YAN WAGNER VS. TIKTAALIK VS. SN-A: THE DARK SIDE OF THE DISCOKUGEL - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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YAN WAGNER VS. TIKTAALIK VS. SN-A: THE DARK SIDE OF THE DISCOKUGEL

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Wenn sich eine cineastische Tanzszene ganz tief in das kollektive Bewusstsein eingefräst hat, dann wohl jene von "Saturday Night Fever": John Travolta in weißer Hose, weißem Jackett, darunter ein schwarzes Hemd, streckt in einer selbstbewussten Pose den rechten Zeigenfinger gen Himmel: The only way is up! Sein Blick durchdringt den Betrachter und lässt alle Strapazen seiner tristen Alltagswelt hinter sich. In der Diskitohek wird der kollektive Traum einer vereinigten Gesellschaft geträumt, in der es ein "angry young man" von der Straße zum König des Tanzparketts schaffen kann.

So weit die Idealvorstellung. Doch wo viel (Stroboskop)licht, da auch viel Schatten. Neben den dekadenten "Studio 54"-Epigonen hat sich zeitgleich ein Tanztempel-Paralleluniversum entwickelt, das die zweifelhafteren und von der Gesellschaft ausgeschlossenen Gestalten beherbergt. Diese Etablissements sind von den schnieken Edelclubs in allen Belangen natürlich meilenweit entfernt.

Folgerichtig hat sich ein neuer Sound für die dunkle Seite der Discokugel entwickelt - roh, minimal, düster und existenzialistisch. Er beeinflusst bis heute viele Musikproduktionen.

In dieser ominösen Zwischenwelt aus billigem Glitzerfummel abgehalfterter Drag-Queens und dem abgeschmackten Chic diverser Dorfdissen-Märchenprinzen (stilecht mit Fliegerbrille und Schnauzbart) bringt sich Yan Wagner ins Spiel. Der Franko-Amerikaner balanciert sein zweites Album "This Never Happened" derart fein aus, dass man ihm die käsigen, düsterfunkigen Sounds von "Blacker" oder "Slam Dunk Cha Cha" tatsächlich abnimmt. Manch anderer wäre an so einem Unterfangen gescheitert. Doch nicht Yan.

Was ihm dabei zu Gute kommt, ist sein unglaublich weicher und gleichzeitig distanzierter Bariton, in seiner stimmlichen Hybris und überheblichen Grandezza mit Bryan Ferry oder auch David Bowie vergleichbar. Jedoch bebt sein Organ geradezu mächtig aus den Lautsprecherboxen. Man höre sich nur die ersten Takte von "No Love" an: Crooning in Perfektion.

Wagner, der sich selbst als großer Bewunderer von Frank Sinatra und auch Lee Hazelwood bezeichnet, schafft es, die betörende Nonchalance und beiläufige Coolness großer Entertainer in ein Korsett aus krickeliger Heimorgel-Elektronik zu packen, sodass man bei "This Never Happened" zwischen Tristesse und Glamour hin- und hergerissen ist.


Dementsprechend darf er es sich auch erlauben, mit "It Was A Very Good Year" ein Stück des großen Entertainers Sinatra zu covern. Doch wo im Original zarte Streicher Dankbarkeit über die erlebten "guten Jahren" ausgießen, schleichen sich bei Wagner dissonante Elektronik-Töne und Weltraum-Klänge ein, die dem Stück eine deutlich melancholischere Lesart zuschustert. Denn "This Never Happened" fordert zu jeder Zeit zum Tanz mit seinen eigenen Ängsten auf.

Ganz und gar in eine meditativ-hypnotische Innerlichkeit verstiegen wirken dagegen die Songs von Tiktaalik, die mit ihrem gleichnamigen Debüt nicht weniger versuchen, als das musikalische Erbe der Melancho-Elektroniker von Portishead, Leftfield und Faithless mit der exaltierten Sangesdarbietung einer Björk zu kombinieren. Das estländisch-deutsche Duo, bestehend aus Sängerin Layn und Musiker MoS Renaud, triphopt sich durch die jüngere synthetische Klangerzeugungshistorie, baut aber auch entspannte Bläser und voluminöse Streicher in ihre Kompositionen ein und scheut sich wie bei "Habits" nicht vor der treibenden Kraft einer schnurstracks durchlaufenden Bassdrum.

