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VAMPIRE: UNDEAD, UNDEAD, UNDEAD!

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Als im Thriller-Epos Michael Jacksons halb verwestes Alter Ego seiner Gruft entstieg, griff der King of Pop dabei auf die gute alte Tradition der Horror-Geschichten zurück  (und nahm leider auch seinen eigenen, zombiehaften Mutationsprozess vorweg). Denn auch Musiker lieben den Schock-Effekt. Und wie könnte das besser gelingen, als mit Geschichten über Vampire, Werwölfe und andere untote Genossen; Kreischfaktor garantiert? Bei genauerem Hinsehen ist die Menge an Liedern, die Schön-Schauriges zum Inhalt haben, geradezu unübersichtlich (und natürlich längst nicht exklusives Eigentum der Batcave-Fraktion). Wir von UNTER.TON haben uns deswegen aufgemacht - und die skurrilsten und interessantesten Stücke über Dracula und Konsorten für Euch zusammengestellt...

PLATZ 5: WARREN ZEVON “WEREWOLVES OF LONDON”

Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass Warren Zevon aus Chicago die vielleicht traurigste Gestalt im Rockzirkus war: Bei den Kollegen hochgeschätzt, vom Feuilleton immer wieder als wichtiger Musiker betitelt, ging er Kollaborationen mit Bob Dylan
oder auch R.E.M. ein. Allein, es brachte ihm keinen Ruhm. Nur ein einziges Mal nahm sein Heimatland Notiz von ihm: Als er “Werewolves Of London“ veröffentlichte. In diesem Southern-Rock-Song besingt Zevon die Werwölfe aus der britischen Hauptstadt, die alltäglichen Dingen nachgehen: Einer hat sich Essen vom Chinesen geholt; ein anderer wiederum trinkt eine Pina Colada bei Trader Vic's. Zevon war ein Zyniker, seine Texte schwarz-humorig. "Werewolves Of London" brachte all dies auf den Punkt. Mehr aber noch birgt dieser Song mit seinem markanten "Awhoooo" eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Immerhin entstand das Stück auf dem Höhepunkt der Punkbewegung in England. Sind die "Werewolves Of London" also vielleicht diese kaputt aussehenden Jugendlichen? Oder geht es einfach um das Anders- Sein an sich? Und die grundlegende, gesellschaftlichen Paranoia, die entsteht, sobald gängige Raster nicht mehr greifen? In Amerika läuft "Werewolves Of London" jedenfalls regelmäßig auf den Halloween-Parties. Zuletzt erfuhr das Stück übrigens durch Kid Rock ein Revival: Dessen Song "All Summer Long" basiert auf der "Werewolf"-Pianomelodie - und dem Gitarrenspiel von Lynyrd Skynyrds "Sweet Home Alabama". Zevon, stark alkoholgeschädigt, starb 2003 mit nur 56 Jahren an Krebs.

PLATZ 4: THE BIRTHDAY PARTY "RELEASE THE BAT"

Die sexuelle Konnotation des Vampirs, der sich am Blut unschuldiger Mädchen labt, ist unübersehbar - wenngleich die ursprüngliche Sagengestalt aus Südeuropa niemals an den Hälsen jungfräulicher Damen geknabbert hat; das ist eine reine Erfindung aus dem 19. Jahrhundert. Nick Cave
hat diese Idee trotzdem, offen und impulsiv, in zweieinhalb Minuten Musik verhandelt: "Release The Bats" klingt wie archaischer Sex im Heroinrausch. "Sex Horror, Sex Bat, Sex Horror, Sex Vampire" schleudert Cave sein geistiges Ejakulat unter dröhnenden Gitarren und aufpeitschendem Glam-Shuffle ins Mikrofon. Sein "Baby" ist eine "Cool Machine", und: "She Doesn't Mind A Bit Of Dirt". Schmutzig darf es also auch sein. Später wird Nick Cave erzählen, dass er diesen Song für nicht besonders gelungen hält. Dabei überzeichnet der Australier in einzigartiger Weise die erotisch aufgeladenen Interpretationsmöglichkeiten, die der Figur des Grabesfürsten inne wohnt. Solch eine gedankliche Explosion gab es seitdem nicht mehr. Die Liebe für skurril-schaurige Geschichten hat sich Nick Cave, Goth sei Dank, auch als Anführer der Bad Seeds noch erhalten.

PLATZ 3: JOHN ALEXANDER ERICSON "VAMPIRES IN SEARCHLIGHT"
Bei allem Schrecken, den so ein Vampir auch zu verbreiten mag - irgendwie ist sein Leben zwischen den Welten ein doch sehr trauriges. Seine Abgeschiedenheit birgt etwas Melancholisches in sich. Auch für John Alexander Ericson ist dieses mystische Geschöpf Sinnbild für Einsamkeit - und eine Allegorie auf alle Individuen, die eine bewusste Isolation als Lebensform gewählt haben. “If You Live Your Life In Whispers, No One Will Hear Your Call“. Es ist keine Anklage, sondern eine Feststellung: Man kann sein Leben auf diese Weise führen – muss sich aber der Konsequenzen auch bewusst sein. “The First Sign Of Dawn, It Makes You Feel So Small, Like A Vampire In Searchlight, You Freeze And Look For A Way Out.“  Dass Ericsons Zeitlupenballade “Vampires In Searchlight“ auch in der Schwarzen Szene gehört wurde, ist kein Zufall: Wenngleich seine Musik auch mehr dem Indie-Pop verpflichtet ist, bedient dieses Lied doch alle Attribute, die von den Gothics nur all zu gerne am Revers getragen werden: Stille, Kontemplation, Introvertiertheit, Nonkonformismus. Geradezu plakativ betitelte der Sänger auch sein erstes Solo-Album: “Music For Quiet Souls“. Ein Album für den Kleinen Vampir in uns allen...


