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PARADE GROUND "STRANGE WORLD": SCHATTENKRIEGER DES SYNTHIE-POP

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Eigentlich hätten Parade Ground zu den ganz großen der elektronischen Musikszene werden können. Doch das Brüsseler Brüderpaar Jean-Marc und Pierre Pauly stand zeitlebens im Schatten der schier übermächtigen Landsleute von Front 242. Das liegt vielleicht auch am eigenwilligen Stil von Parade Ground: 1981 gegründet, bewegte sich das Projekt im Bereich des Cold Wave - ließ aber nach und nach auch tendenziell poppige Elemente zu. Jetzt gibt es im Rahmen der “Club Classics“-Reihe des Labels Infacted Recordings erstmals eine umspannende Zusammenfassung dieser völlig unterschätzten Gruppe...

Es knackt und rauscht ganz gewaltig auf dem Silberling: Viele Stücke dieser Retrospektive wurden anscheinend direkt von der Platte überspielt. Da sind wohl die Masterbänder verschollen. Das passt allerdings zu einer Gruppe, an die sich heutzutage nur noch die wenigsten erinnern - obgleich ihr musikalisches Talent schon zu Beginn ihrer Laufbahn erkannt wurde. Besonders Front 242 (und später auch Wire-Mitglied Colin Newman) leisteten den Pauly-Brüdern immer wieder Schützenhilfe - und wohnten der Produktion ihrer Singles bei.

Besonders “Took Advantage“ ist eine bemerkenswerte Maxi, die das verschwisterte Duo auf der Höhe ihres Könnens zeigt: Der Titelsong, sowie das Stück “Moral Support“ leben von ihrer Spannung, die sich aus eingängigen Melodien und unangepasster Attitüde ergeben. Allen voran Jean-Marcs überspitzter, exaltierter Gesang besitzt etwas zutiefst dadaistisches. Scheinbar an den Tönen vorbeigeschrammt, erhalten die Lieder auf diese Weise einen seltsamen, der Welt entrückten Charme.

Parade Ground vereinen vieles, was später bei anderen Künstlern wie Anne Clark
oder Boytronic wieder zum Vorschein kommt. Dennoch enthielten diese noch stark dem Cold Wave verpflichteten Stücke bereits erste Anzeichen für eine stilistische Neuausrichtung: Mit der Veröffentlichung “Dual Perspectives“ Anno 1987 ist diese Metamorphose dann auch weitestgehend vollzogen. Weniger Ecken und Kanten, dafür eine höhere Melodiedichte und eingängigere Gesangspassagen wurden zu den Geboten der Stunde. Die Ergebnisse lassen sich hören: “Gold Rush“ oder “The Moan“ sind progressive Synthie-Pop-Perlen – energisch, leidenschaftlich, aber gleichzeitig kühl und distanziert.

Perfekt fängt diese Zusammenstellung die musikalische Vision der Gebrüder Pauly ein, die innerhalb einer Dekade zwei wesentliche Strömungen der alternativen Szenen mitgestalteten. Zudem können Fans und Musikarchäologen sich auf weitere, bislang unveröffentlichte Stücke freuen, die Ende der 80er produziert wurden.

Rückblickend betrachtet, ist es unverständlich, warum “Entertain Me“, “A Day At The Park“ und “Marble Mind“ 25 Jahre lang unter Verschluss gehalten wurden: Gerade diese drei Songs gehören zu den Highlights dieses tönernen Kompendiums. Hier stimmt einfach alles: Der Gesang fügt sich endlich nahtlos in die auf den Punkt gebrachten Kompositionen ein, bleibt aber nach wie vor markantes Alleinstellungsmerkmal.

Abgerundet wird “Strange World“ durch rare Live-Mitschnitte, die zwar von miserabler Tonqualität sind, aber erahnen lassen, mit welcher Energie Jean-Marc und Pierre ihre Live-Sets absolvierten. Da sind sie dann wieder, die ungestümen Elektroniker, die, wie so viele Belgier zu dieser Zeit, der elektronischen Musik entscheidende Impulse für ihren Fortbestand geliefert haben.



|| TEXT: DANIEL DRESSLER // DATUM: 27.08.2014 ||| DEINE MEINUNG? MAIL SCHREIBEN! || WEITER: ROME "A PASSAGE TO RHODESIA" >>




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BILDQUELLE © INFACTED RECORDINGS.


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