3/17: SUNTRIGGER, ROBIN FOSTER, ALEC EMPIRE, TALE OF US, BLANK & JONES, MATZINGHA - WENN WORTE ÜBERFLÜSSIG WERDEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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3/17: SUNTRIGGER, ROBIN FOSTER, ALEC EMPIRE, TALE OF US, BLANK & JONES, MATZINGHA - WENN WORTE ÜBERFLÜSSIG WERDEN

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

"Thank You For The Music" sangen vor bereits 40 Jahren die schwedischen Pop-Exporteure von ABBA. Dies darf auch getrost den folgenden Bands zugerufen werden, lassen sie doch tatsächlich nur die Klänge ihrer Instrumente und Computer sprechen. Und dies auf bezaubernde Art und Weisen.

Manchmal reicht schon eine minimale Besetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug aus, um eine Wunderwelt der Töne zu zaubern. Wobei das auch nur die halbe Wahrheit bei Suntrigger aus Münster ist. Denn die Musiker basteln daneben noch mit Synthesizer, Mellotron, Samples und Keyboards an einer spacigen Grundausrichtung ihrer Nummern. Deswegen ist der Titel "Interstellar" und das dazugehörige epische Artwork durchaus keine protzige Prog-Rock-Pose, sondern die exakte bildliche Beschreibung dessen, was dem Hörer widerfährt, wenn er sich in die klanglichen Weiten dieses Albums begibt. Angeführt von einem energetischen Gitarrenspiel, das zwischen akkurater Rhythmik und schwelgerischer, fast schon barocker Melodieführung pendelt, entfalten sich die Stücke langsam aber beharrlich. Da darf dann auch mal ein fast schon an Jean Michel Jarre gemahnendes Elektronik-Inro bei "Unbreakable" den Platz einnehmen oder Schlagzeuger Marcel Bach bei "Mojave/The Unheard Call In The Desert" mehrere Minuten lang sein Können in einem "solo furioso" unter Beweis stellen. "Interstellar" ist tatsächlich ein kosmischer Trip, teilweise mit soundbasiertem Warp-Antrieb wie beim knackigen "Go Ahead/Make my Day", teilweise aber auch wunderbar im Raum schwebend wie bei "Suntrigger". Den Schlusspunkt setzt der Titelsong mit einem immer langsamer werdenden Rhythmus und einem finalen Quietschen der Gitarre. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 63 Minuten vergangen und das Suntrigger-Raumschiff hat wieder festen Boden unter den Füßen, nachdem es uns durch ihren eigenen, höchst spannenden Klangkosmos geführt hat.

Auf eine ähnlich auditive Reise geht es mit Robin Foster, dessen ganze Liebe den wuchtigen Saitenspielen gilt. Zwar sind zwei Stücke auf seinem Werk "Empyrean" mit Gesang. Da aber der Großteil dieses teilweise transzendental zu nennenden Werkes gänzlich ohne Worte auskommt, sollte es hier unbedingt besprochen werden. Foster, ein britischer Multi-Instrumentalist, dürfte am ehesten druch die Zusammenarbeit mit den Jungs von Archive bekannt sein. Ein Teil dieser durchdacht ätherischen Post-Rock-Nummern mit elektronischem Anstrich erinnern auch an jene Gruppe. Allerdings will es Foster sich und auch seinen Hörern nicht zu einfach machen. So dürften die knackigen Gitarrenriffs in "Argentina" und das angezerrte Gegniedel bei "Vauban" dem einen oder anderen Muse-Fan sicherlich nicht uncharmant sein. Und "The Hardest Party", eigentlich auch wieder ein Vokalstück, wartet mit einem wunderbar verwaschenen Intro auf, das man eher von skandinavischen Bands erwartet. Hier sublimieren die Töne in den Raum und erfüllen die Luft mit seltsamen, fast schon spirituell zu nennenden Schwingungen. Doch "Empyrean" driftet nie völlig weltentrückt in anderen Sphären ab. Dafür sorgen die kompromisslos einfallenden Gitarren sowie rhythmische Härte. So beginnt beispielsweise "Roma" noch cineastisch verklärt, ehe am Ende ein veritabler Post-Rock sich breit macht. "Empyrean" trägt einen sanft in die Lüfte, um dann im Sturzflug wieder auf den asphaltierten Boden der Tatsachen zurückgeworfen zu werden. All das geschieht in erstaunlich kurzer Zeit: Kaum ein Stück überschreitet die Vier-Minuten-Grenze. Und dennoch packt der britische Melodienmagier so viele Wendungen und Ideen rein, dass einen das Gefühl beschleicht, hier ein breit angelegtes Werk zu hören, dessen eigenwilliger Charakter sich mit jedem Stück mehr entwirrt und am Ende nur noch ein Gefühl von Freiheit da ist, das wie ein warmer Strom durch die Adern fließt.

