"SELECTED WORKS 2025" VS. "GRENZWELLEN 14" - TÖNE, KLÄNGE, EMOTIONEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

"SELECTED WORKS 2025" VS. "GRENZWELLEN 14" - TÖNE, KLÄNGE, EMOTIONEN

Kling & Klang > REVIEWS TONTRÄGER > VARIOUS ARTISTS
Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts sind verkorkst. Das muss in aller Deutlichkeit so ausgesprochen werden. Den Startschuss gab das Corona-Virus, dessen pandemisches Wüten auch unsere Gesellschaft nachhaltig veränderte. Zudem steuern wir mit unverminderter Geschwindigkeit auf klimatische Kipppunkte zu, während weltweit Autokraten bestehende Ordnungen für ihre eigenen Interessen niederreißen und durch zweifelhafte bis gefährliche neue Werte ersetzen, beziehungsweise längst überwunden geglaubte Gedanken wieder salonfähig macht.

Wenig also vorhanden, was in dieser Zeit wirklich Hoffnung auf Besserung macht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: lauthals protestieren oder sich aus allem zurückziehen. Der Autor dieser Zeilen bevorzugt Letzteres, weswegen die Arbeit bei UNTER.TON immer mehr zu einem eskapistischen Ausgleich wird, um mit der Welt fertig zu werden. Das Seelenheil findet er in der Welt der Musik.

Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich um handgemachte oder synthetische Musik handelt. Vordergründig geht es um Emotionen und Authentizität, die ein/e Künstler/in in die Kunst implementiert. Und dann gibt es natürlich auch die Menschen, die das erkennen und es einem breiteren Publikum präsentieren.

So ist das Label Cold Transmission seit einigen Jahren in Sachen Neuentdeckungen in der Abteilung Cold Wave und Post Punk federführend. Die Aufmerksamkeit auf dieses, vom Ehepaar Andreas und Suzy Herrmann mit Liebe geführte, Unternehmen nimmt erfreulicherweise zu, ist aber für den Geschmack des Autors immer noch viel zu gering. Deswegen ist "Selected  Works 2025" eine verbindliche Handreichung für all jene, die sich immer noch nicht mit dem illustren Artist Roster der Plattenfirma vertraut gemacht haben.

Da wäre gleich zu Beginn des Kompendiums die Musikerin S Y Z Y G Y X, die im vergangenen Jahr mit "Sinner" eine Platte von enormer Schlagkraft auf den Markt brachte. "Climax" zählt - nicht nur wegen des Titels - zu den Höhepunkten dieser Veröffentlichung. Von daher ist es fast schon selbstverständlich, dass sie mit diesem Song vertreten ist. Aber auch Kalte Nacht (mit dem Nightcrawler-Remix von "Trustfall" zu hören) oder auch die wunderbaren Crying Vessel, die mit ihrem "Sepulchers" Doppelalbum ein bockstarkes Opus Magnum ersonnen haben (von dem das elektropoppige "Falling In Love With A Ghost" nur einen Bruchteil ihres Talents preisgibt, weswegen auf dem Sampler auch noch das deutlich rockigere "For What It's Worth" dazugepackt wurde), prägen das an Highlights reich gespickte Jahr für Cold Transmission.

Dabei achten die Labelbetreiber einzig auf ihr Bauchgefühl: Nicht allein das Genre zählt, sondern was daraus gemacht wird. Oliver Decrow beispielsweise bringt mit "Trapped Inside" einen traditionell anmutenden Coldwave-Tanzflurfüller, der auch 30 Jahre zuvor hätte veröffentlicht sein können. Indes hat Ozibut mit seinem sehr eigenständigen Electro-Sound sowie seiner alerten, leicht artifiziellen Fast-Sprechstimme einen ganz eigenen Klangkosmos, den er auf seinem Longplayer "Multifacette" weiter perfektionierte. "Bientôt" repräsentiert die Stärken des französischen Musikers.

