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BLINDZEILE "VOLIERE": GÖNN' DIR WAS GUTES!

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Eine Voliere ist ein überdimensionierter Vogelkäfig. Es ermöglicht den gefiederten Freuden zwar eine größere Freiflugfläche, grenzt sie aber dennoch ein. Gleichzeitig sind sie Schutz vor Fressfeinde. Doch bedeutet es auch, dass wer in einer Voliere lebt, die Welt mit einer gewissen Sicherheit betrachten kann. Das Albumcover verweist auf diese mögliche Lesart: Durch das Gitter sehen wir das bunte Treiben, der sowohl schön als auch schrecklich sein kann. Wobei das verschwommene Bild bewusst unkonkret bleibt.

Damit setzt Blindzeile bereits den Tenor des Albums, ohne dass auch nur die erste Note ertönt. Wer aber das Projekt seit seinem Debüt "Wiedersehen" von 2017 verfolgt, weiß genau, dass das Spiel mit Gedanken und Worten immer an vorderster Stelle steht, während die fluffig-liquiden Kompositionen ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. David nennt es Keller-Pop, doch der Blindzeile-Sound strahlt heller als die 40-Watt-Funzel in den modrigen Gewölben.

Besonders jetzt, weil "Voliere" im Vergleich zu seinen Vorgängern einen noch definiteren Klang offenbart. Es scheint so, als seien letzte kompositorische Unsicherheiten und Fragen aus dem Weg geräumt und der Kern von Blindzeile freigelegt. Schon "Vor dem 4. April" setzt ein tönernes Statement - in Form einer sich langsam aufbauenden und intensivierenden Instrumentalpassage, die sich über zweieinhalb Minuten entfaltet. Und dann der Text: "Du gönnst mir Gutes. Ich bin bereit dafür". Auch wenn es Blindzeile zu uns singt, sind es Sätze, die man dem Musiker zurufen möchte.

Gleich nachfolgend in "Kurz vor gleich" tippelt eine Gitarre, begleitet von einer groovenden Basslinie, während die Rhythmussektion entspannt die ganze Szenerie begleitet. Und wieder sind es die Aussagen von Pümpin, die Aufmerksamkeit verdienen: Die Nummer ist dem klassischen "Carpe diem" - Motto gewidmet. Allerdings versieht der Sänger seine Gedanken mit einem kleinen Twist. Nicht das Erreichen aller Ziele führt zur seelischen Zufriedenheit, sondern das Loslassen, um nur wenige Punkte abzuarbeiten.

Blindzeile macht "Musik für Träumerinnen, Träumer sowie Albtraumgeplagte", so die eigene Definition. Letztgenannte finden sich in den düsteren Momenten wie "Stets zu ihren Gunsten", einer recht unverblümten Kritik auf autokratische Strukturen, die sich zunehmend ausbreiten, sicherlich bestätigt und verstanden, während die somnambulen Sounds, die man in die Nähe von The XX verorten kann, den Schrecken zu nehmen scheint. Und wenn "Mensch im All" so schwebend wie ein Astronaut im Orbit an einem vorüberzieht, beginnt die Welt, ihre Strukturen aufzulösen und in ein amorphes Bild über zu gleiten.

Für den Moment muss man "Voliere" das beste Album des Projektes nennen. Da wir aber das hier bereits mit den Vorgängern auch schon gemacht haben, können wir mit einer ziemlichen Sicherheit sagen, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Doch bis uns Blindzeile mit weiterem Material erfreuen wird, genießen wir erst einmal "Voliere", das wie ein großer Käfig uns gleichsam melancholisch macht und doch beschützt wirken lässt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 17.04.26 | KONTAKT | WEITER: THE TWILIGHT SAD VS. THE SILENCE INDUSTRY>

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COVER © BLINDZEILE

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