PLATZ 2: BAUHAUS "BELA LUGOSI'S DEAD"

Ein tippelndes Schlagzeug, eine minimale Bassfigur, dazu verfremdete Gitarrengeräusche, die  wie aus sumpfigen Nebelschwaden aufflackern: Es sind die ersten Takte einer neu geborenen Musikrichtung – dem Gothic-Rock. Hebamme ist der Drei-Mal-Untote Bela Lugosi
. Seine Darstellung des Dracula war derart stilbildend, dass der Schauspieler am Ende seines Lebens tatsächlich dachte, er sei der berüchtigte Fürst der Finsternis (seine langjährige Drogensucht dürfte wohl auch ihren Anteil dazu beigetragen haben). Bei seiner Beerdigung, so wird kolportiert, soll Vincent Price dem anderen großen Horror-Star Boris Karloff zugeflüstert haben, dass man zur Sicherheit noch einen Pfahl in sein Herz treiben sollte. Ob es nun Bauhaus' Absicht war oder nicht: “Bela Lugosi's Dead“ scheint eben diese untrennbare Verknüpfung von Rolle und Privatperson Lugosis mitzudenken. Spartanisch und fast schon wie ein Prediger trägt Sänger Peter Murphy den Text vor. Vordergründig beschreibt er die Beerdigung des Filmschauspielers. Doch in dieser Abschiedsszenerie wimmelt es nur so von filmischen Special-Effects: Fledermäuse steigen auf, Jungfrauen gehen am Grab vorbei. Bela kann nicht in Frieden ruhen - er ist und bleibt ein Untoter. Dieses beschwörende, repetierende “undead“ - es ist die bewusst kitschig gehaltene Huldigung des Meisters des Vampir-Horrors. Obwohl der Darsteller aus dem damaligen Ungarn-Österreich in nur zwei Filmen den Dracula mimte, ist sein Name bis heute untrennbar mit dieser transsylvanischen Berühmtheit verbunden. Auch die Bauhäusler unterscheiden bereits nicht mehr: Stets ist von Lugosi in diesem Song die Rede - aber nie von Dracula. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit sind so verschwommen, wie dieses neunminütige Stück Zeitgeschichte.

PLATZ 1: PAUL ROLAND "NOSFERATU"

Verschrobene und exaltierte Personen sind sein Metier: Paul Roland, Schriftsteller, Musiker, Journalist, Fachmann für Esoterik und Gesundheits-Guru, hatte sie alle: Opiumsüchtige, Piraten, Giftmischer – und natürlich auch “Nosferatu“. Die Herkunft dieser besonderen Vampirspezies ist übrigens bis heute nicht geklärt: Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei diesem Begriff um das rumänische “Nesuferitu“ handelt, eine Umschreibung für den Teufel (wörtlich: “der Nicht-zu-Ertragende“). Durch sprachliche Barrieren - und die daraus resultierenden Missverständnisse - wurde daraus schließlich Nosferatu. Ihre optische Erscheinung verdankt diese Figur übrigens den stilbildenden Filmen von F.W. Murnau
(1922) und Werner Herzog (1979). Sicherlich hat sich Roland von diesen cineastischen Werken beeinflussen lassen, als er das sechsminütig Dark-Wave-Epos zu Papier brachte. Bei aller orchestralen Opulenz (inklusive übermächtigem Orgelspiels) blickt der Musiker doch auf eine traurige Szenerie, die er zu gleichen Teilen distanziert und mitfühlend beschreibt. Nosferatu ist eine deprimierende Gestalt, die verdammt ist, zwischen dem Dies- und Jenseits zu wandeln. Er isst alleine zu Abend - und malt sich seine fahlen Wangen an, um wenigstens ein bisschen Menschlichkeit auszustrahlen. Nosferatu ist der traurige Clown, der sein Dasein verflucht. Denn der Tod kommt ihn einfach nicht holen, macht sich sogar über ihn lustig (“He'll Rail The Reaper, Curse Him Low, He Who Waits And Mocks Him So“). Die Orgelparts klingen gerade so, als würde der kahlköpfige und faulzahnige Nosferatu selbst das Instrument bedienen: Voller Wehmut und Verzweiflung ist dieses Spiel, der über den ganzen Song hinweg einen durchaus gebildeten, distinguierten Eindruck hinterlässt. Am Ende bleibt nur noch Sympathie für dieses Wesen aus der Zwischenwelt...

|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 27.08.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: TOP 5 SONGS ÜBER DAS RADIO >>


FOTOS © ANTJE BISSINGER / UNTER.TON.


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