KLEZ.E "EINMAL MEHR MIT DIR GEGEN DIE FURCHT": WEICHE SCHALE, HARTER KERN
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Man kann nur orakeln, was Sänger Tobias Siebert und seine Mitstreiter Filip Pampuch und Daniel Monheit nach "Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht" machen werden. Ob sie die Anfangstage wieder aufleben lassen und, wie es das Debut "Leben daneben" von vor über 20 Jahren eindrucksvoll gezeigt hat, gediegenen Alternative-Rock aus der Kiste kramen, oder den eingeschlagenen Weg hin zu dunklen Wave-Pop-Perlen weiter verfolgen: niemand weiß es.Jedenfalls sind sie seit dem 2017er-Werk "Desintegration" - ein Albumtitel, der nicht nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern dem kompletten Zaun selbst ist - stets auf den Spuren von The Cure wandelnd. Musikalisch sowieso, indem sie den langgezogenen Wave-Sound der britischen Vorbilder okkupieren. Textlich allerdings, und das ist der feine Kniff, den Klez.e von anderen Post-Punk-Epigonen unterscheidet, überraschen sie mit bildgewaltigen deutschsprachigen Zeilen, die einen großen Interpretationsspielraum zulassen, gleichzeitig aber so deutlich sind, um als T-Shirt-Spruch riesige Absatzmärkte zu erreichen.
Nach "Erregung" (2024), das mit dem gleichnamigen Song das vielleicht wichtigste künstlerische Vermächtnis eines Landes im Zeitenwendemodus enthält und auch sonst in allen Belangen eine elegante, niemals klischeehafte Niedergeschlagenheit pflegt, sind sie nun mit "Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht" zumindest auf klanglicher Ebene etwas zutraulicher. Aber Popmusik ist das alles immer noch nicht - Goth sei Dank.
Die in den Texten festgehaltenen Gedanken verharren aber nach wie vor unter grauen Wolken. Am Ende gelingt Klez.e mit "Herbst" auch noch ein grandioser Ringschluss zu "Mauern" aus "Desintegration". Hat dort Siebert noch seine Kindheit und frühe Jugend im Osten besungen und den Wunsch, einmal in Berlin-Wedding wohnen zu können, geäußert, so ist er nun von all dem "Westglück" erschöpft - das ist beileibe auch keine Floskel, sondern nah an Sieberts Lebensrealität: Der Musiker hat vor einigen Jahren Berlin den Rücken gekehrt und betreibt nun mit seiner Frau einen kleinen Hof in der Einöde Mecklenburg-Vorpommerns. Doch wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, gelingt das Komponieren anscheinend gleich noch mal so gut.
Wir durchleben mit Siebert ein Wechselbad der Gefühle. Wie es der Titel schon anmerkt, überstehen diese Zeit "in der sich Krise in Krise in Krise verzweigt" (noch einmal aus "Erregung") nur jene, die einen Partner an ihrer Seite wissen. Das klingt fast schon hochromantisch - vor allem, wenn wie in "La Boum" das Gegenüber mit dem vielleicht bekanntesten Teeniefilm der Welt verglichen wird. Eine Liebesbekundung in einer Zeit, in der die Hoffnung auf weltpolitische Besserung langsam aber sicher schwindet. "Und vielleicht bricht diese Welt zusammen. Vieles fühlt sich danach an" gibt sich Siebert in diesem Song nachdenklich. Wer mag Siebert da widersprechen?
Denn in der Gesellschaft ist der Diskurs verloren gegangen. "Paradies" zeigt dies auf. "Vielleicht war soviel Wissen für einen allein nicht gedacht". Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und unüberschaubare Informationsflut lässt uns mittlerweile keine Luft zum atmen mehr. Darüber hinaus finden sich unter den ganzen Nachrichten auch hanebüchene Informationen, deren Wahrheitsgehalt gegen null tendiert. Doch der Bürger ist (noch) nicht mündig und lässt sich mehr von Emotionen als von Fakten leiten.
Und so zerlegt Siebert das bundesdeutsche Empfinden und greift sich einzelne Aspekte heraus, um sie verklausuliert zu thematisieren. Es bedarf allerdings weder eines Germanistikstudiums, noch eines großes Vorwissens um die Band, um die Intentionen zu verstehen. Klez.e sind besorgt um die gegenwärtige Situation und sehen nur in der Zweisamkeit den Ausweg aus dem Dilemma. Die Liebe findet sich auf diesem Album in den Arrangements, die lichtdurchlässiger wirken, als es die beiden Alben je sein konnten. Diese stehen als Antithese zu den teilweise schmerzhaft authentischen Stücken ("Ich sehe es an mir", "Einer mehr im Zement"). Aus dieser Diskrepanz entsteht die Spannung, die das Werk mühelos trägt und es so zum potentiellen Album des Jahres avancieren lässt.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 19.06.26 | KONTAKT | WEITER: AIMING VS. FIR CONE CHILDREN VS. WHOLE>
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