Und da sind noch so viel mehr Bands und Projekte, die eigentlich jede für sich besprochen werden müssten. Doch das würde den Rahmen der Rezension kolossal sprengen. Bleibt nur abzuschließen mit den dürren Worten: "Selected Works 2025" ist ein stimmiger Querschnitt durch die stets hochgelobten Cold-Transmission-Alben.

Zwar kein Label, aber eine viel gehörte Radiosendung darf Ecki Stieg sein Eigen nennen: "Grenzwellen" besitzt bis heute Kultstatus und konnte sich über die Jahrzehnte (mit einer größeren Pause) bis heute halten. Das liegt vor allem auch an Stiegs Wandel des eigenen musikalischen Geschmacks. Im besten Sinne als Steigbügelhalter agierend, verschaffte er in den 1990ern Bands wie Deine Lakaien und Wolfsheim größere Bekanntheit und war auch sonst im Gothic-Sektor eine Koryphäe und so etwas wie der große Weise der Subkultur.

Mittlerweile scheint aber in der Schwarzen Szene alles erzählt zu sein, weswegen der Mann aus Rehren/Auetal seinen Blick auf vertracktere, kompositorisch anspruchsvollere Elektronik- und Neoklassikkünstlerinnen und -künstler richtet. Seine digital veröffentlichten "Grenzwellen"-Sampler vereinen auditive Schönheiten, die zwischen harten elektronischen Klängen, flächigen Ambient-Teppichen und kontemplativen Streicher- und Pianoarrangements angesiedelt sind. Mittlerweile auch zu einer liebgewonnenen Tradition geworden, veröffentlicht Ecki diese Sampler als Adventskalender: jeden Tag ein Song. Am Ende steht ein musikalischer Wintergruß mit 24 Songs im virtuellen Schallplattenschrank.

Beziehungsweise sind es bei "Grenzwellen Vierzehn" sogar 26 Stücke. Die Weihnachtsfeiertage 2025 wurden also auch musikalisch bedacht. Natürlich: "The same procedure as every year, Ecki". Der mittlerweile sich im besten Renteneintrittsalter befindende Mann hat das Gespür und das Wissen, aus dem Überangebot an Musik die Juwelen rauszuklauben. Verträumt bis meditativ kommen die Stücke daher, besonders "Faceless Ground" von Aerial Ship Of Flowers oder das schwebende "Christmas In Outer Space" von Adeptus Mechanicus gehören zu den funkelnden Schönheiten dieser Zusammenstellung. Die Stücke klingen so wie frisch gefallener Schnee aussieht, auf dem die Sonne die Eiskristalle zum Funkeln bringt.

Dazwischen überrascht der tönerne Adventskalender mit einigen stilistischen Ausbrüchen. Sankt Ottens "An Ending (Ascent)" besitzt latente Michael-Rother-Schwingungen, "A High Age" von Thy Veils ist entgegen der Gepflogenheiten ein Song mit (wenn auch nur spartanisch eingesetzten) Lyrics. Besonders das tiefenentspannte "Find Yourself" von ASC, das sich hinter dem 25. Türchen verbarg, ist ein intelligent gesetzter Song. Seine fließenden Klänge bilden das Fundament für die Aussage des Titels: zur Ruhe kommen, sich selbst finden, innere Einkehr vollziehen. Und am Ende entlassen uns Zaké featuring William Basinski mit ihrem amorphen Stück "Spes", lateinisch für Hoffnung, das mit verwaschenen Vogelstimmen am Ende der Nummer ein "es wird schon alles wieder" zu flüstern scheint.

Denn was bleibt einem momentan auch anderes übrig als der Glaube an eine bessere Zukunft? Schlussendlich geht es hier jedoch um die Kraft der Musik, die in einer Welt voller Dissonanzen und Kakophonien so etwas wie Halt und Aufmunterung schenkt. Und dafür kann man Cold Transmission und Grenzwellen nicht dankbar genug sein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.01.26| KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 1/26>

Webseite:

Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.
Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER-TON Redaktion


Cover © Cold Transmission ("Cold Transmission Selected Works 2025"), Katrin Rathsfeld/Grenzwellen ("Grenzwellen Vierzehn")

ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON


Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.



                                                   © ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||

Zurück zum Seiteninhalt