, That Nature Had Build Me In Such A Foul Way...That I Will Never Be, What She is To You.“

Wieder einmal kennt Anna-Varney Cantodea
keine Gnade mit sich selbst – und entblößt sich auf "Mitternacht" bis zur letzten Faser ihres Körpers. Was bei fragwürdigen Pseudo-Musikern, die ihre lieblosen Machwerke mit teils abgegriffenen "Gothic"-Klischees aufzuwerten versuchen, schnell ins Lächerliche driftet, wirkt bei Sopor Aeternus zu keiner Zeit aufgesetzt: Ihre Schmerzen sind echt; ihnen zu lauschen – teilweise eine Qual.

Trotzdem oder gerade deswegen hängt man begierig an ihren Lippen, verkünden sie doch das scheinbar Unmögliche: Ein echtes
Gothic-Gefühl.

|| TEXT: ANTJE BISSINGER/DANIEL DRESSLER / DATUM: 13.10.2014 |KONTAKT | WEITER: ASP "PER ASPERA ASD ASPERA" >



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