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LAMBERT & DEKKER "WE SHARE PHENOMENA" VS. MIRNY MINE "THE OTHER PART": ZURÜCK ZUR NATUR

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Große Popacts leben vom pompösen Gebaren und einer allumfassenden, perfekt durchinszenierten Show auf allen Ebenen. Doch das majestätische Moment kann sich auch im Kleinen ausformen und beim Hörer einen noch stärkeren Eindruck hinterlassen, als es so mancher Superstar jemals schaffen wird, da ihr ästhetisch ansprechendes Entertainment letztendlich wenig Nachhaltigkeit bietet.

So braucht es keine zwei Songs, um zu erahnen, welche Strahlkraft "We Share Phenomena" von Lambert & Dekker besitzt. Obgleich dieses Album so klingt, als haben sich der deutsche Pianist Lambert und der Brite Brookln Dekker in einer kleinen Kammer getroffen, um gemeinsam zu musizieren, ist dieses Album tatsächlich nur via weltweitem Netz entstanden. Doch irgendwann müssen sich die beiden ja auch über den Weg gelaufen sein - und sie sind es auch. Allerdings ist das schon fast zehn Jahre her.

Im niederländischen Utrecht fanden die beiden Künstler auf einer gemeinsamen Veranstaltung zusammen. Lambert, der stets in der Öffentlichkeit mit Stiermaske auftritt, ist für seine jazzig angehauchten Klavierminiaturen bekannt. Dekker betreibt mit seiner Frau das entspannte Alternative-Folk-Projekt Rue Royale. Schon damals war beiden Beteiligten klar, dass sich zwei schaffenskräftige Seelenverwandte gefunden haben.

Die Musik steht bei den beiden sogar derart stark im Fokus, dass nach dem ersten Treffen kaum noch große Worte gewechselt worden sind. Man kommunizierte nachfolgend nur mehr mit Musikdateien, die sich Lambert und Dekker immer wieder hin- und herschickten. Eigentlich eine ernüchternde Sache: Der eine sitzt in Berlin, der andere in Nottingham. Unromantischer könnte so ein Projekt auf den ersten Blick wahrlich nicht wirken.

Tatsächlich aber dominieren Nähe und Geborgenheit auf "We Share Phenomena". Es ist diese knisternde Spannung, die sich zwischen Lamberts vor sich hinfließenden Pianolinien und Dekkers unangestrengtem, leicht entrücktem Gesang aufbaut. Selten schmückt man dieses Grundgerüst wie bei "The Tug" und "Another One" mit dezent eingesetzten Elektronik-Geplucker und streichzarten Geigenklängen aus.

Das ist durchaus legitim und bereichert die Nummern, wäre aber auf der anderen Seite eigentlich gar nicht nötig gewesen. Schließlich reichen die enormen künstlerische Auren der beiden vollkommen aus, um auch in der reduziertesten Version noch für offene Münder zu sorgen. Den vielleicht schönsten Augenblick liefert "We Share Phenomena" dann auch mit "Bluffing", das im Grunde nur auf eine verhallte Spieluhr-Melodie basiert und im Refrain in leicht melancholische Akkorde mündet. Ebenso ist "With Your Own Kind Of Swagger" mit einer federleichten Tristesse ausgestattet, wie man sie vor allem bei Yann Tiersens Klavierkompositonen findet.

Mehr braucht es nicht, um sich auf einmal wie auf einer Lichtung in einem verzauberten Wald zu fühlen. Die Stücke dieser zwei Ausnahmetalente flirren umher wie kleine Glühwürmchen und tauchen die ganze Szenerie in ein weiches Licht. Das Veröffentlichungsdatum dieses "phänomenalen" Debüts wurde - bewusst oder auch nicht - sehr gut gesetzt. "We Share Phenomena" ist nämlich der perfekte Soundtrack für grau-vernebelte Herbsttage.

Und irgendwann zieht dann auch der Winter in unser Land mit frostigen Temperaturen und eisigen Tagen ein. Bei Mirny Mine und ihrem ersten Album "The Other Part" ist man geniegt zu glauben, dass es nur in einer solchen Jahreszeit entstanden sein konnte. Denn wie auch die Natur in den kältesten Monaten das Leben auf ein Minimum herunterfährt, sind auch die Stücke von Mirny Mine in einem mehr als bedächtigen Tempo gehalten. Wie eine beschwörende Eiskönigin, die majestätisch ihren bläulich schimmernden Palast abschreitet, trägt die Allround-Künstlerin Anna Sundström mit voller Stimme ihre Gedanken vor.

Slidige Gitarren, viel Halleffekt und wuchtige Drums sind die geschmacksgebenden Ingredienzen für ein Album, das sich irgendwo zwischen Shoegaze, Dream Pop und New Wave verortet, während Anna mit exaltiertem Organ eine weitaus düstere Version von Lana Del Rey abgibt. Besonders "Blood Will Be Shed" und "We Raise Hell" zeigen sich extrem in ihrem Zeitlupetempo. Ganz so, als versuchen Mirny Mine mit ihrer Kunst, die Zeit anzuhalten. Und manchmal hat man das Gefühl, dass sie kurz davor sind.

Nur "Wolf" bricht aus diesem Gefüge mit schweren Synthesizer-Bässen und einer treibenden Rhythmusabteilung aus dem sonst eher kontemplativen Gefüge aus. Es ist der Höhepunkt eines Albums, das das Adjektiv "cineastisch" mehr als verinnerlicht hat.

Das komm nicht von ungefähr: Sundström, die auch als Photographin unterwegs ist, scheint den Blick durch ein Weitwinkelobjektiv auch für ihre Musik anzuwenden. Ganz so, als würde man auf einer weiten skandinavischen Steppe stehen, bei der nur karge Sträucher vergeblich den Blick zum Horizont zu kaschieren versuchen. Ein rauer, arktischer Wind bläst gefühlt tausend kleine Nadeln ins Gesicht. Diesen Eindruck erhält man, wenn man sich "The Other Part" zu Gemüte führt. Irgendwie einschüchternd aber auch von einer einnehmenden, frostigen Schönheit.

Der Bandname geht zurück auf eines der größten Diamantbergwerke in der Welt, das in Sirbirien entstanden ist. Die Bilder des trichterförmigen Kraters können auch sinnbildlich für Mirny Mines Musik stehen, die sich langsam aber sicher immer weiter nach unten in die tiefsten Tiefen unserer Seelen fräst. Festzuhalten bleibt, dass dieses Album erst der Anfang von etwas Großem ist.

Ob es nun der leichtgewichtige, fließende Sound von Lambert & Dekker oder die zentnerschweren Slow-Motion-Kompositionen von Mirny Mine sind: Beide Alben wirken extrem naturverbunden, evozieren Bilder von unberührter Fauna und Flora. Und sie geben einem das Gefühl, wieder ein kleines bisschen intensiver mit Mutter Erde in Kontakt zu treten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 09.11.18 | KONTAKT | WEITER: LEICHTMATROSE VS. KARIES VS. AUA AUA >

Webseite:
www.listentolambert.com
mirnymine.bandcamp.com

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Cover ©  BMG Rights Management/ Warner (Lambert & Dekker), Novoton (Mirny Mine)

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