Für seine musikalisch radikalen Ideen ist auch Alec Empire bekannt. Als kreativer Kopf der Atari Teenage Riot schuf er einen Hybrid aus aggressivem Techno mit Einflüssen aus HipHop und Punk. Das ganze wurde dann - benannt nach Empires gegründetem Label - Digital Hardcore getauft. Doch der Berliner Junge bleibt weiterhin eine musikalische Wundertüte, die immer wieder dann überrascht, wenn man es am wenigsten erwartet. Mit "Volt" stellt er nun sein Talent als ernstzunehmenden Filmkomponisten unter Beweis. Der gleichnamigen Film von Regisseur Tarek Ehlail mit Benno Fürmann in der Hauptrolle wird indes kontrovers diskutiert. Kritiker bemängeln häufig den vorhersehbare Plot um einen Polizisten, der einen Flüchtling tötet und aus Schuldgefühlen die Seiten wechselt. Allerdings wird dem Drama zugute gehalten, dass er über eine intensiv dystopische Atmosphäre verfügt. Das dürfte sicherlich auch an Empires Score liegen, der zwischen breitwandigem Sound und technoider Strenge die entsprechenden Szenen punktgenau getroffen hat. Grundsätzlich unterlegt er die menschenunwürdigen Aktionen der gewalttätigen Polizei mit computerisiertem Geboller und schepperndem Industrial, während ruhige, melancholische Klavierpassagen und anpirschende Streicherarrangements von Leid, Trauer und Angst der Flüchtlinge berichten. Jeder dieser musikalischen Pole birgt großartige Höhepunkte: Die drei "Shadow Boxing"-Themen beispielsweise erinnern an übervolle Berliner Technokeller in Zeiten der Wiedervereinigung, während "Following Her - Torturing The Witness" wie aus einem Stahlwerk klingt. Emotionaler Höhepunkt aber ist "Love While Death Is Watching", das reduziert mit Bass und Schlagzeug beginnt und sich zu einer melancholischen Klavierballade erhebt. Der Mittvierziger lässt laut und leise so gekonnt aufeinander folgen, dass sich automatisch Bilder im Kopf formen. "Volt" klingt wie aus einem Guss, selbst wenn man den Film nicht zu Gesicht bekommen hat.

Das zerebrale Lichtspiel zu befeuern, scheint übrigens einzigstes Ziel des italienischen Projektes Tale Of Us zu sein. Das Gute daran: es gelingt! Matteo Milleri und Carmine Conte schaffen mit ihrem Album "Endless" eine perfekte Gratwanderung zwischen (Dark) Ambient und Klassik, angereichert mit einigen filmischen Soundscapes. Ihre Mixtur war sogar den Herren der Deutschen Grammophon aufgefallen, die Tale Of Us sogleich unter Vertrag genommen haben. Einen ähnlichen spektakulären Quereinsteiger in ein traditionelles Label gab es zuletzt vor rund 20 Jahren, als der DJ und Musikproduzent Ludovic Navarre alias St.Germain mit seiner cocktailbaraffinen House-Jazz-Platte "Boulevard" das legendäre Blue Note Label für sich gewinnen konnte. Das Erfolgsrezept bei Tale Of Us ist schnell ausgemacht: Auf einem repetierenden Thema laufen verschiedene, fast wie improvisiert klingende Melodieverläufe. Dabei kann die Grundstruktur wie bei "Ricordi" ein arabesk fließendes Piano, bei "Alla Sera" ein dumpf gefiltertes Stakkato-Geigenspiel, oder ein sich in die Weite ergehender Soundfluss sein, das gerade bei "Distante" durch das getragenes Tempo eine noch stärkere Anziehungskraft bewirkt. Apropos: "Endless" verzichtet weitestgehend auf Beats und Rhythmus. Nur pointiert gesetzte Trommelschläge hie und da verankern die Nummern in ihrer Geschwindigkeit, halten sich aber ansonsten zurück und lassen den Tönen, die an karge, skandinavische Weiten, geheimnisvolle Unterwasserwelten, aber auch an weiße Strände unter strahlend blauem Himmel und einen Flug über den Wolken erinnern, genügend Raum, um sich zu entfalten. "Endless" ist eine Meditation über die wunderbare Welt des Klanges, ein kontemplatives Ausloten der Möglichkeiten zwischen Elektronik und Klassik, ganz im Geiste Brian Enos oder auch Philip Glass. Auch Tale Of Us bleiben in ihren Texturen minimal und erschaffen dabei Großes.

