5/26: NEIN DANKE, DREAMWAVE, YAN WAGNER, HYENO, IAMX - LIEBE GEHT RAUS
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Als Adnan Abbas und Nadine Abbas-Klein das erste Mal auf der musikalische Landkarte auftauchten, hießen sie noch Verneblung und hatten 2021 mit "Ready To Drown" eine zum Corona-Jahr wunderbar schwermütige Electro-Scheibe auf den Markt gebracht, die auch in unserer Redaktion für viel Entzückung sorgte. Doch die beiden waren mit Verneblung recht schnell durch - zu traurig, zu niedergeschlagen, live kaum umsetzbar. Im Umfeld anderer Bands wie Team Scheisse und Pisse entdeckten sie den rohen Electropunk für sich, den sie nun gekonnt kultivieren. Aus Verneblung wurde Nein Danke, nur der Existenzialismus bricht sich immer noch Bahn durch die Kompositionen. Allerdings nicht in Form höchster Melancholie, sondern mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Renitenz. In der prosperierenden NNDW sind sie mit ihrem aktuellen Werk "Wo soll das enden?" auf jeden Fall ganz vorne dabei. Die knarzigen Electropunk-Miniaturen, allesamt unter der Drei-Minuten-Grenze angesiedelt, destillieren das Gefühl absoluten Furors, der sich aus der Unzufriedenheit über die Gesamtsituation speist. Anders gesagt: Nein danke haben den Kaffee auf und wollen Veränderung. Denn auch wenn ihre verzweifelte Frage im Albumtitel eher sorgenvoll klingt, wollen Adnan und Nadine nicht die Hoffnung aufgeben, sondern auf dem Vulkan tanzen. "Die Welt ist Lava" und das seit einigen Jahren erfolgreich herumgeisternde Nonkonformismusstück "Ich bin nicht cool" preschen mit ordentlich Gas nach vorne. Auch "30 km/h" gießt das anarchische Moment perfekt für uns Autofahrernation ein. "Mit 30 km/h auf der Autobahn" - wenn da die deutsche Volksseele nicht vor Wut schäumt, wenn so etwas passiert. Das Duo rumpelt durch ihre Songs, dass eine Art hat. Der Ideenreichtum, der solche Juwelen wie "Wie Tag und Nacht" hervorbringt, ist bemerkenswert. Deswegen: Nein danke? Ja bitte!
Weiterentwickelt und den technischen Möglichkeiten sowie wandelnden Hörgewohnheiten immer offen gewesen, ist Psychedelic Rock auch nach knapp 60 Jahren immer noch existent - zwar nicht mehr so breitenwirksam wie während der späten 1960er Jahre, dafür aber grundsolide in den einzelnen Ländern mit ihren jeweiligen Helden verankert. England kann sich indes über einen tollen Zuwachs in der Szene freuen: Dreamwave aus Bristol haben sich in den vergangenen Jahren einen einwandfreien Leumund erspielt und kommen nun mit der Doppel-EP "Drifter/Moondoogs" um die Ecke, in der sie ihr ganzes Können präsentieren. Verhallte Vocals, fuzzige Gitarren und eine treibende Rhythmusabteilung sind die eigentlich erwartbaren Zutaten für eine bewusstseinserweiternde Rock'n'Roll-Scheibe, wie sie vermeintlich überall zu erstehen ist. Aber ihre Stärke liegt nicht darin, das Genre neu zu (zer)denken, sondern sich auf die Kraft der Songs und deren Kompaktheit zu konzentrieren. Besonders das bereits vorab veröffentlichte "Over You" implementiert den Punk geschickt in ihre Komposition, ohne die Eingängigkeit außer Acht zu lassen. Aber auch "Moon Buggy" ist auf so plakative Art und Weise spacig, dass es einfach eine Freude ist, ihnen zuzuhören. Das Stück wäre doch die perfekte Untermalung für eine weitere Mondbegehung, die ja bereits in Planung ist. Dagegen ist "Murmurs On The Dunes" geradezu bedrohlich mit seinen alerten Riffs. Auf der anderen Seite kann sich das Quintett auch ganz in wolkige Klanglandschaften zurückziehen. Die gedankenverlorenen Gitarrenparts und die haschumwölkten Lyrics in "Weeping Walk" zeigen die introvertierte Seite der Band, deren Stern gerade erst zu leuchten beginnt. Wir blicken weiter gespannt auf die Entwicklung von Dreamwave.
Interessant ist ebenfalls das, was uns Yan Wagner mit "Aether" vor die Füße wirft. Wir erinnern uns: "Couleur Chaos" (2021) und "This Never Happened" (2018) wurden von UNTER.TON bereits weihevoll vorgestellt, weil der Franko-Amerikaner eine gewagte Mischung aus distanziertem Crooning und käsiger Diskothekenelektronik geschaffen hat, die wie die Untermalung für eine TV-Dokumentation für verlassene oder runtergekommene Tanztempel anmutet. In seinen Songs fühlt man sich wie in einer schlecht beleuchteten Kneipe mit Plastikpalmen-Interieur, die von Menschen frequentiert wird, deren Tanztempelkönigzeit längst vorbei ist. Nun also "Aether"- und nichts ist mehr so wie es scheint. Das macht bereits die kreischende Gitarre im Intro, die sich genüsslich ausbreitet, deutlich. Sie stellt unmissverständlich fest: Jetzt weht ein anderer Wind. Keine cheesy Tanzmucke mehr, dafür ein wesentlich erdigerer Sound, teilweise mit eher triphoppigen Klängen. Mit anderen Worten: Yan Wagner hat die 70er-Dissen verlassen und sich in die Clubs der 90er und 2000er verschanzt. In "Corridors" wagt Wagner sogar ein amouröses Stelldichein mit schummrigen Streichern, zeigt sich bei "Aethernité" extrem fluffig und lässt in "Miami" sogar Autotune seine Stimme neu definieren. Dabei hat er gerade das überhaupt nicht nötig. Denn wenn etwas seine Kunst ausmacht, ist das sein sonorer Bariton, der sich vor Größen wie Lee Hazlewood oder Frank Sinatra nicht verstecken braucht. Bleiben wir noch bei "Miami", da er mit dem französischen Text einem anderen großen Namen sehr nah kommt: Serge Gainsbourg. Wobei es aber auch völlig wumpe ist, zu welcher Art Musik Yan sein wundervolles Organ erstrahlen lässt. Daher ist auch "Aether" trotz der komplett neuen stilistischen Ausrichtung wieder einmal ein erstaunliches Werk geworden.
