12/26: KIKU FEAT. BLIXA BARGELD & BLACK CRACKER, ZIEMBA, DINA SUMMER, CABARET VOLTAIRE, BUNNY BLACK - NEUES KOMMT, ALTES KOMMT ZURÜCK
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Hinter Kiku verstecken sich Trompeter Yannick Barman und Percussionist Cyril Regamey. Bereits vor neun Jahren haben sie zusammen mit dem unangefochtenen Unikat deutscher Avantgarde, Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) und dem multidisziplinären Künstler Black Cracker gemeinsame Sache gemacht. "Eng, düster und bang" hieß das Ergebnis seinerzeit und war genau das - eine beklemmende Platte, in der es keine Hoffnung mehr zu geben scheint. Ein fast prophetisches Werk, angesichts der kurze Zeit später folgenden Hiobsbotschaften wie Corona, Klimawandel und anderen gesellschaftsverändernden Ereignissen der 2020er. Aufgrund der seitdem stattfindenden Entwicklungen, die alles andere als positiv waren, hätte man eigentlich erwarten können, das "Suzhou/It's All The Rage" noch fatalistischer, noch düsterer ausfällt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das dieses Mal strikt in zwei Teile getrennte Werk präsentiert Bargeld und Black Cracker separat. Besonders Blixas Performance besitzt im Zusammenspiel mit der fein ziselierten Elektronik und dem hellen Trompetenspiel eine subtile Komik. Teilweise sehr offensichtlich bei "The Number Of The Millibeast", das mit einem Lächeln Iron Maidens Klassiker persifliert. Black Cracker dagegen sorgt mit seiner Darbietung aus Spoken Word und HipHop den bedeutend ernsteren Teil. Barmans Trompetenspiel rückt durch die ruhigere Atmosphäre deutlich in den Vordergrund. Vor allem "Leaping Bull (Chicago)" zeigt sich von einem tiefen Gospel-Schmerz durchzogen, während "The Running Of The Bulls" mit eindringlichen Rap-Passagen und einem orchestralen Sound punktet. Genau das macht die Dynamik von "Suzhou/It's All The Rage" aus: Mit Blixa Bargeld und Black Cracker treffen zwei unterschiedliche poetische Systeme aufeinander. Es entsteht Reibung und konträre Stimmungen, zusammengehalten lediglich von einem gemeinsamen Klangkonstrukt. Das zweite Album ist eine logische und durchdachte Weiterführung der ersten Begegnung der Musiker. Durch den scharfen Schnitt entstehen tatsächlich zwei Mini-Alben, die aber dennoch miteinander verbunden sind.
Da ist also diese Frau, René Kladzyk, die als Journalistin arbeitet und vor allem über das US-Einwanderungssystem und das Verteidigungsministerium berichtet. Ein sicherlich stressiger Job in diesen Zeiten. Aber sie ist auch unter dem Moniker Ziemba unterwegs, wo sie ihre Musikalität auslebt. Und wie sie es macht! "The Braid" ist ihr bereits viertes Album und zieht so ziemlich alle Register. ihre kunstvolle Ineinanderverschränkung von alternativem, sophistischem Pop mit Indie-Folk - unter einer kleinen Beimengung von New Wave - macht die Platte zwar nicht auf Anhieb zum Ohrenschmeichler. Aber mit jedem weiteren Hörern verstehen wir René und ihre musikalische Vision ein bisschen besser. Ab einem gewissen Punkt erkennen wir dann: Das ist großes, emotional aufgeladenes Theater. Barocke, weitschweifige Pop-Köstlichkeiten wie "The Pleasure Seekers" (mit einem mitreißenden Drum-Intro), ins Unendliche gleitende Balladen wie "All Of It" und die verschrobene Schönheit dissonanter Töne, die in "The Only Forever" aufgefahren werden, belegen eindeutig, dass René Kladzyk alles sein will, nur kein Pop-Sternchen, das man nach ein paar Minuten wieder vergessen hat. Sie fällt durch ihren gekonnten Stilmix auf, der bis in die tiefen 70er zurückreicht. Vor allem "Utopia" zeigt, dass die Musikerin ein großer Verehrer von Burt Bacharach sein muss. Anders kann man den swingenden Sound und Renés leicht laszives Timbre nicht deuten. Der Song ist neben dem stürmisch-wavigen "We Implode" sicherlich der Höhepunkt eines Albums, das auch sonst nicht mit zündenden Ideen geizt. Ziemba zeigt sich mit "The Braid", das sie mit sehr viel Ruhe in den wenigen freien Momenten, die ihr Journalistinnenleben noch übrig ließ, komponiert hat, voller Detailverliebtheit und nachdenklicher Texte. Sechs Jahre zwischen zwei Veröffentlichungen sind zwar eine verdammt lange Zeit, aber das Ergebnis lässt sich hören. "The Braid" ist ein kunstvoller Klangcocktail, den man sich nur all zu gerne einverleibt.