In der Regel justieren sich die Tiktaalik-Nummern auf eine smoothe Geschwindigkeit, die dank massiver perkussiver Ausarbeitung aber nicht einfach nur lieblich dahinplätschern, sondern immer von ihrer selbst auferlegten Wichtigkeit ihrer Existenz künden. Sicherlich werden "Colours" oder "He Won't Come" über verschlungene Pfade auch zu den schummrigen Diskotheken der Republik finden.

Dort wird man nicht nur tanzen, sondern Layn zuhören. Sie hebt die Nummern in die künstlerisch wertvollen Sphären, setzt in den zunächst zaghaften Anfängen von "Time Limit" einen absichtlich atonalen Gesang auf, um ihrer Aufgewühltheit eine Unmittelbarkeit zu verschaffen, ehe basslastige Elektronik sie dabei unterstützt. Zuvor zeigt sie in "Higher Hopes" unter schwermütigem Violinenspiel eine reduzierte Performance, die an die schummrigen Bar-Jazz-Sounds gemahnt und von kaltem Rauch des Abschieds umwölkt ist.


Apropos:  Auch die Nacht hält nicht ewig, und jeder Discobesuch findet irgendwann mal ein Ende. Welch grausamer Moment, wenn in den Clubs das Arbeitslicht aufflackert und somit auch dem letzten verbleibenden Gast zu verstehen gibt, dass diese Scheinwelt nun sich aufzulösen beginnt. Der letzte Gruß vom DJ-Pult an den harten Tanzkern - er könnte zukünftig "Distance" von SN-A sein. Denn der Zweitling des Seitenprojekts von Sevren Ni-Arb, besser bekannt als treibende Kraft bei der Electro-Formation X-Marks The Pedwalk, ist zweierlei: treibender Trance-Soundtrack und kontemplativer Ambient-Kleinod, quasi ein Ying und Yang elektronischer Tongestaltung.

So bringen die auf Vierviertelbeats getragenen Melodien von "Origin" (die Notenführung mag ein wenig an Jean Michel Jarre erinnern) das befreiende Moment des Tanzes zurück, nachdem "Horizon" und "Noise Radar" mit jubilierenden Sequenzen und getragener Atmosphäre einem Klang gewordenen Sonnenaufgang gleicht; die üppigen Arrangements legen sich wie die warmen Strahlen unseres Gestirns auf uns, durchpulsen den vom Taumel über die Tanzfläche strapazierten Körper und findet in "Traces" eine spannende Balance zwischen meditativen Flächen und forschen Arpeggio-Linien mit Gitarreneinsprengseln.

Mehr als eine Stunde lang lotet "Distance" die Möglichkeiten zwischen adrenalingetränkten Rhythmen und atmosphärisch dichten Sequenzen aus, sodass das Album einen eigenen Kosmos erschafft, der einerseits nur Kraft der Melodien und ihrer Zusammensetzungen einen fast schwebenden Zustand erreicht, andererseits aber auch granitene Noten einbaut, was die zwölf Nummern nie zu esoterisch oder über allen Dingen schwebend zurücklässt.

Sevrens musikalisches Wissen, das er über die Jahrzehnte seiner Karriere angehäuft hat, nutzt er für dieses Werk voll aus und versucht, daraus etwas buchstäblich ungehörtes zu kreieren. "Distance" ist die Suche nach dem neuen, dem überraschenden Moment in der Synthesizer-Kompositorik. Gleichzeitig führt es uns noch mal deutlich vor Augen (und Ohren), was Musik sein kann: nämlich Mittel zu absoluten Vergewisserung des Individuums, der im Tanz, aber auch in der inneren Einkehr sich zu spüren und - im besten Fall -  sich zu erkennen beginnt.

Denn Tanz bedeutet nicht nur Zerstreuung, sondern auch immer ein Zurückgeworfen werden auf das eigene Sein. Yan Wagner, Tiktaalik und SN-A eröffnen mit ihren musikalischen Mitteln diese Metaebene und bringen den Existenzialismus auf den Dancefloor. Vielleicht nicht so adrett wie einstmals John Travolta, aber dafür unmissverständlich.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 14.05.2018 | KONTAKT | WEITER: PRADA MEINHOFF VS. YOSHUA VS. LES TRUCS>

Webseite:
www.facebook.com/yan.wagner.official
www.tiktaalik.info
www.sna-music.com


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COVER © HER MAJESTY'S SHIP (YAN WAGNER), TANGRAMI REC./ALTONE (TIKTAALIK), MESHWORK MUSIC/AL!VE (SN-A)

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