Weniger ist mehr - diese Devise trifft auf Blank & Jones eigentlich nicht zu. Wenn die beiden DJs und Musikproduzenten uns nicht gerade mit raren 80er-Maxis verwöhnen oder auf ihren erfolgreichen Reihen "Milchbar", "Relax" und "Chilltronica" entspannte Klänge für Club-Sophisten veröffentlichen, verfallen sie in ihren selbstgeschriebenen Songs gerne dem üppigen Vocal-Trance-Sound. Doch mit "#WhatWeDoAtNight" kehren sie davon ab. Die Songs sind stark auf den Rhythmus zugeschnitten und verweigern jeglichen jubilierenden Moment sowie obligatorische Gesangsstrophen. Doch gerade daraus ergibt sich eine unnachahmlich Dynamik. So scheint der Titelsong mit seinen flirrenden Sequenzen immer drauf und dran zu sein, auszubrechen. Doch die beiden Musiker halten ihn unnachgiebig im Zaum. Ebenso deutet das nachfolgende "Nighttime" die Liebe des Duos für den Italo-Disco nur an, verfällt ihm aber nicht komplett. Immerhin sind Einsprengsel wie die balearische Gitarre an Valerie Dores "The Night" angelehnt - ein Fest für spitzfindige Musiknerds und popkulturelle Gescheithaferl. Blank & Jones haben ein Club-Konzept-Album erschaffen, das versucht, die Magie und das Unaussprechliche der dunklen Stunden eines Tages in Töne zu fassen. "Die Macht der Nacht" nannte sich eine der ersten großartigen Veranstaltungen, die das Genre Techno in der Bundesrepublik verankerte. Genau dahin wollen uns die beiden Musikspezialisten wieder zurückbringen. Jeder verwischte Sound erinnert an den Geruch von Eisnebel, jede knackende Basslinie an die Stroboskoplichter auf der Tanzfläche. "Adult Electronica" nennen sie das, was auf "#WhatWeDoAtNight" zu hören ist. Ja, die "Raving Society" kommt zwar in die Jahre, aber noch nicht aufs Altenteil. So darf es dann auch mal bei "Seven Souls" etwas knarziger zugehen, in "Under The Stars" ein wenig mit Acid-Trance kokettiert werden oder auf "Escape" ein sich majestätisches Klanggebilde erheben, ehe der Beat es aus den Wolken und in die Diskoteheken zurückholt. Hauptsache, die Nacht ist mit Musik gefüllt - ehe die letzten Beats im Morgengrauen verklingen und man sich wieder zurückgebeamt fühlt in eine Zeit, als noch so vieles möglich schien.

Abschließend entführt uns noch Matzingha mit seiner drei Song umfassenden EP "Matterhorn" zwar nicht auf denselbigen - würde es in diesen luftigen Höhen aber ein DJ-Set von den vorher besprochenen Blank & Jones geben, könnte das Projekt als Anheizer der Party durchaus reüssieren. Schließlich zeigt sich der junge Berliner Musiker Marcel Nowak, so sein bürgerlicher Name, ziemlich sattelfest, wenn es um unaufgeregten, urbanen Techno geht. "Matterhorn" biedert sich dabei nicht so schamlos dem Massengeschmack an, wie es beispielsweise die unsäglichen Tracks eines Robin Schulz oder Felix Jaehn tun. "Whymper" und vor allem das eisige "Tyndall" besitzen immer noch so viel Kante, dass man gerne seinen Stücken lauscht, die sich über einen trockenen Beat und sauber eingebettenden Basslinie langsam entwickeln. Auch das abschließende "Lochmatter" arbeitet mit einer wunderbar, von einer feinen Melancholie durchzogenen Melodie, die einen an eine arktische Eishöhle erinnert, in der das einfallende Sonnenlicht die Wände in ein blaßblaues Farbenspiel taucht. Matzingha macht es wirklich sehr geschickt: Nach diesen drei Stücken sehnt man sich nach mehr. Innerhalb von rund 20 Minuten versteht man sofort, was der Junge vorhat - und ist begeistert. Natürlich ist es noch zu früh, von einem ganz großen der Techno-Zunft zu sprechen. Dafür tummeln sich in dieser Branche einfach zu viele herum. Dass der Weg sicherlich steinig ist, zeigt sich auch in seiner Vita: Seit sieben Jahren ist er bereits als DJ und Musiker unterwegs, vor allem seine Mix-Sets "Therapiestunden" finden einige begeisterte Hörer. Sein sicheres Gespür für richtige Arrangements und einnehmende, umarmende Melodieläufe resultieren sicherlich aus diesem langen Vorlauf, der sich aus der Entwicklung eigener Ideen und dem Durchstöbern aktueller Produktionen speist. Vielleicht hat es solange dauern müssen, denn was "Matterhorn" zu bieten hat, ist amtlich, ausgereift und auf den Punkt gebracht. Und beim EP-Titel zu bleiben: Das kann nur die Spitze des Eisberges sein, was Matzingha hier präsentiert. Da kommt bestimmt noch mehr.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 04.04.17 | KONTAKT | WEITER: DVD: THE BEAUTY OF GEMINA "MINOR SUN - LIVE IN ZURICH" >

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Webseiten:
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www.facebook.com/RobinFosterMusic
www.alec-empire.com
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www.blankandjones.com
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Cover © Timezone (Suntrigger), Membran (Robin Foster), Deutsche Grammophon/Universal Music (Tale Of Us), Dependent/Al!ive (Alec Empire), Soundcolours/Soulfood (Blank & Jones), Springstoff Records (Matzingha)

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