Mittlerweile muss man nicht mehr viel über Dina Summer sagen. Sie haben sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Größen auf der Schnittstelle zwischen Italo-Disco, EBM und Post-Punk gemausert. Das Joint Venture zwischen dem Produzentenpärchen Local Suicide und Frittenbude-Tastenmann Jakob Häglsperger alias Kalipo ist mittlerweile schon zugkräftiger als ihre eigenen Projekte. Wie sagt man so schön? Dina Summer ist mehr als die Summe ihrer Teile. "Children Of The Night" belegt dies ein weiteres Mal. Das Trio hat inzwischen so etwas wie eine produktive Routine entwickelt. In diesem Fall ist Routine nicht negativ zu verstehen. Das Mini-Album (wobei neun Songs plus Extended-Versionen eigentlich als vollwertige Veröffentlichung durchgehen kann) wirkt wie aus einem Guss und zeigt, dass Dina Summer einerseits sehr unterschiedlich und doch kongruent klingt. So folgt auf dem extrem technoid-minimalistischen "Komodo 3000" (das übrigens nichts mit dem Techno-Hit "Komodo" von Mauro Picotto zu tun hat) das sehr wavige "On The Road" - luftige Stromgitarre und melodiöse Synthielinien inklusive. Natürlich bilden die extrem wuchtigen Tanznummern wie "Fuel" die Kernkompetenz des Dreiergespanns. "Children Of The Night" zeigt dabei eine interessante Haltung gegenüber der Schwarzen Szene. Man merkt, dass sie Kenner sind, wollen sich aber nicht von ihr vereinnahmen lassen. Also setzen sie den Fokus auf die imaginäre Visualität. Ihre Nummern sind derart schnieke, dass sie auch als Untermalung für eine freakige Modeschau passen könnten. "Children Of The Night" besitzt einmal mehr diese Eleganz, die sich aus den dunklen Klängen und einer chromglatten Soundoberfläche speist. Bei den oben erwähnten Extended-Mixen haben Dina Summer speziell die tanzbaren Stücke herausgesucht. Wobei die meisten "langen" Versionen kaum die Fünf-Minuten-Grenze passieren. Ist wohl den jungen Grufties geschuldet, deren Konzentrationsspanne vielleicht auch nicht mehr die längste ist. Das tut der tollen Atmosphäre auf "Children Of The Night" aber keinen Abbruch.
Viele Faktoren müssen zusammenfallen, damit sich eine Band vom Avantgarde-Nimbus loseisen und zum kommerziell erfolgreichen Act mutieren kann. Bei "Code" von Cabaret Voltaire sind diese Faktoren dagewesen. Das Projekt von Richard H. Kirk selig, Stephen Mallinder und Chris Watson befand sich Mitte der 1980er Jahre zunehmend auf Hitparadenkurs. "The Crackdown" von 1983 bildete die deutliche Abkehr vom sperrigen Elektroklang früherer Tage. Schon dieses Werk erschien beim Plattenriesen Virgin Records. Viere Jahre später ist "Code" in Zusammenarbeit mit EMI entstanden. Es waren die Goldschürferjahre für die Pop-Industrie; das Geld saß locker und die künstlerischen Freiheiten waren weitgehend unangetastet. Das macht "Code" zu einem spannenden Zeitdokument, das auch aus einem anderen Grund immer noch zu den beliebtesten Alben der Anhänger zählt. Cabaret Voltaire haben sich mit der zunehmend technologisierten Welt und die sich daraus ergebenen Spannungen auseinandergesetzt - weit vor Start des World Wide Web und anderer Meilensteine auf dem Weg zur vollkommenen Digitalisierung des Lebens. Zwar wirkt der samplebasierte, prätechnoide Sound ein bisschen angestaubt, zeigt aber auch die Freude an der gerade aufkommenden neuen Technologie, deren Verfügung auch nur aufgrund des großzügigen Plattenvertrages realisiert werden konnte. Aber was nützt die schönste Technik, wenn die Muse nicht vorbeikommt, um mal einen Knutscher dazulassen? Bei Cabaret Voltaire war das glücklicherweise nie ein Problem. Dass das damalige Duo (Watson stieg vorher bereits aus) den Weg in den Pop suchte, war nur von Vorteil. Schließlich zeugen ihre nonkonformen Klänge von ihrer anarchischen Vergangenheit. Das macht Stücke wie "White Car", "Thank You America" und "Life Slips By" widerborstig genug, um nicht als rundgelutschte Electro-Pop-Nummern durchzugehen. Gut, dass dieses lange Zeit vergriffene Juwel neu aufgelegt wird - übrigens als prall gefüllte 3-CD-Box mit jeder Menge aufpolierten Remixen aus jener Zeit plus unveröffentlichte Mischungen. Fanherz, was willst Du mehr?