Normalerweise ist es nicht unsere Art, über eine Single zu schreiben, wenn sie nur aus ein oder zwei Songs besteht. Entgegen des mittlerweile vorherrschenden Trends, die Aufmerksamkeit auf einzelne Stücke zu legen, was auch größere Formate wie EPs und LPs auf Dauer obsolet machen würde, bespricht UNTER.TON weiterhin nur größere Veröffentlichungen, um die Musik einer Band, Künstlerin oder eines Künstlers im gesamten zu sehen. Bei Hyeno nun machen wir eine Ausnahme. Und das liegt vor allem an der Besonderheit ihrer Stücke. Obgleich das schwedische Projekt nicht die große Reichweite erzielt, existiert es schon seit mehr als 25 Jahren. Mit "Faunah" gibt es einen ersten Vorgeschmack auf ein neues Album, und zwar in Gestalt der Songs "Mutant" und "Samsara". Hyenos große Stärke (und vielleicht auch der Grund, warum sie nicht die Massen auf sich vereinen), liegt in ihren anspruchsvollen elektronischen Instrumentalen, die sich nicht an die Tanzfläche anbiedern, aber mit ihren doch akzentuierten Beats zu energetisch sind, um als Dark-Ambient-Stücke durchgewunken werden zu können. "Mutant" beispielsweise schleicht die ganze Zeit mit flirrenden Sounds, elegischen Synthie-Streichern und einer weichen Basslinie umher, sodass die Nummer wie die Ouvertüre zu einem düsteren Cyberpunkthriller klingt. "Samsara", in der buddhistischen Religionslehre den ewigen, leidensvollen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bezeichnend, bringt ebenfalls mit umherwürmelnden Melodiefetzen, ausgeprägt effektvollen Rhythmen und redundanten Momenten eine unheimliche Stimmung hervor. "Hyeno" steht für einen sehr spezifischen Sound, der Bilder im Kopf entstehen lässt, die vorwiegend dunkel eingefärbt und hochauflösend eine postapokalyptische Szenrie zum Leben erwecken.
Bei Chris Corner ist die Musik nicht einfach nur Mittel zum Zweck. Sie ist Selbstvergewisserung, ultimativer Ausdruck und Auseinandersetzung mit seinem innersten Wesen. Deswegen ist der Mann, der seit mehr als 20 Jahren als IAMX unterwegs ist, so bewundernswert wie unberechenbar in seiner Kunst. Zwischen verschwenderisch-dekadenten Dark-Pop-Perlen der Marke "The Great Shipwreck Of Life" bis hin zu experimentellen Alben wie "Machinate" verlangt er nicht nur selbst, sondern auch seinem Publikum alles ab. Während der letzten Touren bot er im Merch mit "Unmasked" und "IAMIXED" zwei Werke an, die sich mit dem Liedgut seiner beiden "Fault Lines" Alben auseinandersetzten, und die jetzt der Allgemeinheit im Netz angeboten wird. Während bei "Unmask" vor allem auch B-Seiten zu hören sind ("Radical Self Love" und "There Will Be Times When I Need To Hurt You" zählen zu den besten Stücken Corners in letzter Zeit), setzt "IAMIXED" auf komplette Neuinterpretation des Originalmaterials. Sicherlich ist es eine Herausforderung, den ohnehin vertrackten Klangkosmos von IAMX zu entschlüsseln und einigermaßen sinnvoll neu zusammensetzen. Dafür braucht es ebenso furchtlose Künstler wie Corner selbst einer ist. So fügen Holy Braille "Disciple" brummende Bässe und markigen Beats hinzu, Damn The Witch Siren geht auf "Thanatos" sogar noch einen Schritt weiter und bringt neben treibenden Sequenzen auch Chris' Stimme computerbasiert in Bewegung, sodass er auf einmal wie ein Cyborg klingt. Und der Clubdrugs Rework von "The X ID" schickt das Stück in eine neonfarbene Pseudo-80er-Kulisse - mit Chris Corner in schwarzblau-metallischem Outfit. Aber genau diese Chuzpe benötigt es, um dem Ausnahmekünstler IAMX gerecht zu werden. Ein würdiger Abschluss der "Fault Lines"-Phase, die zu den stärksten seiner so wechselvollen Karriere zählt.Kurze Info in eigener Sache
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Covers © Rookie Records (Nein Danke), Stolen Body Records (Dreamwave), Yotanka Records (Yan Wagner), Shortlist Records (Hyeno), Nexilis (IAMX)
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014