Dass man mit dem Game Boy nicht nur putzige Spiele spielen, sondern auch Musik machen kann, ist ein alter Hut. Die 8-Bit-Szene ist eine kleine, aber höchst aktive Vereinigung von Musikern, deren Liebe für die tragbare Videospielekonsole ihre Kunst befeuert. Allerdings haben Bunnyblack aus Palermo einen interessanten Weg gefunden, das Gerät in ihre Kompositionen einzubinden. Die krümeligen Sounds sind bei "00:00", dem ersten Album von Francesco Less und Maiqqu nach einer Reihe aufsehenerregender EPs, immer präsent, werden aber mit einem düsteren Darkwave mit viel dröhnenden Gitarren und knurrenden Bässen gekreuzt. Das Ergebnis ist ein eigenständiger Klang, bei dem sich die brüchigen Sequenzen mit den organischen Instrumenten auf angenehme Art und Weise verbinden. Dabei werden die Aufgabenbereiche gerne auch mal getauscht. Sprich: Die 8-Bit-Maschinen dürfen den Rhythmuspart übernehmen, so dass "Crossing The Edge Tonight" das Album mit stoischem Four-On-The-Floor-Beats eröffnet (und Unwissende erst einmal glauben lässt, dass wir es hier mit einer weiteren Electroclash-Scheibe zu tun haben). Ganz anders mutet "Black Nails" an, das bereits mit dem rollenden Bass viel mehr Postpunk in sich trägt, selbst wenn sich die erodierende Elektronik später Platz verschafft. Maiqqu, der gleichzeitig für Game-Boy-Töne und Gitarre zuständig ist, liebt augenscheinlich den Gegensatz dieser beiden Tonerzeuger, während Francesco den Bass zupft und sich mit einem angenehm melancholischen Timbre seine Gedanken, die gemäß dem Titel von der Nacht inspiriert sind, zum Besten gibt. Mit "00:00" schafft der Zweisitzer ein extrem spannendes Album, bei dem die musikalische Spielfreude mit einer klaren künstlerischen Vision einhergeht. Im besten Fall entstehen dadurch Stücke wie "Nucleus", die zweifelsohne das Zeug haben, zu einem Dauerbrenner auf den Tanzflächen zu werden. Abgerundet wird der Erstling mit "May I", das auch die etwas experimentellere Seite des Projekts aufzeigt. Danach bleibt einem eigentlich nichts mehr anderes übrig, als auf die Wiederholungstaste zu drücken, um das Spiel von vorne beginnen zu lassen.Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt. Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER.TON Redaktion
POP SHOPPING:
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER.TON Redaktion
POP SHOPPING:





Du möchtest eine dieser CDs (oder einen anderen Artikel Deiner Wahl) online bestellen? Über den oben stehenden Link kommst Du auf die Amazon.de-Seite - und wir erhalten über das Partner-Programm eine kleine Provision, mit der wir einen Bruchteil der laufenden Kosten für UNTER.TON decken können. Es kostet Dich keinen Cent extra - und ändert nichts an der Tatsache, dass wir ein unabhängiges Magazin sind, das für seine Inhalte und Meinungen keine finanziellen Zuwendungen von Dritten Personen bekommt. Mit Deiner aktiven Unterstützung leistest Du einen kleinen, aber dennoch feinen Beitrag zum Erhalt dieser Seite - ganz einfach und nebenbei - für den wir natürlich außerordentlich dankbar sind.
Webseiten:
Covers © Everest Records (Kiku feat. Blixa Bargeld & Black Cracker), Ziemba, Iptamenos Diskos (Dina Summer), Mute (Cabaret Voltaire), Bunnyblack
ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON
Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.
© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014